Das Teufelsschiff vom Bodensee: Wie die «Zürich» vor 100 Jahren mehrere Schiffe zum Kentern brachte

Der Dampfer «Stadt Zürich» rammte von 1860 bis 1909 mehrere Schiffe, darunter die «Jura» und die «Ludwig». Ein Grund für die vielen Zusammenstösse: Die «Zürich» war gut motorisiert.

Torsten Schöll
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Die «Stadt Zürich» war einer der schnellsten Raddampfer seiner Zeit. (Bild: Wikipedia)

Die «Stadt Zürich» war einer der schnellsten Raddampfer seiner Zeit. (Bild: Wikipedia)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Es ist einer dieser Wintertage am Bodensee, an denen das Sichtbare und das Unsichtbare ganz nah beieinander liegen. Nebel, so dicht, als ob man mit dem Messer Stücke aus der Luft schneiden könnte. Es ist still über dem See am Morgen des 12. Februar 1864. Die Wasseroberfläche glatt wie ein Fisch. Die «Jura», ein 46 Meter langes, früher schweizerisches, inzwischen bayerisches Dampfschiff, ist an diesem Freitagvormittag mit Besatzung und fünf Passagieren auf der Kurslinie von Romanshorn nach Konstanz unterwegs. So steht es später im Unfallbericht der Königlich Bayerischen Verkehrsanstalten.

Martin Motz, ein umsichtiger Mann und der Kapitän des Schiffes, hat vorsichtshalber einen Matrosen als Nebelausguck am Bug abgestellt. Motz weiss, dass irgendwo da draussen Kapitän Blumer und seine «Stadt Zürich», 300 PS stark und der grösste und schnellste Glattdeckdampfer auf dem See, in Gegenrichtung unterwegs ist. Wegen der schlechten Sicht werden auf beiden Schiffen die Schiffsglocken geläutet.

Bugspriet bohrt sich in die «Jura»

Doch das hilft an diesem nebeligen Tag nicht viel. Als die beiden dunklen Massen sich gegen 11 Uhr plötzlich vor der weissen Nebelwand abzeichnen, versuchen die Kapitäne im letzten Moment noch ein rettendes Ausweichmanöver zu fahren. Aber zu spät. Die «Zürich», die bis zu zwölf Knoten fahren kann, ist trotz Abbremsens zu schnell. Der Bugspriet des Schweizer Dampfschiffes bohrt sich unter dem berstenden Geräusch von sich verkeilendem Eisen ins Vorschiff der ­beidrehenden «Jura» und reisst deren Schiffsrumpf auf. Der Matrose am Ausguck wird, so spätere Zeitungsberichte, zerquetscht, einem Schiffsjungen angeblich der Arm abgerissen.

Es dauert nur Minuten, bis die «Jura» zu sinken beginnt, kurz noch festgehalten vom verkeilten Bug der «Zürich», über den sich Passagiere und Besatzungsmitglieder der «Jura» im letzten Moment auf das schweizerische Schiff retten können. «Eine grössere, zum Teil sehr wertvolle Ladung, namentlich gegen 30 Zentner Seide, ging verloren (…). Die Seide und die Baumwollen waren um 40000 Franken versichert. (…) Ein Kornhändler hatte seinen Geldsack mit 3000 Franken (…) liegen lassen müssen, um sein Leben zu retten», schreibt die «Züricherische Freitagszeitung» am 19. Februar 1864. Wenige Tage später vermeldet der «Bayerische Kurier», es sei gelungen, die Stelle ausfindig zu machen, an der das Schiff im See versank: «Es liegt in einer Tiefe von 143 Fuss, und genau in dem von ihm einzuhaltenden Curse.»

Das Wrack der «Jura» liegt vor Bottighofen

Das Wrack des Schaufelraddampfers befindet sich noch heute genau dort, rund einen Kilometer vor Bottighofen, knapp 40 Meter unter der Wasseroberfläche. Es ist überraschend gut erhalten. Taucher, die den Abstieg in die stockdunkle Tiefe wagen, erkennen mit entsprechender Scheinwerferausrüstung gut, dass die Schiffswand an der Steuerbordseite vom Aufprall zerstört ist.

Ein Taucher am Heck des Wracks der «Jura», die 1864 Opfer des «Teufelsschiffs» wurde. (Bild: Amt für Archäologie Thurgau)

Ein Taucher am Heck des Wracks der «Jura», die 1864 Opfer des «Teufelsschiffs» wurde. (Bild: Amt für Archäologie Thurgau)

Seit das Schiff 1976 von Hans Gerber wiederentdeckt wurde, ist der Dampfer «Jura» nicht nur das wahrscheinlich berühmteste Wrack im Bodensee, sondern auch das gefährlichste: für jeden, der den Tauchgang im eisigen Wasser unterschätzt. Allein seit 2005 sind mindestens fünf Taucher bei ihren Erkundungen ums Leben gekommen, der letzte im vergangenen Jahr.

Diese verunglückten Taucher sind auf eine Art die letzten Opfer der «Zürich», einem Schiff, das einst am Bodensee einen Ruf wie Donnerhall hatte: Denn spätestens seit dem Untergang der «Jura» galt die «Stadt Zürich» im Volksmund als «Teufelsschiff». Nach dem ­Zusammenstoss mit der «Jura» machte ein Bonmot die Runde, das dem 1855 gebauten Dampfer bescheinigte, mehr deutsche Schiffe versenkt zu haben als die dänische Flotte. Zu jener Zeit befand sich Preussen mit Dänemark im Krieg.

