«Das Netz optimal nutzen»

Seit rund 100 Tagen ist Rainer Sigrist Verwaltungsratspräsident des Elektrizitätswerks des Kantons Thurgau (EKT) – im Spannungsfeld zwischen Staat und Markt, Axpo und Gemeinden, günstigem Strom und Energieeffizienz.

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Rainer Sigrist, Verwaltungsratspräsident des EKT, im Gespräch. (Bild: Coralie Wenger)

Rainer Sigrist, Verwaltungsratspräsident des EKT, im Gespräch. (Bild: Coralie Wenger)

Herr Sigrist, nicht nur CEO Urban Kronenberg verlässt das EKT. Im Frühling verlässt auch Regierungsrat Kaspar Schläpfer den Verwaltungsrat. Werden Sie den Regierungsrat vermissen?

Rainer Sigrist: Jawohl, sehr. Aber die Regierung hat entschieden, dass keine Regierungsräte mehr in kantonseigenen Unternehmungen vertreten sein sollen. Wir schätzen Kaspar Schläpfer im Verwaltungsrat sehr. Er ist ein präzis denkender Jurist – und für uns auch ein Bindeglied zum Regierungsrat. Dieses wird uns in Zukunft fehlen.

Wie sieht die Zusammenarbeit in Zukunft aus?

Sigrist: Zusätzlich zur Generalversammlung habe ich die Möglichkeit, zweimal im Jahr vor dem Gesamtregierungsrat Bericht zu erstatten. In dringenden Anliegen kann ich mich auch ausserhalb dieser Termine melden.

Und das reicht?

Sigrist: Wenn die Regierung nicht mehr vertreten ist, wird das zu häufigeren Kontakten führen müssen, wobei uns die Regierung im operativen Geschäft grosses Vertrauen schenkt.

Sie verlässt sich darauf, dass im Verwaltungsrat gute Leute zusammenarbeiten, die ihren Auftrag kennen.

Das EKT will sich vermehrt anderen Geschäftsfeldern widmen. Da hat die Regierung nichts dagegen?

Sigrist: Teurer Strom gefährdet industrielle Arbeitsplätze, deshalb ist es unsere Pflicht, ein preisgünstiger Stromversorger zu sein. Aber in der Produktion und im Einkauf steigen die Preise, die Netze stellen wir günstigst zur Verfügung. Wir müssen die Erträge woanders erwirtschaften.

Konkurriert da die staatliche EKT nicht mit privaten Unternehmen?

Sigrist: Wir engagieren uns in Geschäftsfeldern, in denen wir spezifisches Fachwissen haben – Fachwissen, das in der Privatwirtschaft weniger vorhanden ist. So konkurrenzieren wir Private nur in wenigen Bereichen.

Die Strommarktliberalisierung ist im Gange, trotzdem scheint kein Markt zu entstehen. Weshalb?

Sigrist: In einem Bericht stellt die St. Galler Handelskammer fest, dass in der Ostschweiz kein freier Markt besteht.

Das ist deshalb so, weil hier die meisten ihren Strom bei der Axpo kaufen, und die ist zurzeit die günstigste Lieferantin.

Was für Hausaufgaben sind bis zur vollständigen Marktöffnung 2014 noch zu erledigen?

Sigrist: Wir müssen dafür gewappnet sein, dass wir den Strom auch woanders einkaufen können. Theoretisch könnten die Gemeinden den Strom überall beziehen. Wir wollen aber als Grossbezüger von Energie ein attraktiver Partner bleiben.

Ergeben sich da Konflikte mit den Werken der Gemeinden?

Sigrist: Gerade deshalb habe ich einen runden Tisch mit ihnen einberufen. Es geht darum, wer was macht. So messen etwa wir den Stromverbrauch, die Gemeinden messen nochmals – das macht keinen Sinn. Wir wollen das Netz optimal nutzen und die Mengen optimieren. Ziel sind möglichst günstige Preise.

Sie wollen möglichst günstigen Strom anbieten, gleichzeitig will der Kanton, dem die EKT gehört, Energieeffizienz und Stromsparen.

Sigrist: Der effiziente Einsatz von Strom ist ein politischer Auftrag. Wir schaffen diesbezüglich Anreize und bieten Unternehmen Entschädigungen, wenn sie nachhaltige Massnahmen ergreifen. Das geht auch in den Haushalten. Wir haben je zwei Millionen Franken während dreier Jahre für solche Projekte. Ziel muss der bewusste Umgang mit Energie sein.

Eine seltsame Situation für Sie als Unternehmer: Sie bieten ein Produkt an, von dem Sie möglichst wenig verkaufen sollen.

Sigrist: Weniger Strom zu verkaufen und trotzdem massvolle Erträge zu erzielen, das ist die Herausforderung. Ohne diese Herausforderung wäre ich wohl kaum im Verwaltungsrat der EKT.

Gefällt es Ihnen schon beim EKT?

Sigrist: Es hat mir vom ersten Moment an gefallen. Es ist faszinierend, was hier abgeht, und es gibt hochinteressante strategische Diskussionen.

Interview: Kaspar Enz

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