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Der 1200 Jahre alte St.Galler Klosterplan ist zum Schutz nur 20 Sekunden lang zu sehen - hier dafür ganz ausführlich.

Der St.Galler Klosterplan ist 1200 Jahre alt und absolut einzigartig! Trotz der vielen Bauwerke, die zu dieser Zeit entstanden, ist kein anderer Bauplan aus dem frühen Mittelalter bekannt. Er ist die älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes. Jetzt wird er in St.Gallen ausgestellt.
Bruno Knellwolf/Rolf App

Gezeichnet wurde der Plan von Mönchen vor dem Jahr 830 n.Chr., auf der Insel Reichenau im Bodensee. Benannt ist er nach dem Ort St.Gallen, für den er ursprünglich geschaffen wurde und in dessen Stiftsbibliothek er bis heute liegt.

Ein Stich von Rahn.

Ein Stich von Rahn.

Die Schule

Die Schule ist für Stiftsbibliothekar Cornel Dora einer der fünf wichtigsten Orte auf dem Klosterplan. Der Plan vermittelt ungefähre Grössenverhältnisse, denn in dieser Zeit gibt es noch kein massstäbliches Denken. Es geht auch nicht um einen Bauplan, sondern um ein Konzept eines Grossklosters, wie man es in St. Gallen hätte bauen können. Die Schule dient Schülern von ausserhalb der Klostermauern. Es gibt keine Zeugnisse wie Schule in dieser Zeit abläuft, aber Hinweise, dass nicht nur frontal unterrichtet worden ist. Die hohe Zahl von 15 Toiletten, weist darauf hin, dass viele Schüler gleichzeitig unterrichtet werden.

Der Heilkräutergarten

«Der Heilkräutergarten verbindet das Schöne mit dem Nützlichen», sagt Cornel Dora. Ein idyllischer Garten. So wie die Religion Medizin für die menschliche Seele sein soll, sind die Kräuter Arznei für den Körper der Menschen. Der heutige Mensch denke in seiner Überheblichkeit, die Menschen hätten im Frühmittelalter so dahin vegetiert, sagt der Stiftsbibliothekar. Doch auch im Frühmittelalter will niemand leiden. Die Arznei aus dem Kräutergarten ist nicht wirkungslos, sondern lindert viele Schmerzen.

Der Chor

Im Chorbereich ist das Gallus-Grab dargestellt. Einer der Bezüge des Klosterplans zu St. Gallen. Widerlegt ist mit solchen Bezügen, dass es sich beim Klosterplan lediglich um eine Kopie eines idealen Musterplans handle, der am Hof von Ludwig dem Frommen erstellt und dann in ganz Europa verteilt worden sei. Der Chor mit dem Gallus-Grab ist das Pilgerzentrum, zu dem die Menschen der Aussenwelt angereist sind. «Das ist das spirituelle Zentrum des Klosters. Heute noch ist St. Gallen letztlich ein zutiefst spiritueller Ort», sagt Dora.

Der Friedhof

Beeindruckend ist der Friedhof auf dem Klosterplan mit den 14 Grabplatten und den 13 Bäumen, die alle von verschiedener Art sind. So unterschiedlich die Bäume im Obstgarten sind, so sind es auch die damit symbolisierten Menschen. «Ein christlicher Gedanke», sagt Dora. Eigentlich sind alle Menschen gleich, aber im Grunde doch verschieden. Der 14. Baum im Friedhof steht für das Kreuz. An diesem Holz hat Jesus Christus die Welt erlöst. Der Friedhof als Baumgarten gilt deshalb als Symbol des Weiterlebens nach dem Tode.

Das Refektorium

Das Refektorium ist der Speisesaal. Hier kommen die Mönche zusammen, um in rituellen Handlungen fürs leibliche Wohl zu sorgen. Stillschweigen gehört ebenso dazu wie die Wissensvermittlung. Von einem Lesepult aus werden von der Regel vorgeschriebene Lesungen abgehalten. Die Tischordnung zeigt eine flache Hierarchie. In der Mitte steht der Tisch des Abtes, an der Längsseite gegenüber dem Eingang das Lesepult, davor der Tisch mit Bank für die Gäste und in der Mitte der zweiten Schmalseite die Anrichte – alles artig beschriftet.

Präsentation und Forschung

Die audiovisuelle Vorstellung des 1200 Jahre alten Klosterplans im neuen Ausstellungssaal zeigt das Dokument in seiner Einzigartigkeit. Die zwölfminütige Präsentation hat der bekannte Ausstellungsmacher Peter Jezler mit seinem Sohn Clemens erstellt. Sie erzählt vom fiktiven Mönch Udo, der als Knabe ins Kloster gebracht wird und begleitet diesen durchs Leben. Dabei wird sichtbar, wie ein Kloster im Frühmittelalter funktionierte. Nach der Präsentation erscheint der originale Plan für zwanzig Sekunden, zur Schonung bei tiefer Lichtbelastung. In Ruhe gelassen werden soll der Klosterplan für eine geraume Zeit auch von Forscherhänden. In Zusammenarbeit mit der ETH Zürich wurde der Plan in den vergangenen Monaten in höchster Auflösung mit drei verschiedenen Methoden digitalisiert. Neue Erkenntnisse zu Einstichlöchern, Vorzeichnungen und Radierungen können Rätsel um die Herstellung des Plans lösen helfen.

