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Fruchtbare HSG: Start-Ups der Universität St.Gallen machen über 100 Millionen Umsatz

Die HSG ist zu einem Innovationstreiber geworden. Mit ihrem hauseigenen Spin-off-Label ist sie Geburtshelferin für 122 Unternehmensgründungen. 2017 erzielten diese Jungunternehmen einen Umsatz von weit mehr als 100 Millionen Franken.
Sandro Büchler
Die Firma Advertima hat eine Software entwickelt, die die Person erkennt, die vor dem Bildschirm steht. Damit kann zielgerichtet Werbung geschaltet werden. (Bild: Ralph Ribi)

Die Firma Advertima hat eine Software entwickelt, die die Person erkennt, die vor dem Bildschirm steht. Damit kann zielgerichtet Werbung geschaltet werden. (Bild: Ralph Ribi)

Abspaltungen von Hochschulprojekten, sogenannte Spin-offs, ermöglichen Studenten, ein Unternehmen aufzubauen – wie etwa an der Universität St. Gallen. Seit letztem Jahr können sich Unternehmen, die aus dem Umfeld der Universität entstanden sind, um das HSG-Spin-off-Label bewerben – inzwischen tragen es bereits 122 junge Firmen. Die Firmengründungen sind zu einem wichtigen Treiber für die Ostschweiz geworden: Dies zeigt eine Umfrage der HSG bei 64 Unternehmen mit dem hauseigenen Label. Sie haben im Jahr 2017 insgesamt mehr als 100 Millionen Franken Umsatz erzielt und seit ihrer Gründung über 2800 Jobs geschaffen – regional, aber auch international.

Die Spin-offs seien attraktiv, sagt Thomas Bieger, Rektor der HSG. Er beobachte, dass nicht mehr nur die grossen Firmen ihren Reiz auf die Studienabsolventen hätten.

«Heute ist es chic, bei einem Start-up zu arbeiten.»

Für HSG-Rektor Thomas Bieger (vorne) ist der Unternehmergeist wichtig. Im Hintergrund Stefan Kölliker und Dietmar Grichnik (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Für HSG-Rektor Thomas Bieger (vorne) ist der Unternehmergeist wichtig. Im Hintergrund Stefan Kölliker und Dietmar Grichnik (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Der Unternehmergeist gehöre zur DNA der Uni. Die HSG wolle nicht nur eine Kaderschmiede sein, sondern auch eine unternehmerische Universität. «Die Absolventen sollen etwas wagen.» Voraussetzung für das Label Spin-off der HSG ist, dass mindestens eine Person unter den Unternehmensgründern eine Verbindung zur Universität St. Gallen hat – sei es als Studierender, Alumni, Forschender oder Dozierender. Knapp die Hälfte (48 Prozent) der befragten Unternehmen widmet sich der Softwareentwicklung (siehe Grafik). Namhafte Beispiele in der Region St.Gallen sind die IT-Firmen Abacus und Namics, die von Absolventen der HSG gegründet wurden und mittlerweile mehrere hundert Mitarbeitende beschäftigen.

Mit künstlicher Intelligenz zum coolsten Start-up

Daneben sorgt vor allem das Unternehmen Advertima für Furore. Die Firma hat eine Software entwickelt, die die äusseren Merkmale und Bewegungen eines vorbeigehenden Menschen erkennt und in Sekundenschnelle analysiert – und personalisierte Werbebotschaften an die Passanten sendet. Die Software ist in der Lage, das Geschlecht, das Alter und sogar die Stimmung einer Person zu bestimmen. Letztes Jahr wurde Advertima für die Kombination von Publikumsanalyse und künstlicher Intelligenz – die Software lernt dazu – mit dem «Coolest Start-up Award» ausgezeichnet.

Christian Naef, links, und Iman Nahvi der IT-Firma Advertima in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser / Tagblatt)

Christian Naef, links, und Iman Nahvi der IT-Firma Advertima in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser / Tagblatt)

Iman Nahvi ist CEO von Advertima in St.Gallen. Wobei CEO in seinem Fall mehr ein Anhängsel ist, denn bei Advertima gibt es keine Chefs, alle Mitarbeitenden sind gleichberechtigt. Es gibt keine Hierarchien, keine Lohnunterschiede. Nahvi ist auf Zack. Er habe exakt sieben Minuten für die Beantwortung der Fragen am Telefon. Den Standort St.Gallen bevorzuge er, «denn wären wir in Zürich, würden wir mit Google in direkter Konkurrenz um die Fachkräfte stehen». Die hochqualifizierten IT-Spezialisten, die Nahvi sucht, findet er hingegen nicht in der Ostschweiz. Er re­krutiert in Spanien oder Serbien. Aus 22 Nationen stammen die aktuell 43 Mitarbeitenden. «Wir müssen diese hochqualifizierten Leute in die Ostschweiz holen», sagt Nahvi. Man müsse gute Lebens- und Arbeitsbedingungen schaffen, damit ein Familienvater nach St.Gallen umsiedelt. Seine Firma sei ein Bekenntnis zum Standort St.Gallen. Oder wie Nahvi es mit eigenen Worten sagt:

«Wir wollen die Stadt sexy machen.»

