Der aufgeweitete Rhein zwischen Widnau und Höchst wird erstmals als realitätsnahes Modell erlebbar

Das Milliarden-Projekt Rhesi nimmt in einer früheren Textilfabrikhalle in Dornbirn Gestalt an: Ein 100 Meter langes Modell zeigt den künftigen Flusslauf zwecks wissenschaftlicher Untersuchungen, aber auch zur Information der Bevölkerung. Bis zur Auflage des Projekts Ende 2021 sind noch Hürden wie der Koblacher Widerstand gegen die Dammabrückung zu nehmen.

Marcel Elsener
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Das grösste und teuerste Bauprojekt im Raum Ostschweiz und Vorarlberg, das Hochwasserschutzprojekt Rhesi im Rheintal, beschäftigt seit zehn Jahren Wasserbauer, Politiker und Betroffene wie Landwirte. Aber es interessiert die breite Bevölkerung als abstrakte Planerei nur bedingt. Nun bietet sich in der Modellversuchshalle in Dornbirn erstmals eine «realitätsnahe Abbildung» des künftigen Rheinlaufs, wie die Verantwortlichen am Mittwoch vor den Medien erklärten. Die Öffentlichkeit hat mit coronabedingter Verzögerung allerdings erst ab Ende Juli Einblick.

Die Versuchshalle in einer früheren Textilfabrik war im März 2019 eröffnet worden. Wasserbauexperten der Internationalen Rheinregulierung und der ETH Zürich bauten die Strecke zwischen Widnau und Höchst im Massstab 1:50 nach. Nach der ersten Versuchsreihe mit dem heutigen Rhein ist das 100 Meter lange Modell umgebaut worden und zeigt den Flusslauf gemäss Rhesi-Plänen. Im Bereich Viscose Widnau wurde der Modellrhein beispielsweise von 1,2 auf 5,6 Meter verbreitert, was in der Realität der geplanten Aufweitung von 60 auf 280 Meter entspricht.

Wasser und Geschiebe des Rheins untersuchen

Die St.Galler Baudirektorin Susanne Hartmann studiert die Rhesi-Visualisierung auf dem Tablet.

Die St.Galler Baudirektorin Susanne Hartmann studiert die Rhesi-Visualisierung auf dem Tablet.

Bilder: IRR

Das Modell ist laut Rhesi-Projektleiter Markus Mähr ein «gutes Werkzeug, um das Verhalten des Rheins zu simulieren». Dabei stellen sich folgende Fragen: Wie entwickelt sich die Flusssohle? Wie wird die Uferböschung belastet? Wo entstehen Untiefen, wohin wandern Kiesbänke?

Die Versuche dauern wohl bis in den Sommer 2022; im kommenden Dezember wird das Modell auf den Abschnitt Oberriet bis Koblach umgebaut. Parallel laufen die Verhandlungen für den neuen, vierten Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Österreich; die Dossiers wurden kürzlich in Bern und Wien vorgelegt.

Bereits die dritte Rhesi-Dossierchefin

Auch wird die Detailplanung vorangetrieben und der partizipative Prozess in den Gemeinden wieder aufgenommen, wie Heinz Stiefelmeyer, Vorsitzender der Gemeinsamen Rheinkommission, sagte. Unter den Politdelegationen beider Länder trat auch die neue St.Galler Baudirektorin Susanne Hartmann auf, die als Regierungsrätin erstmals den Rhein überquerte. Sie ist nach Willi Haag und Marc Mächler bereits die dritte Rhesi-Dossierchefin in der Regierung.

Hartmann betonte wie auch Markus Wallner auf Seiten der Vorarlberger Regierung die Bedeutung des Jahrhundertprojekts für die Sicherheit sowie die Naherholung für Hunderttausende Menschen im Rheintal. Zumindest den Baustart in drei, vier Jahren dürfte die St.Galler Bauchefin noch im Amt erleben, die Bauzeit beträgt 20 Jahre.

Knacknüsse in Widnau und Koblach sowie im Umweltschutz

Bis zur Auflage des Projekts Ende 2021 gibt es noch einige Hürden zu nehmen, namentlich konfliktträchtige Regelungen in Widnau (Trinkwasserversorgung) und Koblach (Flächenabtausch bei der Frutzmündung). Die Dammabrückung stösst in Koblach weiterhin auf erbitterten Widerstand und wird zum Wahlkampfthema.

Statt auf formalrechtlich möglichen Zwang setzt das Land Vorarlberg auf die Einsicht der Bevölkerung für die «ökologische Perle»; der Abstimmung zum Flächenabtausch sieht die Rhesi-Leitung zuversichtlich entgegen.

«Sicher keine Verfahrensfehler zu machen»

«Sehr intensiv» hat man sich in Wien und Bregenz auch mit der Forderung der Umweltverbände nach einer Umweltprüfung befasst, sagt Heinz Stiefelmeyer. Ob diese nach EU-Recht nötig sei, wird diesen Sommer geklärt.

Im Hinblick auf die ohnehin fälligen Umweltverträglichkeitsprüfungen gehe es auch darum, «sicher keine Verfahrensfehler zu machen». Aufgrund des anhaltenden Unmuts der Umweltverbände, aber auch in der Landwirtschaft seien Verfahren bis vor die höchsten Gerichte zu erwarten. «Das ist üblich bei solch grossen Projekten», sagt Stiefelmeyer und fügt an:

«Wenn alle etwa gleich unzufrieden sind, spricht das für ein gutes Projekt.»

Öffentliche Führungen ab 21. Juli

Seit Beginn der Modellversuche besuchten über 5000 Personen die Halle in Dornbirn. Aufgrund der Coronaschutzmassnahmen musste sie aber temporär geschlossen werden. Gemeinden, Interessenvertreter und die Rheintaler Bevölkerung sind nun ab 21. Juli wieder zur Besichtigung eingeladen.

Neben öffentlichen Führungen jeden ersten und dritten Dienstag im Monat werden auf Voranmeldung individuelle Termine für Gruppen ab zehn Personen angeboten. Informationen zu Projekt, Versuchshalle, Führungen und Veranstaltungen unter www.rhesi.org.