Im Kanton Thurgau wird in 10 von 24 Fällen Alkohol nicht altersgerecht verkauft

Jugendliche kommen im Kanton Thurgau besonders leicht an Alkohol. Das ergaben Alkoholtestkäufe des Blauen Kreuzes. Eine Online-Plattform sensibilisiert nun für altersgerechten Alkoholverkauf.

Fiona Helg
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Ausweiskontrolle vor dem Verkauf von Alkohol (Symbolbild). (Bild: Nana do Carmo)

Ausweiskontrolle vor dem Verkauf von Alkohol (Symbolbild). (Bild: Nana do Carmo)

In den vier Ostschweizer Kantonen Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau gilt ein Verbot für den Verkauf von jeglichem Alkohol an unter 16-Jährige und für den Verkauf von hochprozentigen alkoholischen Getränken, wie Schnapps oder Alcopops (ab 15 Volumenprozent) an unter 18-Jährige. Daran halten sich jedoch nicht alle Verkaufsstellen von Alkohol. Im Kanton Thurgau, zeigen die neuesten Zahlen eine Verstoss-Quote bei Alkoholtestkäufen von 42 Prozent. Das bedeutet: In 10 von 24 Fällen wurde Alkohol nicht altersgerecht verkauft. Somit liegt das Resultat vom Blauen Kreuz Thurgau-Schaffhausen durchgeführten Tests um 13,3 Prozent über dem schweizerischen Durchschnitt (28,7 Prozent). Auch die anderen Ostschweizer Kantone liegen mit ihrer Verstoss-Quote weit hinter dem Thurgau. In St. Gallen betrug sie im Jahr 2017 33 Prozent, in Appenzell Innerrhoden 12,5 Prozent.

Der Kanton Appenzell Ausserrhoden hat 2015 die Durchführung von Alkoholtestkäufen aufgrund der unklaren Rechtslage ausgesetzt. «Stattdessen wird die Präventionsarbeit mit Jugendlichen und an Schulen verstärkt», teilt der Regierungssprecher Georg Amstutz, mit.

Auf die Zusammensetzung kommt es an

Die Zahlen mögen zwar verblüffen, lassen sich aber erklären. David Marquis, Mediensprecher der Eidgenössischen Zollverwaltung (EVZ), sagt über die Ergebnisse von Alkoholtestkäufen, dass diese vom Alter der ausgewählten Testperson wie auch von der Art der getesteten Verkaufsstelle abhängen. So hat die Art der Durchführung des Tests einen grossen Einfluss auf die Ergebnisse, erklärt Marquis.

Dies untermauern von der EVZ veröffentlichte Zahlen zu der schweizerischen Alkohol-Verkaufsrate an Minderjährige nach Verkaufsort. So wurden 2017 an Festivals und Events (44,8 Prozent) über 30 Prozent mehr widerrechtliche Alkoholverkäufe verzeichnet als an Tankstellenshops (13,7 Prozent). Die Art der getesteten Verkaufsorte beeinflusst also die Testresultate.

Zu den Gründen für den massiven Unterschied zwischen den verschiedenen Verkaufsstellen gibt es derzeit noch keine Studien. Marquis sagt aber: «Es gilt zu bedenken, dass das Verkaufspersonal bei Events und Festivals oft nicht professionell, sondern temporär angestellt ist oder sogar freiwillig arbeitet. Diese Personen sind mit den Gesetzesbestimmungen weniger vertraut. Zudem haben sie weniger Erfahrung mit Stress-Situationen als professionelles Personal.» Daraus könnte durchaus eine höhere Verstoss-Quote resultieren.

Nessim Ben Salah arbeitet beim EVZ in der Abteilung Alkoholmarkt und Werbung. Er sagt, dass vor allem für solch nicht oder kaum geschultes Verkaufspersonal die Online-Plattform jalk.ch – kurz für Jugendschutz Alkohol – von der Eidgenössischen Alkoholverwaltung in Zusammenarbeit mit der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs (ZFPS) entwickelt wurde. Diese Schulung kann kostenfrei absolviert werden und ist für jedermann zugänglich. So wird auch temporär angestelltem Personal der Zugang zu einer Schulung gewährt. «Natürlich nutzen aber auch professionelle Verkäufer die Plattform, um ihr Wissen aufzufrischen», sagt Ben Salah. jalk.ch verstehe sich jedoch lediglich als Zusatz zu den ausführlicheren kantonalen Schulungen. Die Plattform sei auf keinen Fall ein Ersatz.

Mehr Aufmerksamkeit für Jugendschutz

Martina Gadient, Fachbereichsleiterin Sucht & Sexual Health und Kathrin Amann von der Fachstelle Jugendschutz – beide vom St. Galler Gesundheitsdepartement – sind sich einig: «Die involvierten Anbieter und das Verkaufspersonal müssen auf altersgerechten Alkoholverkauf sensibilisiert werden». Testkäufe seien nur eine Massnahme, um auf das Thema Jugendschutz aufmerksam zu machen. Beide sagen: «Schulungen sind wichtig.»

Die Online-Plattform jalk.ch soll zu einer Sensibilisierung beitragen. Die Online-Schulung dauert etwa 30 bis 40 Minuten. Zu Beginn werden neun Gesichter von jugendlich aussehenden Personen gezeigt. Wer sich darauf einlässt, muss entscheiden, welche davon über 18 Jahre alt ist. Es erfolgt eine Auflösung ohne Erklärung.

Eine informative Tranche folgt. Neben den allgemeinen Risiken des Alkoholkonsums, wird dessen besondere Gefahr, für Jugendliche auf Grund noch nicht abgeschlossener Entwicklungsprozesse erläutert. Auch das Rauschtrinken, durch Alkohol verursachte Todesfälle (2013 jeder sechste Unfalltod) und Folgekosten durch Alkoholkonsum (2016 in der Schweiz 4,2 Milliarden Franken) werden unter anderem thematisiert.

Der rechtliche Aspekt beim Verkauf von Alkohol wird auch durchgenommen. Drei Fragen, in denen die Verkaufs-Situation beurteilt wird, sollen das Vorwissen testen. Dann folgen Fakten. Die Gesetze und mögliche Strafen bei widerrechtlichem Verkauf von Alkohol werden erklärt. Dazu gehören Strafanzeigen, Geldbussen und Lizenzentzug für Gastronomiebetriebe. Sechs Verkaufssituationen in Restaurants, an Festivals und im Detailhandel zeigen die richtige Umsetzung des Gelernten im Alltag auf.

Mit 15 Fragen zum Schulungsausweis

Zum Schluss folgt eine Art Prüfung, bestehend aus 15 Fragen. Zwölf davon müssen für die Ausstellung des Schulungsausweises richtig beantwortet werden. Der Test kann beliebig oft wiederholt werden. Laut Ben Salah wurde die Online-Schulung im laufenden Jahr schweizweit (ausgenommen im Kanton Zürich) 2616 Mal erfolgreich abgeschlossen. Ausserdem liegen erste Erkenntnisse zum Nutzen von jalk.ch vor. «Das Croix-Bleue Romande hat die Schulung letzten Sommer in ein Präventionskonzept am Paléo Festival integriert», sagt Ben Salah. Das Projekt habe gezeigt, dass das Tool den Erwerb von Wissen ermöglicht, das für die Alkoholabgabe erforderlich ist.

Hinweis
www.jalk.ch