Der Damm vibriert vor Sicherheit

HÖCHST. Im April wird nach 15 Jahren die Sanierung der Hochwasserdämme im Rheinabschnitt zwischen Ill-Mündung und Bodensee abgeschlossen. Und bereits ist mit der Abtragung von Rheinsand die nächste langfristige Sanierung im Gang.

Marcel Elsener
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Rheinvorland in Höchst: Rüttler und Bagger arbeiten hier am Hochwasserdamm dicht an bewohntem Gebiet. (Bild: Urs Jaudas)

Rheinvorland in Höchst: Rüttler und Bagger arbeiten hier am Hochwasserdamm dicht an bewohntem Gebiet. (Bild: Urs Jaudas)

Loch um Loch bewegt sich der Rüttler dem See zu; wenn er sein langes Rohr wuchtig in den Boden stösst, vibriert der Damm. Die vielen «Hündeler» in der Naherholungszone lassen sich davon nicht stören; ein paar Anstösser wollen indes Risse in ihren Hausmauern festgestellt haben. Der Rüttler ist eine Art Hau-den-Lukas-Maschine auf einer Tragraupe, die Löcher drei Meter tief in den Boden treibt und diese mit einem Kies-Sand-Gemisch füllt, das ihr ein Bagger portionenweise in den Trichter schüttet.

Einsame Arbeit zweier Männer, schrittweise 100 bis 150 Meter oder gut 80 Löcher pro Tag, nur der sprichwörtliche pensionierte «Baustellengucker» schaut länger zu.

Barrieren gegen Dammbruch

«Noch drei Kilometer bis zum See, dann haben wir es geschafft», sagt Daniel Dietsche an diesem Montag auf dem Hochwasserdamm in Höchst, der «Rheinschauen»-Silo in Sichtweite und weiter flussaufwärts auch die ÖBB-Brücke, die der Schweizer Rheinbauleiter jüngst in einer Nacht zu Teilen anheben liess.

Hier wie dort geht es um Hochwasservorsorge; die «Rüttelstopfverdichtung» gewährt «Standsicherheit auf der Damminnenseite», wie es im Jargon heisst. Eigentlich werde der Boden vernagelt, die Stopfsäulen dienten als «Barrieren gegen einen Dammbruch», sagt Dietsche. Und gleichzeitig könne in den kiesigen Säulen das Wasser besser in den Untergrund sickern.

Wenn der Rüttler im April das letzte Stück hinter sich hat, ist nach 15 Jahren die umfassende Sanierung der Rheindämme abgeschlossen. Die Rüttelstopfverdichtungen sind eine von drei Massnahmen, die in Etappen seit 1995 zur Sicherung der Dämme auf der internationalen Rheinstrecke zwischen Rüthi und Bodensee getroffen wurden. Wahlweise oder manchenorts zusätzlich wurden sogenannte Auflast-Schüttungen (zur Verstärkung gegen das Land hin) vorgenommen und 12 bis 15 Meter lange Schmaldichtwände ins Damminnere eingebaut.

1987 offenbarte Schwachstellen

Die Millioneninvestitionen im zweistelligen Bereich waren die Folge des Hochwassers von 1987 mit dem verheerenden Dammbruch auf österreichischer Seite bei Fussach. Laut Experten sei das Wasser damals an gewissen Dammabschnitten «wie aus einer Wäschezaine geronnen» und habe die Schwachstellen an den hundertjährigen Bauten schonungslos aufgezeigt, sagt Dietsche.

Aufgrund des in den letzten Jahrzehnten markant gestiegenen Schadenpotenzials im Rheintal – es wird mittlerweile auf gegen fünf Milliarden Franken geschätzt – und der möglichen Zunahme von Hochwasserspitzen in Zeiten der globalen Erwärmung musste die Internationale Rheinregulierung IRR die Dammsanierungen unverzüglich an die Hand nehmen; im Bewusstsein, dass die geltende Ausrichtung auf ein Hundertjahr-Hochwasser vom zukünftigen Ausbauprojekt überholt werden würde (siehe untenstehenden Text).

Im Vergleich zum Oberlauf sei die Qualität der Dämme auf der IRR-Strecke mit ihrer ohnehin geringsten Abflusskapazität eher kritisch gewesen, so Dietsche.

Abtragung von Rheinsand

Von den Dammsanierungen dürften Velofahrer und Wanderer im Vorland bereits in wenigen Monaten nichts mehr bemerken. Sichtbarer und ökologisch heikler ist der Eingriff am Rheinbord, dem Mittelgerinnewuhr: Hier wird seit 2008 Rheinsand (Letten) abgetragen, der sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte flussseitig bis zu sechs Meter breit abgelagert hat.

Weil die dicht bewachsenen Böschungen vielen Pflanzen und Kleintieren als wichtiger Lebensraum dienen, werden die Arbeiten abschnittsweise und uferseitig versetzt getätigt. Auch dies eine notwendige Sisyphusarbeit im Dienst der Hochwassersicherheit, die bis 2015 andauert und wohl in bereits zehn Jahren wiederholt werden muss, dann allerdings mit weniger Ablagerungen an den Wuhren.

Immerhin kann mit den jährlich bis 100 000 abgetragenen Kubikmetern Letten – kein Vergleich mit den 3 Millionen, die der Rhein ohnehin mitführt – der Wasserspiegel um 15 bis 20 Zentimeter gesenkt werden. Ein Mosaikstein im Gesamtbild der Anstrengungen, die nötig sind, um den grössten Wildbach Europas auch im Ausnahmezustand in seinem Bett zu halten.

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