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Den Vorarlberger gibt es nicht

Der typische Bewohner des westlichsten Bundeslandes Österreichs schaut Schweizer Fernsehen, verdient 28000 Euro im Jahr und ist eine Frau. Oder doch nicht? Ein Essay von Markus Barnay.
Amerikanisch anmutende Agglomeration im Rheintal: nächtlicher Blick vom Karren auf Dornbirn, die grösste Stadt Vorarlbergs. (Bild: Imago

Amerikanisch anmutende Agglomeration im Rheintal: nächtlicher Blick vom Karren auf Dornbirn, die grösste Stadt Vorarlbergs. (Bild: Imago

Zu Besuch in Vorarlberg

Die Redaktorinnen und Redaktoren des Ressorts Ostschweiz haben ihren Arbeitsplatz für eine Woche nach Vorarlberg verlegt. Von dort aus berichten sie über Menschen, Wirtschaft und Kultur unserer so unbekannten wie faszinierenden Nachbarn – auf dass sie uns ein Stück näher rücken.

Markus Barnay, geboren 1957 in Bregenz, studierte Politikwissenschaften in Wien und Berlin und ist hauptberuflich TV-Redaktor beim ORF Vorarlberg. Er ist auch Autor von «Vorarlberg. Vom ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart» (Haymon Verlag Innsbruck) sowie Publizist und Gastkurator im Vorarlberg Museum in Bregenz.

Markus Barnay, geboren 1957 in Bregenz, studierte Politikwissenschaften in Wien und Berlin und ist hauptberuflich TV-Redaktor beim ORF Vorarlberg. Er ist auch Autor von «Vorarlberg. Vom ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart» (Haymon Verlag Innsbruck) sowie Publizist und Gastkurator im Vorarlberg Museum in Bregenz.

Natürlich kennen die Ostschweizer die Vorarlberger. Sie kennen sie von Begegnungen an der Fleischtheke im Lusten­auer Supermarkt, im Cineplexx in Hohenems, im Messepark in Dornbirn, im chinesischen Restaurant in Hard oder im Kuschelhotel in Bezau, aber auch vom Skilift in Gaschurn und bisweilen auch von dem in Lech am Arlberg (schliesslich ist dort die Tageskarte billiger als in Davos oder St. Moritz). Und selbstverständlich wissen die Ostschweizer, dass es «den Vorarlberger» nicht gibt. Wie könnte es sonst sein, dass der Vorarlberger, den sie in Lustenau, Hard oder Lech treffen, mal mit deutschem, mal mit ungarischem, mal mit türkischem Akzent redet – oder in Lustenauer, Bregenzerwälder oder Montafoner Mundart, die sogar ein Fremder als sehr verschieden wahrnimmt?

Der Vorarlberger ist eine Konstruktion. Erfunden haben ihn liberale Bürger im 19. Jahrhundert, die sich vom erzkatholischen Tirol loslösen wollten, zu dem die Vorarlberger Herrschaften bis dahin gehörten. Sie haben das «alemannische» Wesen des Vorarlbergers entdeckt, das sich so sehr vom «bajuwarischen» Charakter des Nachbarn unterscheiden sollte – und haben dabei gnädig darüber hinweggesehen, dass die Mundartfärbungen, auf die sie sich beriefen, bis weit nach Tirol hinein verbreitet waren, und generell ignoriert, dass die vermeintliche «alemannische» Landnahme Hunderte Jahre zuvor gar nicht belegbar war, weil sie vermutlich gar nie stattfand.

Siedlungsgeografie erschwert Identitätsfindung

Aus statistischer Sicht gibt es wenigstens einen Durchschnitts-Vorarlberger: Er lebt – so wie zwei Drittel aller knapp 400000 Einwohner – im Rheintal zwischen Bregenz und Feldkirch. Insgesamt wohnen sogar 80 Prozent aller Vorarlberger in den beiden Regionen Rheintal und Walgau, während rundum der Arlberg, der Bregenzerwald und das Montafon weitaus bekannter sind. Wie soll man sich aber auch mit einer Region identifizieren, die wie ein kleines Los Angeles aussieht, aber weit weniger Glamour ausstrahlt? «Sie schwanken zwischen Grössenwahn und Selbstverachtung», hat der Autor Michael Köhlmeier (wohnhaft in der Mitte des Rheintals, in Hohenems) einmal über seine Landsleute gesagt. Der typische Vorarlberger ist eigentlich eine Frau, denn Frauen sind in Vorarlberg ein kleines bisschen in der Überzahl (ziemlich genau um 3000). Und die typische Vorarlbergerin arbeitet Teilzeit und in der Dienstleistungsbranche (Handel, Erziehung, Gesundheitswesen, Tourismus), denn dort sind generell 60 Prozent aller Beschäftigten tätig. Andererseits ist der Anteil jener Menschen, die in der Industrie arbeiten, in Vorarlberg immer noch weit grösser als im übrigen Österreich oder auch in der restlichen Bodenseeregion. Denn Vorarlberg gehört schon seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zu den am höchsten industrialisierten Gebieten Österreichs – nicht zuletzt dank der Schweizer Textilfabrikanten, die hier zuerst Heimarbeiter beschäftigten und dann eigene Betriebe eröffneten.

