Der doppelte Ritter der Strasse

Der Rickenbacher Daniel Braunwalder ist "Ritter der Strasse". Diese Ehre ist ihm bereits zum zweiten Mal zuteil geworden - als einzigem in der Schweiz. Braunwalder hat bereits zwei Menschen vor dem Tod bewahrt.

Yolande Michaud
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Daniel Braunwalder aus Rickenbach ist der erste "Ritter der Strasse", dem zweimal diese Ehre zuteil wird (Bild: Urs Bucher)

Daniel Braunwalder aus Rickenbach ist der erste "Ritter der Strasse", dem zweimal diese Ehre zuteil wird (Bild: Urs Bucher)

In seiner Fahrerkabine mustert der 46-jährige Daniel Braunwalder mit wachem Blick die Umgebung. Seiner Aufmerksamkeit entgeht nichts. Der Chauffeur stand am 13. Februar um 15.45 Uhr mit seinem Lastwagen an einer Lichtsignal-Kreuzung in Wil, als sich auf der Gegenfahrbahn ein Sattelschlepper bei Grün in Bewegung setzte, um abzubiegen. Eine 57-jährige Serbin befand sich mit ihrer 35-jährigen Tochter noch auf dem Fussgängerstreifen, obwohl das Lichtsignal bereits auf rot gewechselt hatte. Der Rickenbacher hupte und benutzte die Lichthupe, um den Chauffeurkollegen zu warnen.

Dieser reagierte nicht. Braunwalder sprang daraufhin aus seiner Fahrerkabine, um den Lastwagenfahrer per Handzeichen zu stoppen. Dieser hatte beim Abbiegen die beiden Fussgängerinnen übersehen und nicht bemerkt, dass die Jüngere gestürzt und vor die Achse des Aufliegers gerollt war. Mit seiner Geistesgegenwart rettete Braunwalder der 35-jährigen Frau das Leben. "Ich habe einen siebten Sinn und merke sofort, wenn Gefahr droht", erklärt Braunwalder sein Handeln. Nachdem die Polizei an der Unfallstelle eingetroffen sei, habe er seine Tour ganz normal fortgesetzt. "Erst sechs Monate nach dem Unfall bedankte sich die Frau für meinen Einsatz."

Als Retter bescheiden geblieben
Sehen – Handeln – Weiterarbeiten: Solche Handlungsabläufe seien typisch für ihn, sagt der Familienvater bescheiden. "Es ist selbstverständlich für mich, dass ich einschreite, wenn es brenzlig wird", fährt Braunwalder mit ruhiger Stimme fort. Auch seine Familie teile diese Haltung. Alle hätten ihn beglückwünscht – er habe seine Sache gut gemacht – danach seien sie wieder zum Alltag übergegangen.

Auch die Arbeitskollegen und Vorgesetzten in der Transportfirma in Wil gratulierten ihm zu seinem Einsatz. Der Preisverleihung am heutigen Dienstagvormittag konnte aber aus zeitlichen Gründen niemand beiwohnen, was Braunwalder bedauert. Für den Anlass, zu dem ihn seine Frau begleitete, bekam er einen halben Tag frei.

Auszeichnung vor 29 Jahren
Fast auf den Tag genau vor 29 Jahren hat Braunwalder die Auszeichnung "Ritter der Strasse" zum ersten Mal erhalten. Zusammen mit einem Passanten hat er damals einem Mann das Leben gerettet, der mit seinem Auto in den Rheintaler Binnenkanal gefahren war. Unabhängig voneinander seien sie durch den Lärm des sich überschlagenden Autos auf die Notlage des Fahrers aufmerksam geworden. Dessen Auto war auf dem Dach im viel Wasser führenden Kanal gelandet. Auch damals habe er instinktiv gehandelt und sei in den Kanal gesprungen, habe die Autotüre aufgestemmt und den Fahrer herausgezogen. Ohne dieses beherzte Eingreifen wäre der Mann ertrunken, bescheinigte später auch die Polizei.

"Der Fahrer hat sich für die Rettung nie bei mir bedankt", ergänzt Braunwalder. Der pensionierte Lehrer habe später gar behauptet, sich selber aus dem Auto befreit zu haben. Für die Polizei war die Sachlage aber so klar, dass sie den damals 17-Jährigen für die Auszeichnung zum "Ritter der Strasse" vorschlug. Auch diese Nominierung geht auf die Initiative der Polizei zurück. Braunwalder hat in seinem Leben auch schon geholfen, ohne dass es Dritte bemerkt haben. Selber brauchte  er noch nie Hilfe, vertraut aber darauf, sie im richtigen Moment zu bekommen.

Werte vermitteln
Der Preisträger glaubt nicht, dass ihn die Rettungsaktion von 1986 nachhaltig geprägt hat. "Ich bin auf einem Bauernhof gross geworden", begründet er seine Bodenständigkeit. Werte wie Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft seien ihm wichtig. Seinen inzwischen erwachsenen Kindern habe er beigebracht hinzuschauen und einzuschreiten, wenn es nötig sei, statt wegzulaufen. Seine Aussage unterstreicht er mit leichten Bewegungen seiner feingliedrigen Hände.

Werte seien auch im Strassenverkehr wichtig, betont er weiter, "doch davon spürt man bei jungen Autolenkern immer weniger". Im Strassenverkehr sei er einer von vielen. "Rücksichtnahme und vorausschauendes Fahren sind deshalb wichtig", sagt der Preisträger und verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck.
 

Bisher 464 Personen ausgezeichnet

Die Aktion "Ritter der Strasse" ehrt seit 1969 Personen, die durch ihr Verhalten Vorbild sind im Strassenverkehr. Dank Mut und Zivilcourage in heiklen oder gefährlichen Situationen haben die Ritter Verantwortung für sich oder andere übernommen. Es sind bisher 464 Personen ausgezeichnet worden.
Die jüngste Preisträgerin war neun Jahre alt, der älteste Ritter 78jährig. In der Ostschweiz dürfen sich 39 Personen als «Ritter der Strasse» bezeichnen. In diesem Jahr wurden bereits zwei Personen geehrt – Braunwalder ist die dritte. (YMi)