Unter den 122 Unternehmen finden sich allerlei innovative Geschäftsideen, andere muten eher kurios an. Da werden Medizinalprodukte aus Hanf gewonnen, Apfelsaft produziert, Damenschuhe an die Frau gebracht, Büffelfleisch verarbeitet. Auch Blacksocks – der Onlinehändler für Socken – wurde von einem HSG-Absolventen gegründet. Von den Firmenabkömmlingen werden nachhaltig produzierte Hemden angeboten, daneben Überraschungsreisen, Rasierklingen oder ein neuartiger Pizzateig. Ein Modelabel findet sich unter den Spin-offs der HSG ebenso wie die Software für den effizienten Betrieb von Landwirtschaftsbetrieben. Einige Unternehmen widmen sich der Wissenschaft: So werden Schuhabdrücke zu forensischen Zwecken analysiert, Alzheimer-Diagnosen erstellt und an einer Burn-out-Prophylaxe geforscht.

Grössere Bekanntheit hat das Unternehmen Online-Doctor erlangt. Es betreibt eine Plattform für Hautprobleme. 36 angeschlossene Dermatologen geben anhand von eingesandten Handybildern eine fachärztliche Einschätzung ab – innerhalb von 36 Stunden steht die Diagnose. Unter die Rubrik «Andere» fällt sicherlich eine Pferdefutter-Produktion. Ergänzend dazu stellt eine weitere Firma Halsbänder für die Pferde her, mit denen die Körperfunktionen der Tiere auf der Weide überwacht werden können.

Zwischen Zürich und Kalifornien

Lea von Bidder, Gründerin von «Ava Women». (Bild: PD)

Lea von Bidder, Gründerin von «Ava Women». (Bild: PD)

Das im wahrsten Sinne fruchtbarste Unternehmen mit Ursprung auf dem Rosenberg ist jedoch Ava Women. Für Frauen mit Kinderwunsch lancierte Ava Ende 2016 ein Armband, das jede Menge Körperdaten sammelt und so in Echtzeit die fruchtbaren Tage der Frau voraussagt. Laut eigener Aussage wurden damit weltweit bereits 1000 Babys geboren, 10000 seien unterwegs. «Und jeden Tag kommen dreissig weitere Schwangerschaften hinzu», sagt Gründerin Lea von Bidder in der Zeitschrift «Bilanz». Von Bidder ist eine Art Star unter den HSG-Spin-offs. Ihre beeindruckende Karriere startete sie mit 22 Jahren in Indien, als sie eine Schokoladenfirma aufbaute. Ava gründete sie 2014 zusammen mit drei Jungunternehmern im Silicon Valley, der kalifornischen Technologie-Hochburg. Lea von Bidder koordiniert jetzt das weltweite Marketing für das gefragte Hormon-Tracking-Armband. Sie kümmert sich um die Niederlassungen in Hongkong und auf den Philippinen, wo sich der Kundendienst befindet, leitet das US-Büro in San Francisco und den Hauptsitz in Zürich.

2017 wurde die erst 28-Jährige vom US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» auf die Liste der wichtigsten 30 Jungunternehmer unter 30 Jahren gesetzt.

Ein Grossteil der Unternehmen aus dem Hause HSG ist erfolgreich unterwegs. Die Umfrage unter den 64 Unternehmen zeigt, dass rund die Hälfte ­bereits einen Umsatz von mehr als 500000 Franken pro Jahr erzielt. 17 Prozent erwirtschaften gar einen Umsatz von über 5 Millionen Franken, darunter einige mit einem Vielfachen. Über die Hälfte der Firmen haben externes ­Kapital beschafft, um ihr Start-up zu gründen.

«Was zählt, ist einzig und allein die Idee.»

Dietmar Grichnik (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Dietmar Grichnik (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Für Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der HSG, ist das Startkapital nicht der entscheidende Faktor zum Erfolg. Was zählt, sei einzig und allein die Idee. Bleiben Zweifel, sei sie möglicherweise noch nicht ausgereift genug. So zögerte Grichnik bei Essento. Das Unternehmen bietet ess­bare Insekten und Mehlwürmer an. «Am Anfang habe ich nicht so recht daran ­geglaubt, da dies nicht mit unserer Esskultur kompatibel ist.» Diesbezüglich finde allerdings ein Paradigmenwechsel statt, was den Weg zum Erfolg des Unternehmens ebne. Mittlerweile verkauft ­Essento seine Produkte bei Coop.

Bei der Unternehmensgründung gibt es viele Stolpersteine. In Kursen teilt Iman Nahvi daher regelmässig seine Erfahrungen aus erster Hand mit den angehenden Unternehmern. «So fliesst das Wissen zurück», erklärt er. Die HSG befruchtet sich so in gewissem Sinne selbst.

Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der HSG, zeigt, in welchen Branchen die HSG-Spin-Offs tätig sind. (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der HSG, zeigt, in welchen Branchen die HSG-Spin-Offs tätig sind. (Bild: Michel Canonica / Tagblatt)

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