Ohne «Fremde» keine Einheimischen

Mit der Industrialisierung kamen auch vermehrt andere «Fremde» ins Land – unter anderem aus dem italienischsprachigen Trentino (damals noch Teil der Monarchie), aus Kärnten und der Steiermark. In den Jahrhunderten davor waren die Vorarlberger selbst gezwungen gewesen, auszuwandern (als Söldner, Bauhandwerker, Erntehelfer), wenn sie überleben wollten. Nun halfen aber die «Fremden» den Vorarlbergern, sich selbst zu definieren – sie waren die, die schon länger da waren, eine andere Sprache sprachen oder andere Sitten pflegten. Die Abgrenzung galt aber auch den äusseren Nachbarn – den Eidgenossen beispielsweise, die ja als Erbfeinde der Habsburger galten und ohnehin oft der «falschen» Religion anhingen.

Als 1892 der Staatsvertrag zwischen Österreich und der Schweiz über die Rheinregulierung verabschiedet wurde, warnten Abgeordnete im Vorarlberger Landtag davor, weil man den Schweizern nicht trauen könne. Und das Angebot, den neuen Verlauf des Rheins auch gleich zur Staatsgrenze zu erklären und die Gemeinden Fussach, Höchst und Gaissau in die Schweiz aufzunehmen, lehnte die dortige Bevölkerung dankend ab! Die Bewegung für einen Anschluss an die Schweiz kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die in Vorarlberg grosse Zustimmung fand, ist also nur aus der Situation zu erklären: Man sehnte sich nach einem stabilen Staatswesen, in dem es genug zu essen gab – und die Lebensmittel-Hilfslieferungen aus der Schweiz bestärkten diese Sichtweise.

Zwanzig Jahre später sah die Situation wieder ganz anders aus: Jetzt war die Schweiz für die Nazi-Bonzen eine Art Geldtresor, für die Verfolgten des NS-Regimes das Hoffnungsland und für regimetreue Bürger feindliches Ausland. Ein naiver Tourist aus Süddeutschland, der sich im Bregenzerwald mit Blick nach Westen erkundigte, ob das, was man dort sehe, die Schweizer Berge seien, wurde denunziert und von der Gestapo im Verhör nach vermeintlichen Fluchtplänen befragt.

Ein Kaffee in Bellinzona

Der typische Vorarlberger ist natürlich stolz auf seine exportorientierte Industrie, aber auch auf sein «Ländle». Diese Verniedlichung täuscht darüber hinweg, dass gerade noch 0,35 Prozent der Bevölkerung Vollerwerbsbauern sind. Die produzieren vor allem Milch und Käse, wobei sie Letzteres einst von den Schweizern lernten. Die Tourismusverantwortlichen stöhnen übrigens angesichts der Ver-«Ländle»-sierung Vorarlbergs, wo man vor dem Besuch der «Ländle-Poledance»-Vorführung noch beim «Ländle-Kebab» vorbeischaut (beides gibt es wirklich): Sie fürchten, dass man so mit dem kleineren «Ländle» Liechtenstein und dem viel grösseren «Ländle» Baden-Württemberg verwechselt wird. Der typische Vorarlberger kennt die Ostschweiz weniger gut als umgekehrt. Früher ging er noch in den Rheinpark oder in die Multergasse einkaufen, übernachtete in Häfen am Thurgauer Bodenseeufer, trank den Sauser in Berneck oder fuhr sogar am Pizol Ski. Heute fährt er über den San Bernardino nach Italien und trinkt vielleicht in der Raststätte Bellinzona einen Kaffee, weil das Tradition hat. Ansonsten ist dem typischen Vorarlberger die Schweiz zu teuer. Das gilt natürlich nicht für die 8000 Vorarlberger, die als Grenzgänger in der Schweiz arbeiten, und auch nicht für die weiteren 8000, die ihre Brötchen in Liechtenstein verdienen, wo sie wiederum mit vielen Ostschweizern zusammentreffen, die ebenfalls dort arbeiten. Und es gilt auch nicht für die wohlhabenden Vorarlberger, deren Kinder an der ETH Zürich oder an der HSG studieren. Aber die sind ja auch keine typischen Vorarlberger, jedenfalls statistisch gesehen. Denn das Durchschnittseinkommen des Vorarlbergers liegt bei 28000 Euro im Jahr, das sind 1500 Euro netto pro Monat.

Schlecht verträglicher Österreich-Patriotismus

Der typische Vorarlberger beneidet die Schweiz nicht nur wegen der hohen Löhne (die hohen Preise vergisst er da vo­rübergehend), sondern auch wegen ihres Föderalismus, obwohl er keine Ahnung hat, wie das System funktioniert und was der Unterschied zwischen dem Kantonsrat und einem Regierungsrat ist.

Der typische Vorarlberger schaut auch Schweizer Fernsehen, weniger den «Samschtig-Jass», obwohl das Jassen ja eine der wenigen echten Gemeinsamkeiten von Ostschweizern und Vorarlbergern ist, sondern eher wegen der Sportübertragungen: die einen, weil der ORF nur noch wenige Spiele der Champions League übertragen darf, die anderen, weil sie den Österreich-Patriotismus der Kommentatoren von Skirennen doch nicht so gut vertragen. Die erfolgreichen Sportler aus der Ostschweiz kennen sie aber trotzdem nicht, weder den Appenzeller Skicross-Medaillengewinner Marc Bischofberger noch die Mountainbike-Weltmeisterin Jolanda Neff, die direkt an der Vorarlberger Grenze wohnt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Andererseits beneiden aber auch die Ostschweizer die Vorarlberger um ihr öffentlich-rechtliches Regionalfernsehen: Wo gibt es das sonst noch, dass für 400000 Menschen allabendlich eine eigene Sendung gemacht wird, in der ausschliesslich über die nähere Umgebung berichtet wird? Okay, in Graubünden, die «Telesguard» für 30000 Rätoromanen. Aber ist Graubünden die Ostschweiz?

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