«Ältere Menschen haben Probleme, die Depression anzusprechen»: St.Galler Facharzt gibt Tipps zum Umgang mit Betroffenen

Depressionen im Alter bleiben oft unentdeckt, auch weil Betroffene Angst vor einer Diagnose haben. Dabei leidet jeder Fünfte darunter.

Ines Biedenkapp
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Bei älteren Menschen zeigt sich die Depression oft über körperliche Symptome.

Bei älteren Menschen zeigt sich die Depression oft über körperliche Symptome. 

Bild: Christof Schuerpf/Keystone

Maria H. sitzt am Küchentisch. Die Ostschweizerin klagt gegenüber ihrer Familie über Magenprobleme und ein dumpfes Gefühl im Kopf. Arztbesuche haben nichts geholfen. Die Familie ist ratlos. Eine Angehörige wendet sich in einem Brief an die Psychiatrischen Dienste St.Gallen Nord: «Seit einiger Zeit fühlen wir uns hilflos in Bezug auf unsere Grossmutter. Was können wir tun, damit sie wieder an Dingen Freude hat?» Über Gefühle will die Ostschweizerin nicht sprechen. Sie glaubt, allen zur Last zu fallen. Die bedrückte Stimmung belastet die ganze Familie.

Das Beispiel ist fiktiv. «Doch was hier beschrieben wird, sind typische Anzeichen einer Depression», sagt Stephan Goppel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt Alterspsychiatrie an der Psychiatrie St.Gallen Nord.

«Das ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, die es gibt.»

Wie im Beispiel geht es vielen: «20 Prozent der Seniorinnen und Senioren erleben eine Altersdepression. Es trifft also jede fünfte Person», sagt Sabina Misoch, Leiterin Institut für Altersforschung an der Fachhochschule St.Gallen.

Symptome

Bei einer Depression fehlt der Antrieb, die Stimmung ist pessimistisch. Doch bei älteren Menschen kann sich eine Depression auf eine ganz andere Art und Weise äussern, nämlich über körperliche Beschwerden. «Dann spricht man von einer versteckten Depression», sagt Goppel. «Ältere Menschen haben sehr oft Probleme, die Depression anzusprechen. Sie haben vielfach nicht gelernt, über Gefühle zu reden.» Daher zeige sich das Unwohlsein etwa über Kopf- oder Rückenschmerzen, Atembeschwerden oder durch Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt. Gemäss Goppel macht das die Diagnose so schwierig.

Ursachen

So unterschiedlich die Krankheit auftritt, so vielfach können die Gründe dafür sein. Der Eintritt ins Rentenalter, der Tod eines geliebten Menschen oder ein Trauma können eine Depression hervorrufen. Es muss aber nicht immer offensichtlich sein: «Manchmal entstehen Depressionen ‹aus sich selbst heraus›, also ohne, dass eine äusserlich erkennbare Ursache vorliegt», sagt Goppel.

Ängste

Im Alter lässt die Selbstständigkeit nach, auch die Körperfunktionen werden schlechter. Viele der Betroffenen gehen anstelle einer Depression von normalen Alterserscheinungen aus. «Das stimmt aber nicht», sagt Sabina Misoch. Die Nacherwerbs- sowie die gesamte Alters-Lebensphase sei sehr herausfordernd. Daher sei es nicht verwunderlich, dass Depressionen im Alter zunehmen, sagt sie. Die Betroffenen schämen sich oft. Sie fühlen sich überflüssig. Die Chefärztin des Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, Christine Poppe, sagt:

«Ältere Menschen beklagen weniger eine traurige Stimmung als Ängste und starke innere Unruhe.»

«Sie haben Angst vor körperlicher Erkrankung, Abhängigkeit oder Vereinsamung.» Ausserdem hätten sie oft eine unbegründete Furcht vor der Psychiatrie, sind sich die Experten einig.

Depressionen betreffen häufiger Frauen als Männer

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Depression eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Diese kann über einen längeren Zeitraum wiederkehrend, aber auch nur für eine kurze Zeit auftreten und die betroffene Person in ihrem täglichen Leben beeinträchtigen.

