Der Chefmechaniker bleibt unten

Ernst Flessati hält seit über 30 Jahren Venom, Vampire, Hunter und andere ausgediente Militärflugzeuge im Schuss. Dadurch bleibt im «fliegenden» Fliegermuseum in Altenrhein Schweizer Luftfahrtgeschichte lebendig.

Michael Nyffenegger/sda
Drucken
Teilen
Flugzeugmechaniker Ernst Flessati ist fasziniert von der Technik der Militärflugzeuge. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Flugzeugmechaniker Ernst Flessati ist fasziniert von der Technik der Militärflugzeuge. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

ALTENRHEIN. Die Halle ist vollgestellt mit Fliegern, Flugzeugteilen und Düsentriebwerken. Ein Geruch von Metall und Motoren liegt in der Luft. Hier frästen und schweissten einst Arbeiter der Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein (FFA). Heute ist hier das Revier der Historic Flight Maintenance GmbH – und von Ernst Flessati. Der 58jährige Chefmechaniker und seine beiden Mitarbeitenden halten für das Fliegermuseum Altenrhein acht Militärjets und acht Propellermaschinen instand. Die flugtüchtigen Oldtimer sind der Stolz des einzigen «fliegenden» Museums der Schweiz. Werkstatt und Museum befinden sich Halle an Halle.

Eine «neue» Venom

Bei der Treppe zu Flessatis Büro steht ein mächtiges altes Düsentriebwerk. Was für den Laien nach Alteisen aussieht, ist das Herzstück eines Venom-Jagdbombers. Über 100 solche Flieger mit dem charakteristischen Doppelheck standen zwischen 1956 und 1984 bei der Schweizer Luftwaffe im Einsatz. Sie wurden zum Teil in Altenrhein in Lizenz gebaut.

Nun wird die in ihre Einzelteile zerlegte Maschine von Grund auf restauriert. Dazu braucht es die Erfahrung eines Flugzeugmechanikers wie Flessati, der 1974 als Lehrling bei der Firma FFA begann und seit 1982 auf dem Flugplatz Altenrhein arbeitet. Das Ziel sei, die Venom bis im Herbst 2017 wieder zum Fliegen zu bringen. «Die Technik der Militärflugzeuge hat mich immer schon fasziniert», sagt Flessati. Ein Waffennarr ist er aber nicht. Im Vordergrund steht für ihn die Flugtechnik, nicht die Waffensysteme. Flessati nimmt einen Ordner und zwei dicke Handbücher aus einem Regal hervor. Sie enthalten die Vorschriften für einen einzigen Flugzeugtyp.

Jede Wartungsarbeit, jede Reparatur ist bis ins Detail reglementiert. Fast jede angezogene Schraube will peinlich genau dokumentiert sein. Zu Flessatis Arbeit gehört viel Papierkrieg. Als Beispiel nennt er einen Schleudersitz. «Das allein ist schon ein komplexes System.» Wegen der vielen Vorschriften werde die Arbeit immer schwieriger.

Bomber zum Kilopreis

Eine alte Venom stand 1984 auch am Beginn des Fliegermuseums: Die Armee verkaufte den ausgemusterten Bomber zum Kilopreis von einem Franken. Dazu gehörte die Auflage, das Flugzeug flugtüchtig zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. «Viele glaubten, das sei unmöglich.» Flessati arbeitete in seiner Freizeit an der Maschine. Weil das Museum noch keinen Hangar besass, stand die Venom vorübergehend in Friedrichshafen. 1988 stieg die restaurierte Maschine in Altenrhein erstmals wieder in die Luft – als erstes zivil immatrikuliertes Militärflugzeug der Schweiz.

Heute erinnert nur noch eine Fotografie in Flessatis Büro an die Venom mit ihrem feuerspeienden Triebwerk. 2010 habe das Museum den Flieger nach Neuseeland verkauft, erzählt Flessati. «Eine schmerzliche Geschichte.» Der Erlös hilft die Zukunft des Museums – samt einem geplanten Neubau – zu sichern. Bei aller Liebe zu den Flugzeugen arbeitet Flessati doch lieber in der Werkstatt als im Cockpit. Er selber ist nicht Pilot.

Die Hunter und Vampire werden von ehemaligen Kampfpiloten geflogen. Etwa dreimal pro Jahr, im Juni, August und Oktober, nehmen sie an verschiedenen Flugshows im In- und Ausland teil. Chefpilot Paul Ruppeiner schiebt mit einem Helfer gerade eine silbern glänzende Propellermaschine Pilatus P3 aus dem Hangar. Draussen riecht es nach Kerosin. Während der Oldtimer startklar gemacht wird, surrt ein Zeppelin in geringer Höhe über den Flugplatz. Die «fliegende Zigarre» kommt aus Friedrichshafen.

Legenden und ein Flop

Beim Rundgang durchs Museum hat der Flugzeugmechaniker zu jeder Maschine eine Geschichte parat. «Nur» ein Nachbau ist die Blériot XI mit Holzrumpf aus der Pionierzeit der Fliegerei von 1909. Echt hingegen ist das Kleinflugzeug vom Typ Auster, das dem Schauspieler Heinz Rühmann gehörte. Das legendäre zwölfmotorige Flugschiff Dornier Do-X, das in Altenrhein gebaut wurde und am 12. Juli 1929 zum Erstflug über den Bodensee abhob, existiert nicht mehr. Es hätte im Fliegermuseum auch kaum Platz. Selbst das ferngesteuerte Do-X-Modell des Museums im Massstab 1:8 hat eine imposante Spannweite von sechs Metern.

Luftfahrtgeschichte schrieb auch der Schweizer Kampfjet P-16, der in den 1950er-Jahren in Altenrhein gebaut wurde. Zwei von vier P-16 stürzten 1955 und 1958 in den Bodensee ab. Dies bedeutete das Aus für das Projekt. «Der P-16 war sehr innovativ», bedauert Flessati noch heute. Jahrelang standen zwei Prototypen beim Flugplatz Altenrhein. Doch heute sucht man den P-16 im Fliegermuseum vergeblich. Das letzte Exemplar steht nämlich für die Militärflugzeug-Liebhaber aus Altenrhein am falschen Ort – in Dübendorf.