Dem Spital Vaduz droht der Kollaps

Abtrünnige Ärzte, fehlende Patienten, drohende Überschuldung: Das Liechtensteinische Landesspital steckt in einer ernsten Krise. Der Staat springt mit einer Finanzspritze ein. Derweil wird um die Strategie und den Standort des Spitals gestritten.

Günther Meier
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Das Landesspital in Vaduz. (Bild: Günther Meier)

Das Landesspital in Vaduz. (Bild: Günther Meier)

Wenn die Liechtensteiner Regierung dem Parlament einen Finanzantrag unterbreitet, geht es meist um runde Millionen-Beträge. Nicht so im Fall des Landesspitals, das eine Finanzspritze zur Abwendung einer drohenden Überschuldung benötigt. Auf exakt 2 317 360,16 Franken lautet der Antrag, der mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Landtag bewilligt, gleichzeitig aber auch Diskussionen über die künftige Strategie des Spitals auslösen wird. Nach einer Hochrechnung droht dem Spital für das Jahr 2018 ein Verlust von 2,2 Millionen. Nachdem schon in den Vorjahren das Eigenkapital zur Abdeckung von Verlusten zu Hilfe gezogen werden musste, könnte per Ende 2018 mit dem prognostizierten Verlust eine Überschuldung eintreten. Um den Kollaps des Spitals abzuwenden, schlägt die Regierung den Verzicht auf die Rückzahlung eines Darlehens vor, dessen Restsumme derzeit noch die erwähnten gut 2,3 Millionen Franken beträgt.

Stimmt das Parlament dem Forderungsverzicht auf das Darlehen zu, ist das Spital vor der aktuellen Überschuldung gerettet, aber noch keine Basis für eine erfolgreiche Zukunft geschaffen. Das in die Jahre gekommene Gebäude sollte 2011 durch einen Neubau ersetzt werden, doch das Volk lehnte den 83-Millionen-Kredit ab. Danach schloss das Spital mit dem Kantonsspital Graubünden einen Kooperationsvertrag. Aus dem früheren Belegarztspital wurde aufgrund von Forderungen in der Öffentlichkeit, für Notfälle eine Präsenz rund um die Uhr anzubieten, ein Hybridmodell eingerichtet – mit angestellten Ärzten und Belegärzten.

Konkurs von Privatklinik heizt Diskussion an

Wie die Zukunftsstrategie des Spitals aussieht, ist derzeit unklar. Auch über den Standort wird debattiert. Auslöser dafür war eine Gruppe von Belegärzten, die die Privatklinik Medicnova in Bendern gründeten. Nach weniger als zwei Betriebsjahren ging diese in Konkurs, weil sich die Erwartungen auf den Zustrom von Patienten nicht erfüllten – seit Mitte Juli ist die Klinik geschlossen. Gesundheitsminister Mauro Pedrazzini wird seither mit der Forderung konfrontiert, das Gebäude der Medicnova AG zu übernehmen und das Spital ganz oder teilweise von Vaduz in die moderne, aber leerstehende Privatklinik zu übersiedeln. Zudem musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, der privaten Medicnova die OKP-Zulassung (Obligatorische Krankenpflegeversicherung) verweigert zu haben, was den Niedergang beschleunigt habe. Pedrazzini wies die Kritik mit dem Argument zurück, damit hätte die Regierung mit einem Millionen-Betrag ein Privatunternehmen unterstützt, das dem Landesspital gegenüber als Konkurrenz aufgetreten sei und somit einen deutlichen Ertragsausfall verursacht habe. Die Standortfrage könne dem Parlament dieses Jahr nicht mehr unterbreitet werden, weil weitere Abklärungen nötig seien: Bei der Medicnova habe Aktienkapital von 13 Millionen Franken abgeschrieben werden müssen und die offenen Forderungen gegen die Konkursmasse würden weitere 12 Millionen betragen.

Mit dem Konkurs der Privatklinik Medicnova müssen auch die Strategie-Varianten für die Spitalversorgung überarbeitet werden, die das Beratungsunternehmen PwC im Auftrag der Regierung erarbeitet hat. Die Studie favorisierte eine Kooperation zwischen Landesspital und Privatklinik: Der Betrieb des Landesspitals sollte in die Räumlichkeiten der Medicnova verlegt werden, während die Medicnova-Ärzte dort als Belegarztgesellschaft weiterhin medizinische Leistungen erbringen könnten.

30 Prozent weniger stationäre Patienten

Gesundheitsminister Pedrazzini erklärte in einem Interview, dass das Landesspital als ehemaliger Arbeitgeber den abtrünnigen Belegärzten neue Verträge angeboten habe. Damit soll erreicht werden, dass diese Ärzte ihre Patienten nicht mehr an das Spital Grabs überweisen, sondern wieder an das Landesspital. Es soll sich um rund 1000 Fälle handeln, die als Patienten der Medicnova-Ärzte schon vorher zu einem beträchtlichen Einbruch der Zahlen im Landesspital beigetragen haben. Für das Jahr 2017 registrierte das Landesspital einen Rückgang von 30 Prozent bei den stationären Patienten und von rund 7 Prozent im ambulanten Bereich. Pedrazzini hofft, obwohl die Ärzte im Unfrieden ausgeschieden sind, auf eine Rückkehr ans Landesspital: «Es ist auf die Dauer kein Zustand, dass Ärzte, denen im Rahmen unserer Bedarfsplanung ein OKP-Vertrag gewährt wurde, aktiv Patienten ins Ausland bringen, während am Landesspital Kapazitäten brach liegen.»

Nebst dem Kantonsspital Chur als Kooperationspartner hat das Landesspital vertragliche Vereinbarungen mit der Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland sowie weiteren Spitälern und Spezialkliniken. Immer wieder taucht die Frage auf, weshalb keine Kooperation mit dem Spital Grabs bestehe. In einem Bericht der Regierung heisst es dazu, dass 2012 «eine horizontale Kooperation mit dem Spital Grabs» geprüft worden sei. Dabei habe sich gezeigt, dass eine Aufteilung medizinischer Leistungen zwischen Vaduz und Grabs nur mit einer gemeinsamen Trägerschaft möglich wäre. Die Idee eines gemeinsamen Spitals Vaduz-Grabs, so hätten Gespräche auf politischer Ebene ergeben, sei jedoch mit der St. Galler Spitalstrategie nicht vereinbar.

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