Demenzkranke separat betreuen

Demenzkranke Senioren werden zunehmend zum Problem in Alters- und Pflegeheimen, weil sie zu Verhaltens- auffälligkeiten neigen. Immer mehr Ostschweizer Heime setzen daher auf separate Wohnformen wie Demenzstationen.

Jeanette Herzog
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Puppen ersetzen die eigenen Kinder – Demenzkranke leben in ihrer Vergangenheit wie hier im Alterszentrum Aaheim in Aadorf. (Bild: Urs Bucher)

Puppen ersetzen die eigenen Kinder – Demenzkranke leben in ihrer Vergangenheit wie hier im Alterszentrum Aaheim in Aadorf. (Bild: Urs Bucher)

Wir werden immer älter – und mit dem Alter steigt das Risiko einer Demenzerkrankung. Mittlerweile leben 102 000 demente Menschen in der Schweiz. Das Zusammenleben in den Alters- und Pflegeheimen wird dadurch immer schwieriger (siehe Interview). Die Heime haben reagiert: In den vergangenen Jahren zeichnete sich ein starker Trend zu separaten Demenzstationen ab. In der Ostschweiz haben bereits viele Heime um- oder ausgebaut – im Kanton Thurgau bieten knapp 20 von 53 separate Wohnformen für Demenzkranke an und im Kanton St. Gallen gut ein Viertel der insgesamt 118 Heime; weitere folgen.

Warteliste für Demenzstation

In Amriswil ist der erste Spatenstich für eine Demenzstation bereits getan und in Arbon und Romanshorn wird eifrig geplant. Auch im Kanton St. Gallen tut sich einiges: In Wil ist die Nachfrage nach separaten Wohnmöglichkeiten für Demenzkranke so gross, dass der Umbau des Pflegezentrums Fürstenau nicht abgewartet werden konnte, um eine Demenzstation einzurichten. Seit zwei Jahren bewohnen Demenzkranke deshalb eine getrennte Abteilung im Spital Wil. Mitte Dezember ist der Umbau des Pflegezentrums so weit abgeschlossen, dass die Wohngruppe umziehen kann. «Wir haben neu Platz für 13 demenzkranke Bewohner und einen Platz für regelmässige Tages- und Nachtaufenthalte für Demente, die eigentlich zu Hause betreut werden», sagt Geschäftsführer Heinz Kapusta. Es gibt bereits eine Warteliste.

Auch das Alters- und Pflegeheim Wiborada in Bernhardzell plant einen Neubau, der es ermöglicht, in Zukunft eine separate Wohngruppe für 14 Demenzkranke zu eröffnen. «Momentan fehlt die Nachfrage, um eine Demenzstation wirtschaftlich betreiben zu können», sagt Heimleiter Thomas Günter. Aber man will vorbereitet sein. Baubeginn ist nächsten Herbst.

Konzept steht – das Haus fehlt

Auch in St. Margrethen wünscht sich die Heimleitung des Alters- und Pflegeheims Fahr seit Jahren eine Demenzstation. «Die Pläne waren fixfertig, als wir erfuhren, dass ein Neubau einige hunderttausend Franken günstiger kommen würde als der geplante Umbau für 3,5 Millionen Franken», erzählt Heimleiter Alois Thür. Nun verzögert sich der Neubau erneut, weil die Gemeinde abwarten möchte, wie hoch die Pflegekosten sind, die wegen der Neuen Pflegefinanzierung auf sie zukommen. Erst dann könne sie abschätzen, wie viel sie in eine Demenzstation investieren kann. «Wenn wir im Jahr 2013 die neue Station einweihen könnten, würde ich mich glücklich schätzen», sagt er leicht frustriert. «Wir haben heute sechs bis sieben Bewohner, die auf einer Demenzstation besser aufgehoben wären als auf der allgemeinen», sagt Thür, der lange Zeit kein Verfechter von separaten Stationen war. «Ich hielt es für besser, wenn sich die Bewohner gegenseitig unterstützen.»

Mittlerweile sieht er das anders. Insbesondere für Demente im fortgeschrittenen Krankheitsstadium habe es grosse Vorteile, wenn die Station auf ihre individuellen Bedürfnisse Rücksicht nehmen kann: Im Garten können sie ihren starken Bewegungsdrang ausleben und keiner stört sich daran, wenn sie alle fünf Minuten dasselbe fragen. Zudem leben Demenzkranke in ihrer Vergangenheit, heutzutage also meist in den 50er- oder 60er-Jahren. Entsprechend will Thür seine neue Station dereinst mit Möbeln aus dem Brockenhaus einrichten.

Backen, singen und spielen

Im Alterszentrum Aaheim in Aadorf haben die dementen Bewohner vor zweieinhalb Jahren ein neues Haus bezogen. Das Adesta kostete knapp 4,5 Millionen Franken und bietet Platz für 16 Personen. Das Konzept funktioniert – das Haus sei immer voll, sagt Heimleiter Lucien Kessler. «Unsere Bewohner haben eine geschützte Wohnumgebung und einen grossen Garten.» Zudem arbeiten auf der Demenzstation mehr Fachmitarbeiter als auf der allgemeinen Station. In Aktivierungs- und Gruppentherapien werden die Bewohner beim gemeinsamen Backen, Singen und Spielen gefördert.