Gibt es eine Landwirtschaft ohne Chemie? Der Bauer im Pestizid-Dilemma

Ivo Sager betreibt in Lömmenschwil mit seiner Familie einen IP-Bauernhof. «Ohne Chemie geht es nicht», sagt er: «Nirgends.»

Christoph Zweili
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Bauer Ivo Sager pflückt Kirschen ab einem Hochstammbaum. (Bilder: Urs Bucher)

Bauer Ivo Sager pflückt Kirschen ab einem Hochstammbaum. (Bilder: Urs Bucher)

Bauern in der Giftfalle, Landwirtschafts-Pestizide in Schweizer Bächen – die Schlagzeile im Vorfeld zweier nationaler Initiativen, die nächstes Jahr vors Volk kommen sollen, hatte kürzlich aufgeschreckt. «Das ist nur die halbe Wahrheit», ärgert sich Landwirt Ivo Sager (56), Inhaber einer der 4000 Bauernhöfe im Kanton St. Gallen. Zusammen mit seiner Frau Silvia (54) bewirtschaftet er seit 30 Jahren einen 35-Hektar-Betrieb nahe an der Thurgauer Grenze mit 65 glücklichen Kühen in einem vollautomatisierten Stall, Hochstamm- und Tafelobstbäumen sowie Beeren. Ein vielseitiger Betrieb.

«Als wir den Hof übernommen haben, waren starke Pflanzenschutzmittel in Gebrauch. Seither sind die Vorschriften weit strenger geworden, der Pestizideintrag wurde massiv reduziert – mittlerweile werden jährlich drei bis vier Pflanzenschutzmittel verboten.» Für einen Betrieb mit integrierter Produktion eine grosse Herausforderung: Pflanzenschutzmittel werden erst eingesetzt, wenn die Nützlinge den Schädlingen nicht mehr beikommen. Ohne Chemie sei derzeit dem Pflaumenwickler, einem der wirtschaftlich bedeutendsten Schädlinge an Pflaumen und Zwetschgen, nicht beizukommen. «In zwei bis drei Jahren ist die Forschung aber so weit», sagt Sager. «Dann sollten Duftstoffe zur Verfügung stehen, die die männlichen Tiere verwirren – sie finden die Weibchen nicht mehr und können sich damit nicht mehr vermehren. So wird die Population gestoppt.»

«Auch Biobetriebe 
setzen Pestizide ein»

Die breit diskutierte Trinkwasser-Initiative fordert unter anderem, nur jene Bauern mit Direktzahlungen zu unterstützen, die auf Pestizide verzichten. Ist eine Landwirtschaft ohne Chemie überhaupt möglich? Der Lömmenschwiler Bauer verneint die Frage entschieden. Das Problem sei, der Initiativtext funktioniere in der Praxis nicht: «Auch ein Bio-Betrieb setzt Pestizide ein. Versuchen sie einmal, in einem Jahr wie diesem mit vielen Pilzkrankheiten ohne Pestizide zu arbeiten.» Seine Ansage ist klar: «Bei Annahme der Initiative würden wir auf die Direktzahlungen verzichten.» Diese machen auf dem Sager-Hof zehn Prozent des Einkommens aus, der Hauptanteil stammt zu je 30 Prozent aus den Betriebszweigen Landwirtschaft, Direktvermarktung über Hofladen, Bauernmarkt und Hauslieferdienst sowie dem Obstbau.

Silvia Sager im Hofladen.

Silvia Sager im Hofladen.

Sager ist überzeugt, viele Betriebe würden es ähnlich wie er machen. Mit dem Wegfallen der Direktzahlungen entfielen auch die entsprechenden Vorschriften. Darunter etwa die vorgeschriebenen sieben Prozent Biodiversitätsflächen, die extensiv – also ohne Pflanzenschutz- und Düngemittel – bewirtschaftet sein müssen. Nur so erfüllen die Bauern den ökologischen Leistungsnachweis, der sie zum Bezug der Direktzahlungen qualifiziert. Auch die Vernetzungsprojekte gäbe es nicht mehr, an denen sich Sager heute beteiligt, um die Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu verbessern. Und es müssten Nahrungsmittel importiert werden.

Nationaler Aktionsplan 
ist umstritten

Die Argumente des Bauern ähneln jenen des nationalen Bauernverbandes. Für Andreas Widmer, den Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands, läuft heute vieles gut. Die Massnahmen im nationalen 51-Punkte-Plan beim Pflanzenschutz würden seit zwei Jahren umgesetzt – «sie gehen weit über die Ziele der beiden Trinkwasser- und Pestizid-Initiativen hinaus». Was Widmer vor den Medien nicht sagt: BioSuisse, die Bioorganisation in der Schweiz, nennt den Aktionsplan «mutlos und wenig wirksam». Und nicht nur sie. Eine Massnahme darin sind Waschplätze für Pestizid-Spritzen, wie auch Sager einen hat. Hier landen ausgewaschene Spritzmittel allenfalls in der Güllengrube. Später werden sie – stark verdünnt – auf einer Wiese ausgebracht statt direkt in einem Bach zu landen. Bauernverband-Geschäftsführer Widmer sagt: «Diese Waschplätze sind im Kanton St. Gallen bald flächendeckend umgesetzt.»

Eine Kuh unterwegs zum vollautomatischen Melkstand.

Eine Kuh unterwegs zum vollautomatischen Melkstand.

Der Sagerhof steckt mitten in der Chriesiernte. Seit zwei Wochen werden auch Aprikosen geerntet – die meisten Früchte werden über den Hofladen abgesetzt, wo die Bauernfamilie mehr Spielraum bei der Preisgestaltung hat als in der Milchwirtschaft. Der positive Effekt: Die Aprikosen sind das ganze Jahr gedeckt. Damit sind Läuse und Pilze, die auf regennassen Blättern keimen und die Kulturen angreifen, kein Thema. «Und es sind kaum Pflanzenschutzmittel nötig», sagt Sager.

Kompliziertes
 Vorschriften-Konstrukt

Ökologischer Leistungsnachweis, reglementierte Nutztierhaltung, verschärftes Tierschutzgesetz, verschärfte Auflagen zur Bewirtschaftung und zum Pflanzenschutz, Vorschriften für eine ausgeglichene Nährstoffbilanz und Mindestanteil an Biodiversitätsförderflächen: «Wir sind mit diesem aufwendigen Konstrukt gewachsen und kommen trotz erheblichen zeitlichen Aufwands gut damit zurecht. Für die jüngere Generation ist das weitaus anspruchsvoller», sagt Sager. Sohn Philipp (22), gelernter Landwirt und Obstbauer, bereits jetzt für den Obstbau auf dem Betrieb zuständig, interessiert sich für den Hof. «Ob er ihn dann tatsächlich übernimmt, wird sich weisen.» Bis zur Pensionierung wollen sich die Sagers als Betriebsgemeinschaft organisieren.