Der Bruder und seine grosse Wut

Er packte die Schwester am Hals und drückte zu. Das Bezirksgericht Kreuzlingen verurteilt den Thurgauer zu 24 Monaten bedingt. Er habe das Leben der Schwester gefährdet. Vorausgegangen war jahrelanger Kleinkrieg.

Ida Sandl
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KREUZLINGEN. Gestritten haben sie sich schon als Kinder. «Wie Hund und Katz», sagt der Vater. «Sie hassen sich, aber sie lieben sich auch», sagt die ältere Schwester. Zimperlich sind sie beide nicht, schon gar nicht mit Worten. Manchmal rutscht auch einem die Hand aus. Dann läuft die Sache aus dem Ruder.

Gestern und am Mittwoch stand der 29jährige Thurgauer vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. «Versuchte vorsätzliche Tötung», wirft ihm die Anklage unter anderem vor. «Ich würde doch nie meine Schwester umbringen», verteidigt er sich.

Doch am 1. Oktober 2010 hat er sie am Hals gepackt und zugedrückt. «Ich merkte, dass ich bald das Bewusstsein verlieren würde», schildert die Schwester später. «Sie hatte einen rotblauen Kopf, fast violett», beschreibt der Kollege, der ihn von ihr weggezogen hat. Wäre er nicht eingeschritten, hätte der Bruder die Schwester getötet, davon ist der Staatsanwalt überzeugt. Der Beschuldigte bestreitet das vehement: «Ich hätte vielleicht noch ein paar Sekunden länger gedrückt, aber ich hätte sie sicher losgelassen.»

Sein Mandant habe der Schwester eine Lektion erteilen wollen, erklärt der Verteidiger. «Sie hat Seich über mich erzählt», sagt der Beschuldigte. Auch seinen Alkoholentzug hat sie ausgeplaudert. Da habe es ihm den Nuggi rausgehauen.

Sie trafen aufeinander, weil er etwas reparieren sollte im Haus, in dem sie wohnte. Sie schaukelten sich gegenseitig hoch, liessen sich nicht in Ruhe. Dann packte er sie am Hals. Sie konnte sich befreien. Der Streit ging weiter. Er warf sie zu Boden, kniete auf ihr, würgte sie wieder. Bis der Kollege kam, der Schreie gehört hatte, und ihn weg zog. Sie hole die Polizei, rief die Schwester und wollte zum Telefon. Wieder packte er sie am Hals und drückte zu. Diesmal länger. Der Kollege riss ihn zum zweitenmal weg. Die Schwester trug keine schweren Verletzungen davon. Am Abend sei sie schon wieder an die Wega gegangen.

Er rastet immer wieder aus

Es ist nicht das erste Mal, dass der junge Mann ausrastet. Ein Jahr vor dem heftigen Geschwisterstreit hat er einen Arbeitskollegen bedroht, von dem er sich gemobbt fühlte. Zuerst schickte er ihm mehrere SMS, darin standen Dinge wie «I leg di um», «I schlitz di uf». Als sie sich dann über den Weg liefen, holte er tatsächlich ein Messer. Damit stürmte er aus dem Haus. Doch da sass der Arbeitskollege schon im Auto und fuhr los. In seiner Wut warf er das Messer nach dem Auto. Solche SMS mit Mord-Drohungen schickte der Mann öfter herum. Unter anderem an seine Ex-Freundin. Der Staatsanwalt sieht eine «erhöhte Gefahr für weitere Straftaten» beim Beschuldigten. Er beantragt eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und 300 Franken Busse. Der Verteidiger hält lediglich die Drohungen für erwiesen. Zwölf Monate bedingt wären genug für seinen Mandanten. «Er hat seine Defizite und Schwächen erkannt und daran hart gearbeitet.» Er sei regelmässig beim Psychiater und bei einer Ärztin, und er nehme Medikamente.

Das Gericht hat Zweifel

Der Mann habe sich in den letzten Jahren positiv verändert, so sieht es auch das Bezirksgericht Kreuzlingen. «Ihre Entwicklung hat uns beeindruckt», sagt Gerichtspräsident Urs Haubensak zum Angeklagten. Das Gericht hat ernsthafte Zweifel, ob der Bruder den Vorsatz hatte, seine Schwester zu töten. Es verurteilt ihn deshalb wegen versuchter Gefährdung des Lebens und mehrfacher Drohung zu 24 Monaten bedingt, bei drei Jahren Probezeit. Dazu muss er eine Busse von 150 Franken zahlen.