«Depressionen zeigen sich im Denken, Fühlen und Handeln», sagt Christine Poppe, Chefärztin Psychiatrisches Zentrum Appenzell Ausserrhoden. Per Definition liegt eine Depression vor, wenn die Symptome länger als zwei Wochen anhalten. Im schlimmsten Fall kann eine Depression gar zum Suizid führen. «Gemäss der letzten Schweizer Gesundheitsbefragung litten 7,8 Prozent der Männer und 9,5 Prozent der Frauen im Jahr 2017 an einer mittleren bis schweren Depression», sagt Christine Poppe.

Laut WHO erfahren zwischen zwölf bis 17 Prozent der Menschen in ihrem Leben eine Depression. Diese betrifft häufiger Frauen als Männer. Auch Arbeitslose sind von der Krankheit häufiger betroffen. «Depressionen können aber jeden treffen, egal in welcher Lebensphase», sagt Stephan Goppel, Facharzt für Neurologie an den Psychiatrischen Diensten St.Gallen Nord. «Dabei kann die Krankheit ganz unterschiedliche Gesichter annehmen.» Gemäss der WHO werden 50 Prozent der schweren Depressionen, trotz guter Heilungschancen, nicht behandelt. (ibi)

Behandlung

«Was viele nicht wissen, Depressionen sind behandelbar, egal in welchem Alter», sagt Facharzt Goppel. Es komme auf die richtige Behandlung an. So gebe es etwa Medikamente gegen Depressionen. «Diese machen entgegen dem Glauben vieler nicht abhängig.» Allerdings würden ältere Menschen empfindlicher auf die Dosierung reagieren. Gegen die Krankheit würden vor allem Licht und Bewegung helfen.

«Dass man einmal am Tag zu einem bestimmten Zeitpunkt raus an die Sonne geht.»

Auch gibt es die Möglichkeit der Psychotherapie. «Depression heisst nicht, dass die Betroffenen gleich in die stationäre Psychiatrie eingewiesen werden», so Goppel. In der Therapie gehe es vor allem darum, das Leben wieder positiv und ausgewogen zu sehen – nicht einseitig negativ. Gemäss den Experten gelinge dies vielen alten Menschen sehr gut.

Frauen sind häufiger von einer Depression betroffen, als Männer.

Frauen sind häufiger von einer Depression betroffen, als Männer. 

Bild: Christof Schuerpf / KEYSTONE

Angehörige

Nicht nur für Betroffene kann die Depression belastend sein. Auch Angehörige trifft die Situation, sie fühlen sich meist überfordert. Doch auch sie können dem Betroffenen helfen, etwa in dem sie das Gespräch suchen. «Dabei ist es wichtig, dass die nahestehende Person dem Betroffenen viel zuhört», rät Goppel. Von krampfhaften Versuchen den Menschen aufzumuntern, sei allerdings abzuraten. Zudem können sich auch die Angehörigen Rat holen, etwa beim Hausarzt, einem Seelsorger, Pfarrer oder auch einem Psychologen.

Altersheime

Auch im Alters- und Pflegeheim Lindenhof in St.Gallen setzt man sich mit dem Thema auseinander. «Wir betreuen und pflegen immer wieder Bewohnende, die unter Depressionen leiden», sagt Herta Bischofberger, Leiterin Pflege und Betreuung. Um den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden, arbeitet das Pflegepersonal eng mit den Hausärzten oder den Geriatrischen Diensten der Region zusammen.

«Wir haben festgestellt, dass den Betroffenen ein spezieller Tagesplan hilft», sagt Bischofberger. «Man überlegt sich zum Beispiel, um welche Zeit Aktivitäten angeboten werden und plant gezielt Ruhephasen ein.» Zudem setze das Pflegeheim auf die sogenannte Bezugspersonenpflege: «Die Betroffenen werden von einer kleinen Gruppe betreut, damit sie Vertrauen aufbauen können.»

Bündnis

Die Kantone St.Gallen, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden sowie das Fürstentum Liechtenstein haben das Forum für Psychische Gesundheit als Nachfolge der vier Bündnisse gegen Depression gegründet. Das Forum hat es sich zur Aufgabe gemacht über die Krankheit aufzuklären. «Wir möchten das Thema enttabuisieren und arbeiten darauf hin, dass ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet», sagt Jürg Engler vom St.Galler Amt für Gesundheitsvorsorge, der das Forum leitet. «Denn es erkranken auch sehr viele ältere Menschen an einer Depression, die oft mit einer Demenz verwechselt wird.»

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