Kommentar
Das Volk lässt sich von der Burka provozieren

Ein landesweites Verhüllungsverbot würde genau das Gegenteil von dem bewirken, was es eigentlich beabsichtigt: Provokateure und islamistische Sektierer kämen dank dem Verbot zu einer Plattform.

Andri Rostetter
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Das ging schneller als erwartet. Diesen Mittwoch, nicht einmal zwei Wochen nach der St.Galler Abstimmung über das Verhüllungsverbot, tauchte eine Frau mit Gesichtsschleier vor dem St. Galler Rathaus auf. Den Auftritt arrangiert hatte Rachid Nekkaz. Der algerisch-französische Immobilienmogul reist seit Jahren quer durch Europa und bezahlt sämtliche Bussen, die wegen Burkas, Nikabs und anderen islamischen Gesichtsverhüllungen verhängt werden. Nekkaz sieht sich als Kämpfer für die Religionsfreiheit, zwei Millionen Euro soll er für diesen Feldzug bereit gestellt haben – ein Pappenstiel für den Unternehmer, der allein in Frankreich über 1000 Immobilien besitzt.

Andri Rostetter (Bild: Ralph Ribi)

Andri Rostetter (Bild: Ralph Ribi)

Der Besuch von Nekkaz ist ein Vorgeschmack auf das, was der Schweiz blühen könnte. Voraussichtlich 2019 kommt die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» zur Abstimmung. Glaubt man den Umfragen, wird die Initiative an der Urne eine klare Mehrheit finden. Nach dem deutlichen Ja zum Minarettverbot 2009 wäre es die zweite Initiative gegen religiöse Symbole des Islam.

Abgrenzung, Inszenierung, Provokation

Es ist zu befürchten, dass die Schweiz sich damit definitiv zur Zielscheibe für die selbsternannten Wächter der Religionsfreiheit macht. Nekkaz ist in diesem Umzug noch eine harmlose Erscheinung. Gemäss der französischen Zeitung «Le Figaro» ist der Selfmade-Millionär kein verkappter Islamist, sondern nur ein leidenschaftlicher Provokateur. Ein gesamtschweizerisches Verbot wird aber auch weniger harmlose Figuren anstacheln. Sektierer aus dem islamistischen Milieu fühlen sich durch solche Gesetze geradezu ermuntert, für ihre ganz private Auslegung der Glaubensfreiheit zu kämpfen.

Dabei geht es hier längst nicht nur um die Religion. Offen zur Schau getragene Symbole dienen nicht nur der Selbstvergewisserung, sondern auch der Abgrenzung, Inszenierung und Provokation: Schaut her, ich bin anders, ich bin besser, ich gehöre nicht zu euch! Gerade diese Komponente macht den fundamentalistischen Islam attraktiv für orientierungslose Seelen. Burka und Nikab sind gewissermassen Identitäten zum Überziehen.

Keine geifernden Islamhasser

Man darf getrost davon ausgehen, dass die meisten jener 66,6 Prozent, die dem St. Galler Verhüllungsverbot zugestimmt haben, sich nicht vor einer verhüllten Frau fürchten. Aber sie fühlen sich durch die zur Schau getragene Religiosität provoziert, ja in ihrem eigenen Werteverständnis angegriffen. Die Befürworterinnen und Befürworter eines Verhüllungsverbots sind auch in den seltensten Fällen geifernde Islamhasser. Sie wissen, dass es bei Burka und Nikab nicht um den real existierenden Islam in der Schweiz geht.

Fünf Prozent beträgt der Anteil der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz, die meisten von ihnen stammen aus dem Balkan oder der Türkei. Ihr Verhältnis zur Religion ist allenfalls traditionell, aber keineswegs extrem. Eine Mehrheit der Verhüllungsgegner weiss im Grunde auch: Strenggläubige Moslems sind genauso wenig ein Problem wie evangelikale Christen. In einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft darf jeder glauben, was er will – so lange er sich an die rechtsstaatliche Ordnung hält.

Ungebremste Polarisierung

Dieses Wissen hat in der Debatte um das Verhüllungsverbot bis jetzt nicht geholfen. Die Mehrheit lässt sich provozieren. Und wird deshalb dem eidgenössischen Verhüllungsverbot zustimmen. Die Tragik dieses Verbots: Es bewirkt genau das Gegenteil von dem, was es beabsichtigt. Statt den zur Schau getragenen Fundamentalismus zu unterbinden, verhilft es den religiösen Aufwieglern zu einer Bühne, auf der sie sich als Opfer der Gesellschaft gebärden können.

Ein selbstbewusster, souveräner Staat darf sich aber durch ein paar ideologische Irrläufer nicht aus der Fassung bringen lassen. Mit dem Verhüllungsverbot ist die Schweiz auf dem besten Weg dazu, diesen Fehler zu machen. Damit dreht sich die Spirale der Provokationen und der identitätspolitischen Polarisierung ungebremst weiter.