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Der Bestsellerautor vom Schloss

Mit der Schlossmediale in Werdenberg wird der stolze Bau zehn Tage zum Schauplatz der Kultur. Seine Geschichte ist auch die Geschichte des Bestsellerautors und Politikers Carl Hilty.
Rolf App

Diesen Winter hat Thomas Gnägi auf Schloss Werdenberg unerwarteten Besuch bekommen. Vor den Toren des im Winter geschlossenen Monuments aus dem 13. Jahrhundert stand ein Japaner, in der Hand ein Buch. Sein Titel, «Glück», und sein Verfasser Carl Hilty sagten dem Museumsleiter einiges, und so hat er den Besuch aus dem Fernen Osten denn eingelassen. Er wollte den Ort sehen, woher dieser Hilty stammt, denn «Glück» wird, obwohl schon 1890 ein erstes Mal erschienen, gerade in Japan immer noch gelesen.

Carl Hilty aber, geboren 1833 im «Roten Haus» zu Füssen des Schlosses, aufgewachsen in Chur und gestorben 1909 im waadtländischen Clarens, hat hier ein paar besonders schöne Sommer seiner Jugend verbracht. Später wird er für das St. Galler Oberland lange im Nationalrat sitzen. Ein melancholischer Mensch, der in der Nacht, von Schlaflosigkeit geplagt, Gedichte und Geschichten schreibt. Für ihn bedeutete das Schloss «Jugendglück, Heimat und Geborgenheit», wie sein Biograf Hanspeter Mattmüller schreibt.

Auf die Grafen folgen die Glarner

Doch wie kommt ein Bürgerlicher auf ein solches Schloss – und wer ist dieser Carl Hilty, der zu seiner Zeit mit Bestsellern wie «Glück» Furore machte? Das ist eine lange, eng mit der Geschichte Werdenbergs verwobene Geschichte, die gerade jetzt wieder lebendig wird. Denn von diesem Freitag an stellt die Schlossmediale nicht nur alte Musik, neue Musik und audiovisuelle Kunst ins Zentrum (siehe Kasten) – sondern eben auch Schloss Werdenberg.

Wer es betritt, taucht ganz unten sehr tief ein. Da ist die schwere Eingangstüre aus Nussbaumholz, die 1232 schon eingebaut worden sein muss. Es ist die Zeit, in der in der Region die Herrschaft der Grafen von Montfort sich verfestigt und es zu einem Boom im Burgenbau kommt. Die Montfort machen Feldkirch zu ihrem Herrschaftszentrum und bauen jenseits des Rheins Burgen neu oder aus. Sargans wird befestigt, und oberhalb von Buchs wird der unterste Sporn des Buchserbergs zum Bauplatz. Schon nach wenigen Jahren ist Schloss Werdenberg mit seinen zweieinhalb Meter dicken Mauern gebaut und gesichert.

Steigt man hoch, so unternimmt man eine Art von Zeitreise. Lebhaft erzählt Thomas Gnägi von den Wechselfällen der Geschichte, die sich im Bau zeigen. Während das Schloss zuvor wohl nur zeitweilig bewohnt wird, ändert sich das im Jahr 1517, als Werdenberg für 21500 Gulden an Glarus verkauft wird. Jetzt benötigen die Glarner Landvögte einen repräsentativen Sitz. Von hier aus regieren sie, von hier aus treiben sie, unbeliebt bei der Bevölkerung, die Steuern ein. 1695 gerät das Schloss während der Festlichkeiten zum Einzug des neuen Landvogts Johannes Zweifel in Brand, der Schaden ist immens. Mit der raschen Instandstellung erhält das Schloss in den Obergeschossen seinen heutigen hölzernen Innenausbau.

