Der Davoser Schlitten kommt aus dem Thurgau

Der Davoser Schlitten wird heute in aller Welt produziert. Auch die Thurgauer Firma 3R spürt harte Konkurrenz.

Urs Oskar Keller
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Ein fertiggestellter Davoser Schlitten der Firma 3R in Sulgen.

Ein fertiggestellter Davoser Schlitten der Firma 3R in Sulgen.

Bild: Keystone

Schlitten werden seit Jahrtausenden als Transportmittel genutzt. Sie gelten als eines der ältesten Transportmittel der Menschen und wurden im Alpenraum unter anderem für Heu-, Holz- und Gütertransporte eingesetzt. Seit über 130 Jahren wurde der klassische Davoser Schlitten tausendfach kopiert, überall produziert – nur nicht mehr in Davos. Begonnen hat seine Geschichte 1883 am ersten Schlittenrennen in Davos.

«Die Schlitten-Hersteller von damals waren viele kleine Wagnereien in der ganzen Schweiz, welche die Kufen ab 1937 aus Sulgen und vorher aus Frauenfeld bezogen haben», sagt Wagner und Unternehmer Erwin Dreier von der 3R AG in Sulgen. In der kleingewerblich geprägten Schweiz von damals gab es den Hersteller des Davosers nicht. Dreier:

Erwin Dreier, Geschäftsführer 3R AG

Erwin Dreier, Geschäftsführer 3R AG

Bild: Urs Oskar Keller
«Den Davoser Schlitten als Begriff gäbe es ohne die Wagner im Rest der Schweiz wahrscheinlich gar nicht.»

Und er wage die Behauptung, dass es ohne die ausländischen Hersteller, die in all den Jahren Davoser Schlitten hergestellt hätten, es den Begriff des «Davosers» wohl nicht gäbe.

«Die einfachste Art, einen Schlitten herzustellen»

Zwei Kufen, fünf Holzlatten und eine Schnur, um ihn zu ziehen: Der Davoser Schlitten ist seit Generationen einer der meistbenutzten Holzschlitten überhaupt. Die Holzkonstruktion macht ihn besonders. Für die nötige Stabilität sorgt ein Zugeisen, das die beiden mit Eisen beschlagenen Holzkufen verbindet. An dieser Eisenstange hängt meistens eine Schnur oder eine Lederleine, an der man den Schlitten durch den Schnee ziehen kann. Und in grossen Lettern ist das Wort "Davos" in eine Holzlatte eingebrannt. «Davoser» oder «Grindelwaldner» sind im 19.Jahrhundert aus leichten norwegischen Schlitten entstanden, die damals in der Schweiz auftauchten und dann von hiesigen Schreinern «weiterentwickelt» wurden.

Der Thurgauer Erwin Dreier hat allerdings Zweifel an der Entstehungsgeschichte des Schlittens. «Der Davoser ist ja die einfachste und logische Art, einen Schlitten herzustellen: zwei Kufen, zwei Böcke und Latten von oben aufgeschraubt. Ich denke eher, er wurde von den ortsansässigen Wagnern für den Alltag der Leute gebaut», sagt er. Deshalb findet Dreier:

«Der Mythos Davoser Schlitten hat wenig mit den Eigenschaften des Produkts zu tun. Für mich ist er ein Symbol für den Ursprung des Wintersports und den damit zusammenhängenden Lifestyle.»

Kampf gegen ausländische Dumpingpreise

Leider sei der Davoser als Produkt nie geschützt gewesen, sagt Dreier. «Der Schlitten wurde auch schon in den Anfängen ausserhalb von Davos gebaut.» «Davoser» anschreiben darf aber nur, wer den Schlitten auch in der Schweiz produziert. «Das ist die neue Swissness-Gesetzgebung», sagt Dreier.

Die Bezeichnung «Davoser Schlitten» bezieht sich auf die Bauart; es ist keine geschützte Marke. Bei genauem Hinsehen erkennt man den Unterschied: Die Schlitten von Dreier beispielsweise haben neben dem Namen noch die Armbrust mit dem Markenlabel «Swiss made» eingebrannt, die Kopien nur den Schriftzug «Davos». Osteuropäische und deutsche Hersteller drängen mit Dumpingpreisen in den Markt. Aus Tschechien kommen die Davoser-Schlitten von Landi zum Preis von 49,50 Franken.

Das stösst dem grössten Schlitten-Hersteller der Schweiz sauer auf: Damit werde der Markt kaputtgemacht, schimpft Erwin Dreier. Er sagt:

«Wer mit von der Partie sein will, braucht einen langen Atem.»

Ihm bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass seine Qualitätsarbeit ihre Abnehmer findet. Trotz moderner Technik und Maschinen steckt viel Handarbeit in den Thurgauer Schlitten. «Ein Kantholz oder Brett auf ein Förderband zu legen, und hinten kommt ein fertiger Schlitten heraus, eine solche Maschine gibt es bei uns nicht», sagt Dreier.