Der Biber wird zum Haftungsrisiko

Für Biber sind die Lebensbedingungen im St.Galler Rheintal ideal. Doch Nager und Mensch kommen sich immer wieder in die Quere.

Urs-Peter Zwingli
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Der Biber war in der Schweiz seit Anfang des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Dann wurden ab 1956 wieder Tiere an verschiedenen Gewässern ausgesetzt. Abkömmlinge der Exemplare, die am Bodensee angesiedelt wurden, haben ihren Lebensraum mittlerweile bis ins Rheintal ausgeweitet. Beste Bedingungen findet der per Bundesgesetz geschützte Biber in der Rheinebene zwischen Au und Oberriet. Dieses ehemalige Sumpf- und Torfgebiet ist von Entwässerungskanälen durchzogen, die dem Biber Nahrung und Lebensraum bieten. Er scheint sich auch fleissig zu vermehren: Wie es im aktuellen Jahresbericht der Melioration der Rheinebene heisst, nehmen die Aktivitäten des Bibers seit Ende 2017 laufend zu. Die Organisation ist für den Unterhalt der Entwässerung zuständig.

In der Rheinebene, die ein mit viel Aufwand gewonnenes Kulturland ist, kommen sich Biber und Mensch immer wieder in die Quere – insbesondere, wenn es um landwirtschaftliche Flächen geht. Staut beispielsweise ein Biberdamm einen Kanal, so fliesst das Wasser in die Drainagen zurück, die im topfebenen Talboden nur ein geringes Gefälle haben. Bereits kleinere Dämme können so Äcker überfluten oder Keller unter Wasser setzen. Zudem kann ein Biberbau, der eine Strasse unterhöhlt, diese zum Einsturz bringen. «Es ist eine Frage der Zeit, bis es zu einem Unfall kommt», sagt Patrick Knür, der bei der Melioration der Rheinebene den Bereich Kulturen leitet.

Hat es überhaupt Platz für den Biber?

In den vergangenen Jahren sind so mehrfach Strassen abgesackt, die oft nah entlang der Kanäle verlaufen. Bisher ist das ohne Verletzte ausgegangen. Weil die Melioration der Rheinebene auch für den Unterhalt der Nebenstrassen verantwortlich ist, würde sie bei einem Unfall haften. Die Kosten für Biberschäden schätzt Knür für das laufende Jahr auf 50000 Franken. Sie könnten laut ihm zukünftig auf bis zu 100000 Franken jährlich steigen. Dies bei einem für 2019 budgetierten Gesamtaufwand des Betriebes von rund 3,4 Mio. Franken. «Wir rücken sicher zwei Mal wöchentlich wegen des Bibers aus», sagt Knür. Für ihn ist klar: In technischen Gewässern – wie es die Rheintaler Kanäle sind – habe es langfristig keinen Platz für den Biber.

Das sieht Christian Meienberger, Geschäftsführer von Pro Natura St.Gallen-Appenzell anders: «Natürlich müssen alle Betroffenen wie etwa Landwirte oder die Rheinmelioration Kompromisse machen, damit wir mit dem Biber zusammenleben können. Doch das sollten uns der Schutz des Tieres und die Biodiversität wert sein.» Pro Natura hat wie der WWF ein Verbandsbeschwerderecht, wenn der Kanton Eingriffe an einem Biberdamm genehmigt. «Wir haben von diesem Recht aber bisher noch nie Gebrauch machen müssen, weil wir seit Jahren während der Entscheidungsfindung eng mit dem Kanton zusammenarbeiten», sagt Meienberger.

Zwischen Rebstein und Wartau leben gut 40 Biber

Für den Entscheid, ob einer der grundsätzlich gesetzlich geschützten Biberdämme in der Rheinebene entfernt werden darf, ist Silvan Eugster, kantonaler Wildhüter für das Gebiet Rebstein-Werdenberg, zuständig. «Nicht immer muss ein Damm ganz entfernt werden. Es gibt auch die Lösung, den Damm mit einem elektrischen Draht in der Höhe zu begrenzen. Dieser schreckt die Tiere ab.» Und Bäume können mit Zäunen davor geschützt werden, dass der Biber sie fällt. Sowieso gebe es keine Patentlösung für das Rheintal. «Jeder Fall ist individuell», sagt Eugster. Hinzu komme ausserdem, dass der Biber ein sehr fleissiges Tier sei: «Entfernt man einen Damm, baut ihn der Biber manchmal innert weniger Tage wieder auf.» Die Population zwischen Rebstein und Wartau schätzt Eugster auf rund 40 Biber, Tendenz leicht steigend.

Der Mensch soll «bibersicher» bauen

Zukünftig müsse der Mensch bei baulichen Massnahmen darauf achten, dass diese «bibersicher» seien: So sollen Strassen etwa nicht zu nahe an Kanäle gebaut werden oder Dämme mit Drahtnetzen armiert werden, so dass der Biber sie nicht untergraben kann.

Zudem sucht der Kanton im Gespräch mit den Naturschutzverbänden und der Melioration der Rheinebene derzeit nach Lösungen, wie das Verfahren zum Rückbau von Dämmen vereinfacht werden kann. So oder so scheint der Biber ins Rheintal gekommen zu sein, um zu bleiben. «Umsiedelungen sind sehr schwierig, ausserdem fehlen die gesetzlichen Grundlagen dazu», sagt Eugster.