St.Gallerin ist das neue Gesicht der anonymen Telefonberatung für Verzweifelte

Die St.Galler Pflegefachfrau, Hebamme und Sexualpädagogin Judith Eisenring leitet seit Dezember die Geschäftsstelle des Ostschweizer Nothilfetelefons 143. Freiwilligenarbeit im Kollektiv hat die Bauerntochter geprägt und angetrieben.

Marcel Elsener
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Reden kann Leben retten: Judith Eisenring auf der Ganggelibrugg in St.Gallen-Haggen. (Benjamin Manser)

Reden kann Leben retten: Judith Eisenring auf der Ganggelibrugg in St.Gallen-Haggen. (Benjamin Manser)

Einer Hochschwangeren in einem Dorf in Nicaragua beizustehen und in einem Ostschweizer Büro eine Telefonberatung mit 4 Angestellten und 60 Freiwilligen zu leiten, hat auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Doch für Judith Eisenring ist die Arbeit eine ähnliche und der Antrieb der gleiche, zeitlebens ihr wichtigster, wie sie sagt: «Es geht um Einsatz und um Solidarität.» Kurze Pause, Nachdenken. «Und ich übernehme gern Verantwortung – von A bis Z.»

Wenn ihr Engagement als Krankenschwester 1987/88 im Nicaragua der revolutionären Sandinisten ein mögliches A war, ist – dreissig Jahre später – die Leitung der Geschäftsstelle der Dargebotenen Hand Ostschweiz wohl das Z. Hier kann Judith Eisenring, Jahrgang 1963, ihre Lebens- und Berufserfahrung, zuletzt war sie als Berufsbildnerin auf der Abteilung Geburtshilfe und Gynäkologie am Spital Wil tätig, an prägender Stelle einfliessen lassen. «Ich habe die Energie und die Lust, nochmals den Pickel einzuschlagen», begründet sie ihren Schritt. Und betont, nah an den Bedürfnissen der Freiwilligen wirken zu wollen, die am Telefon arbeiten, die Tag und Nacht zuhören und beraten, unentgeltlich, ehrenamtlich (siehe Zweittext).

Am Tisch der Bauernfamilie
war immer Platz für Gäste

Freiwilligenarbeit, oder Care-Arbeit, wie es heute heisst, ist für Judith Eisenring «seit immer» wichtig gewesen – «zusammen mit Anderen für die Sache arbeiten», Gemeinschaft, Solidarität leben, die «nicht Helfertrip meint». Seit Jahren engagiert sich die Pflegefachfrau und Hebamme für die Hilfsorganisation Medico International Schweiz, die eine «basisorientierte Gesundheitsversorgung für alle» unterstützt; als Projektverantwortliche (etwa für Kuba) und seit geraumer Zeit als Co-Präsidentin. Erst 2016 kümmerte sie sich drei Ferienwochen lang in einem Flüchtlingscamp in Piräus um Schwangere, Mütter und Kinder. Solches Mittun ohne Aufhebens ist in ihrer Biographie angelegt: In der elterlichen Bauernfamilie in Jonschwil, Haushalt mit drei Geschwistern sowie einer Tante, «war jemand mehr am Tisch nie ein Problem, sondern eine willkommene Bereicherung».

Müssig zu sagen, dass auf dem Hof alle anpackten. Judith, die Zweitälteste, lernt Krankenschwester, zieht nach St.Gallen, arbeitet bei der Spitex und erfährt viel über Alter und Einsamkeit in der Stadt. Und sie begegnet Randexistenzen, «oft interessante Menschen», darunter einer, dem es in der Altstadtwohnung durchs defekte Dach «ins Bett schifft». Ihr Ansporn war es beizutragen, sagt Eisenring heute, «dass Leute im Alter so lange wie möglich selbstbestimmt zuhause wohnen können». In der damals blühenden alternativen Szene findet sie, «hungrig nach der Welt», sozialpolitische und künstlerische Inspiration. Und projektbezogen nachhaltige Freundschaften: Beispielhaft dafür die Genossenschaftsbeiz «Schwarzer Engel» und die Gruppe, die seit 30 Jahren das Rojinegro-Preisjassen für Zentralamerika veranstaltet.

In dem von der Revolution euphorisierten, aber bitterarmen Nicaragua, geht es um das Überleben von Müttern und Kindern. Zurück mit diesen Erfahrungen, ist das Geldverdienen in einer Ostschweizer Privatklinik «ein Kulturschock». Nach dem «Ablöscher» arbeitet sie ein paar Jahre lang im Kollektiv («Stadtladen»), bis sie erneut Fuss fasst im Gesundheitswesen – als Hebamme mit Berufserfahrung macht sie die Zusatzausbildung in Sexualpädagogik und Sexualberatung. Bei der Betreuung von jungen Familien hat sie erkannt, dass wenig über Sexualität gesprochen wird, «obwohl das Thema in allen Lebensphasen so wichtig ist». Ein zentrales Arbeitsanliegen bleibt die Selbstbestimmung der Frau: «Das gelingt, weil ich Frauen in ihrer Autonomie gern habe», sagt sie und fügt lachend an: «Das gilt natürlich für alle Menschen, auch für Männer.»