Öffnet sich immer nur für 20 Sekunden: Der gut geschützte Klosterplan in St.Gallen. (Foto: Urs Bucher)

Öffnet sich immer nur für 20 Sekunden: Der gut geschützte Klosterplan in St.Gallen. (Foto: Urs Bucher)

So könnte das Kloster ausgesehen haben

Unerreichte Reichhaltigkeit

Der 1200 Jahre alte Klosterplan ist ein einzigartiges Dokument für die Zeitepoche des Frühmittelalters. Seine Reichhaltigkeit der Information ist unerreicht. In zwei Ausstellungen wird die Bedeutung des Klosters St.Gallen für die hochstehende Klosterkultur Europas gezeigt.

Bei einer Bibliotheksrevision wird im Kloster St.Gallen im Jahr 1461 auch ein Katalog erstellt. Darin findet sich ein Eintrag in Latein, der in deutscher Übersetzung folgendermassen lautet:

«Grosse Tierhaut, auf der das Leben des heiligen Martin geschrieben und das Gefüge seiner Gebäulichkeiten gezeichnet ist.»

Es ist ein Irrtum, dem der Bibliothekar da aufsitzt. Denn der Plan, den er in der Hand hält, und der 45 Gebäude und 5 Gärten umfasst, hat nichts mit dem Leben des heiligen Martin zu tun. Die Lebensbeschreibung stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts, der Plan aber wird heute auf die Zeit um 820 datiert. Er ist, sagt der St.Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora, «ein in der Reichhaltigkeit seiner Informationen völlig einzigartiges Dokument. Denn es hat sich kein vergleichbarer Architekturplan aus dem Frühmittelalter erhalten.»

Mit dreierlei Tinte gezeichnet

Der Klosterplan steht deshalb auch im Zentrum jener Ausstellung, die am Freitag in St.Gallen von Bundesrat Alain Berset eröffnet wird. Zusammen mit einer zweiten, im Gewölbekeller unter der Stiftsbibliothek mit modernsten Mitteln neu geschaffenen Ausstellung zeigt sie das Kloster St.Gallen als einzigartiges, kulturell wie politisch weit ausstrahlendes Zentrum mittelalterlicher Kultur. Den Klosterplan selber, gezeichnet mit dreierlei Tinte und beschriftet von zwei Schreibern, wird der Besucher im Original nur kurz sehen können. Die 1461 beschriebene Tierhaut ist in hohem Masse lichtempfindlich.

Es ist, sagt Cornel Dora, «eine helle, christlich inspirierte Zeit, in der dieser Plan auf der Insel Reichenau entsteht». Das Kloster St.Gallen, im 7. Jahrhundert vom irischen Wandermönch Gallus in einem abgelegenen Tal als einsame Klause begründet und 719 vom heiligen Otmar zum Kloster aufgebaut, hat zuvor unruhigere Zeiten gesehen. Es ist hineingezogen worden in die Auseinandersetzungen zwischen Alemannen und Franken um die Macht in einem Reich, an dessen Rand die heutige Schweiz liegt.

Es hat auf Geheiss der Frankenkönige die Regel des heiligen Benedikt eingeführt, und ist mehr und mehr zu einem fränkischen Machtzentrum geworden. Die St.Galler Äbte haben Einfluss, und so werden ihnen im näheren und weiteren Umkreis immer wieder Güter anvertraut. Cornel Dora:

«Ich denke, es war einfacher, unter der Oberherrschaft dieses Klosters zu leben, als der Willkür eines weltlichen Herrn ausgesetzt zu sein. Die Klöster hatten einen guten Ruf.»

Hinzu kommt ein Hunger nach Sinn, nach Bildung, nach Kultur. «Das Leben lädt sich idealistisch auf; plötzlich wird das ewige Leben wichtiger als das Leben.» Eine karolingische Hochkultur entwickelt sich, und obwohl bis zum Jahr 1000 immer auch die Angst vor dem Weltuntergang grassiert, herrscht eine optimistische Grundstimmung. «Man baut an einer friedlicher werdenden Welt, die erwacht ist für die Ideale des Christentums.»

Der Plan als Konzept für ein Grosskloster

Da sich politische Strukturen erst langsam bilden, hat Kirche viel Raum. «Sie nutzt ihn für den Aufbau von Schulen, für die Einrichtung von Spitälern, für die Förderung der Wissenschaft», zählt der Stiftsbibliothekar auf.

«Auch in der Politik gibt sie den Ton an. Karl der Grosse zum Beispiel hatte fast nur Geistliche als Berater.»

Ausdruck dieses ganzheitlichen Denkens und Strebens ist der Klosterplan. Er ist zwar auf St.Gallen bezogen, und nicht, wie man früher geglaubt hat, ein blosser Idealplan. «Man kann ihn als ein Konzept für ein Grosskloster betrachten, wie es hätte gebaut werden können.» In ihm spiegeln sich die dominante Rolle und die vielen Aufgaben dieser Institution. Gebaut hat Abt Gozbert, an den der Plan gerichtet war, nur die Kirche und einen Teil des Kreuzgangs.

Was aber nichts daran ändert, dass der Klosterplan bis heute die Fantasie beflügelt. Längst führt er ein digitalisiertes Eigenleben, und im süddeutschen Messkirch bauen Handwerker und Ehrenamtliche mit den Mitteln des 9.Jahrhunderts ein Kloster - auf der Grundlage des St.Galler Klosterplans.

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