Frida Hilty spielt Klavier und Schach

Hundert Jahre später geht es auch mit dieser Herrlichkeit zu Ende, revolutionäre Zeiten brechen an. Am 11. April 1798 flieht Landvogt Johann Heinrich Freitag vor der einmarschierenden französischen Armee, das Schloss wird zum Lazarett. Nie mehr wird Werdenberg Untertanengebiet sein. Das Schloss aber wechselt mehrmals den Besitzer, bis der Arzt Johann Ulrich Hilty-Kilias die Liegenschaft kauft und ihr mit zugekauftem Mobiliar wieder herrschaftliches Ambiente verleiht. Hier richtet er sich auch Apotheke und Sprechzimmer ein.

Auch sein gleichnamiger Sohn wird kurze Zeit auf Schloss Werdenberg praktizieren, bevor er 1873 zum Direktor des neuen Kantonsspitals St. Gallen ernannt wird. Erst im Alter kehrt er zurück. Frida, seine Tochter, wird die letzte Bewohnerin des Schlosses sein. Dreissig Jahre lang verbringt sie hier ihre Sommer, spielt Klavier oder Schach mit ihrer Gesellschaftsdame Wilhelmina Dorothea Hiller – bis sie 1956 das Schloss dem Kanton St. Gallen vermacht.

Das Klavier steht immer noch im grossen Eingangsbereich in der zweiten Etage. Auf der einen Seite findet sich eine Porträtgalerie, welche die durch Handel und die Vermittlung von Söldnern reich gewordenen Hiltys zusammengekauft hatten, um den Anschein einer ehrwürdigen Ahnenreihe zu erwecken. Gleich gegenüber ist der Mann Thema, dessentwegen der Japaner angeklopft hat: Carl Hilty. Auch «Glück» liegt dort auf, und «Für schlaflose Nächte».

«Es war nicht mehr das Schloss meiner Jugend»

Glücklich fühlen auch die Hiltys sich, wenn sie für die Sommermonate jeweils von Chur nach Werdenberg zurückkehren. Nicht nur für ihn selbst sind Schloss und Städtli ein «goldener Ferienhimmel» und «ein Land der Träume», wie Carl Hilty sich später erinnert. Auch die Mutter, von der er die poetische Ader hat, wird dann «fröhlich und heiter. Kehrten wir mit dem Herbst in die städtische Enge zurück, so verdüsterte sie sich zusehends und lebte in stillem Heimweh nach jener Freiheit, ohne Interesse für die städtische Geselligkeit.»

Kein Wunder, trennt sich Carl Hilty nur ungern vom Schloss, als der Vater stirbt. Es kommt zu einem erbitterten Streit unter den Brüdern, bis Carl in einer Anwandlung von Grossmut Johann Ulrich seinen Teil schenkt. Der besteht auf Auszahlung. Carl verteilt 1862 die Kaufsumme unter mehrere Armenfonds und schreibt in sein Tagebuch: «Gebe ein gnädiges Schicksal, dass damit der Kelch der Bitterkeit geleert ist und Friede in mich komme.» Später nähert er sich wieder dem Bruder an und kommt zu Besuch auf das vom Bruder umgebaute Schloss. Dabei stellt er fest: «Es war nicht mehr das Schloss meiner Jugend.»

Für das Frauenstimmrecht eingesetzt

Hiltys Weg führt ihn weiter. Nach Bern, wo der studierte Jurist 1874 Staatsrechtsprofessor wird und seit 1890 als Liberaler für den Wahlkreis St. Galler Oberland im Nationalrat sitzt. Sein Ansehen im Parlament ist bedeutend, stellt Biograf Hanspeter Mattmüller fest, «wenngleich man den Eindruck hat, dass er mehr als eine rhetorische Zierde denn als Kenner der praktischen Politik betrachtet worden ist». Er setzt sich für den Ausbau der direkten Demokratie ein, für das Frauenstimmrecht und für Massnahmen, die «die Lage der ärmeren Volksklassen verbessern». Und er schreibt leidenschaftlich gern und sucht dabei, wie Mattmüller schreibt, «den Frieden seiner Seele, eine Lebensgrundlage, auf der sich handeln lässt». Innere Ausgeglichenheit, das ist sein Ziel. Es ist vielleicht auch das, was dieser Japaner im Winter auf Schloss Werdenberg gesucht und vielleicht auch gefunden hat.

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