«Ludwig» versank mitten in einem Wintersturm

Schon drei Jahre vor der Karambolage mit der «Jura» hatte die PS-starke «Stadt Zürich» ein bayerisches Dampfschiff im Bodensee versenkt. Damals mit weit ­gravierenderen Folgen: In einem Wintersturm war es am 11. März 1861 vor der alten Rheinmündung zu einer Kollision mit dem Dampfschiff «Ludwig» gekommen. Dessen Kapitän Gerber hatte stunden zuvor den Vormittagskurs von Lindau nach Rorschach aufgrund der hohen Wellen abgesagt. Doch um 17 Uhr flaute der Wind allmählich ab, worauf sich Gerber dazu durchgerungen haben muss, die Überfahrt zu wagen. Vermutlich unter Druck einiger Allgäuer Viehhändler, die unbedingt in die Schweiz hinüber wollten, um in St.Gallen ihr Geschäft zu machen.

So waren an diesem stürmischen Montag neben den Passagieren und der schweizerischen Mannschaft auch Vieh sowie ein Fuhrwerk an Bord der «Ludwig». Mitten auf dem See legte der Sturm wieder an Kraft zu. Es wurde bereits dunkel, die Sicht war daher miserabel, und Kapitän Gerber hielt den Kurs nur mehr mit dem Kompass.

Plötzlich meldete der Schiffsjunge vom Ausguck am Bug ein Licht, das sich rasch zu nähern schien. Zur selben Zeit entdeckte der Steuermann der «Zürich», die von Romanshorn nach Lindau unterwegs war, Licht über dem Wasser. Was dann geschah, als die «Ludwig» die «Stelle am alten Rhein» erreichte, beschreibt die «Tiroler Schützen-Zeitung» am 15. März: «Hier aber steigerte sich der Sturm zu einem von Schnee begleiteten Orkan, und die eingetretene Dunkelheit verhinderte obendrein die Aussicht des Steuermanns und der Schiffsleute, mit welchen sich sämtliche Reisende auf dem Verdeck befanden, als das grosse schweizerische Dampfschiff Zürich (…) in voller Fahrt auf die Seitenwand der ‹Ludwig› aufstiess. Der Stoss war so furchtbar, dass die ‹Ludwig› fast augenblicklich sank.»

Die Mannschaft der «Zürich» sah das andere Schiff noch kurz, obwohl sie zunächst damit beschäftigt war, eigene Lecks abzudichten. Dann aber war die 36 Meter lange «Ludwig» plötzlich wie vom See verschluckt. Von der Mannschaft hatten sich nur der Kapitän, der Steuermann und Matrose retten können. Nach fünf Stunden Irrfahrt mit einem Rettungsboot erreichten sie das Ufer. Zeitgenössische Berichte sprechen von 13 Todesopfern, spätere Quellen von 14.

«Ludwig» wird mit Ballonen vom Meeresgrund gehoben

Plan zur Bergung der „Ludwig“ mit Hilfe von Kautschukballons. (Bild: Wikisource)

Plan zur Bergung der „Ludwig“ mit Hilfe von Kautschukballons. (Bild: Wikisource)

Schlagzeilen machte die in nicht einmal 20 Metern Tiefe liegende «Ludwig» noch einmal, als es 1863 dem bayerischen Marineingenieur Wilhelm Bauer gelang, das Wrack in einer spektakulären Aktion mit Hilfe von Ballons zu heben. Das Schiff wurde wieder flott­gemacht und diente bald unter dem ­Namen «Rorschach» als Lastkahn. 1871 geriet es vor Lochau bei Bregenz erneut in einen Sturm und ging fortan als «das Schiff, das zwei Mal sank» in die Bodenseeschifffahrts-Geschichte ein.

Die «Zürich», die 1860 vor Friedrichshafen schon die «Königin von Württemberg» beschädigt hatte, rammte ­später noch zwei weitere Schiffe. Vor ­ 100 Jahren wurde das «Teufelsschiff» schliesslich in Romanshorn verschrottet.

Schiffsunglücke im Museum

Das Rosgartenmuseum in Konstanz zeigt ab dem 27. Juni die Ausstellung «Der ­gefährliche See – Wetterextreme und ­Unglücksfälle am Bodensee und Alpenrhein». Die Ausstellung, die bis zum 29. Dezember läuft, erzählt gemäss Webseite Geschichten vom gefährlichen See und von spektakulären Unfällen. So sind auch die Schiffsunglücke der «Jura», der «Ludwig» und der «Zürich» Thema. Relikte sollen unter anderem an die grossen Katastrophen erinnern und Kunstwerke aus der Bodenseeregion und dem ­Alpenraum neuzeitliche Veränderungen veranschaulichen.

Das Schiff, das zweimal sank

Das Dampfschiff Ludwig sank 1861 nach einer Kollision vor der alten Rheinmündung. Nach einer spektakulären Hebung wurde es auf «Rorschach» umgetauft. 1870 ging es in einem Sturm erneut unter, wurde gehoben und verschrottet.
Otmar Elsener

Mit dem Jura-Hans auf Tauchgang

KREUZLINGEN. Das Kreuzlinger Seemuseum widmet dem 1864 vor Bottighofen gesunkenen Dampfschiff Jura eine Sonderausstellung. Sporttaucher Hans Gerber, der das Wrack in den 70er-Jahren wiederentdeckt hat, berichtete am Freitag über dessen spannende Geschichte.
Barbara Hettich