Ausdauernde Velofahrerin,
Schwimmerin und Kulturfreundin

Von Utopien ist im Gespräch mit der frischen Geschäftsleiterin der Dargebotenen Hand nicht (mehr) die Rede; statt von der grossen Weltverbesserung zu träumen engagiert sie sich, metaphorisch gesagt, die Welt im Kleinen – oder kleine Welten – zu erhalten. Eisenring, die auf der Liste der Politischen Frauengruppe (PFG) fürs St. Galler Stadtparlament kandidierte, widmet sich heute «lieber der Solidaritätsarbeit als der Realpolitik». Freilich weiterhin politisch interessiert, begrüsst sie Impulse für den sozialen Wandel, die meist von Randgruppen kommen. Doch ist sie Realistin genug, um ihre Organisation nicht als «Insel» zu beschönigen: «Wir haben Leistungsvereinbarungen, wir haben Freiwillige aus allen Schichten und sind auf Spenden angewiesen, wir stehen mitten in der Gesellschaft.»

Woher bezieht die Frau mit den kurzen, silbergrauen Haaren und der rundlichen Hornbrille ihre unerschöpflliche Energie? Sie sei eine «Ausdauersportlerin», meint sie. Täglich auf dem Velo, mit dem sie einmal bis nach Istanbul fuhr, und oft beim Schwimmen, in allen Gewässern von Bach bis Meer. «Ich muss hinein, am Wasser zu sein ist für mich eine Qual.» Anhaltend auch ihre Begeisterung für die Kultur, zusätzlich beschwingt in der langjährigen Partnerschaft mit dem Kulturvermittler Jacques Erlanger. So tanzte sie jüngst zum Afrobeat der Londoner Sons Of Kemet im Palace und liess sich vom isländischen Film «Woman At War» im Kinok mitreissen: «Die 50-jährige Protagonistin, die mit all ihrer Kraft und Bodenständigkeit für ihr Gerechtigkeitsempfinden eintritt, war sogleich meine Heldin.»

Seit 60 Jahren «Notrufsäule der Gesellschaft»

Der Wechsel auf der Geschäftsstelle der Dargebotenen Hand Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein kommt im laufenden 60. Jahr der Organisation: Judith Eisenring folgt auf Nicole Zeiter, die seit 2012 als Leiterin tätig war. Die Organisations- und Kommunikationsberaterin steuerte den Beratungsdienst nach zeitweiligen Turbulenzen und Personalproblemen wieder in ruhiges Fahrwasser. Erneuert worden sind auch der von Urs Zürcher (Wil) präsidierte und mit drei Delegierten der freiwilligen Mitarbeitenden aufgestockte Vorstand sowie das Patronatskomitee, das durch – nicht minder prominente – Botschafter abgelöst worden ist.

St. Gallen war nach Zürich die zweite Regionalstelle der Dargebotenen Hand: Alles begann im Sommer 1958 mit einem Stuhl, einer alten Nudelkiste und einem Telefonapparat, wie es im Jahresbericht heisst. Die Gründergeneration habe für ihr Engagement «ihre sicheren Arbeitsstellen verlassen» und bereits nach einem Monat erkannt, dass ein 24-Stunden-Betrieb unabdingbar war. Im ersten Jahr wurden 4191 Anrufe verzeichnet, wovon mehr als die Hälfte von Männern.
60 Jahre später sind es 19000 Anrufe, aus denen sich 14200 Gespräche ergaben (2017). Verändert haben sich im Lauf der Jahrzehnte die Technik (jüngst Internettelefonie) und die Finanzierung der Regionalstelle: Nebst den Kirchen und privaten Spendern beteiligt sich mittlerweile auch die öffentliche Hand (die beteiligten Kantone SG, TG, AI, AR, GR, GL sowie FL) und wird das Fundraising zunehmend wichtiger.

Gleich geblieben ist jedoch das Angebot, das auf dem Solidaritätsgedanken beruht: Über 60 Freiwillige ermöglichen mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz eine Rund-um-die-Uhr-Beratung an 365 Tagen im Jahr. Wo immer möglich geht es um Hilfe zur Selbsthilfe, etwa in der am häufigsten gefragten Alltagsbewältigung. Zwei Drittel der Ratsuchenden sind Frauen, die Altersgruppe mehrheitlich zwischen 40 und 65. Willkommen sind jederzeit alle, oder wie Nicole Zeiter im Jahresbericht schreibt: «Wir sind und bleiben eine niederschwellige, anonyme und kostenlose Anlaufstelle für alle, die universale Notrufsäule für Menschen, die nicht mehr weiterwissen.» Im heutigen Umfeld der Digitalisierung, Beschleunigung und «Optimierung» vieler Lebensbereiche hat das Bedürfnis nach einem Gespräch auf Augenhöhe nicht abgenommen, im Gegenteil. Jedoch ist es schwieriger geworden, Freiwillige zu finden. (mel)

Hinweis
24-Stunden-Beratungsdienst Telefon 143. Geschäftsstelle Dargebotene Hand Ostschweiz/FL in St. Gallen: 071 223 14 15. www.ostschweiz.143.ch