Das Lernzentrum als Katalysator für die reformierte HSG

Zum Semesterstart informierte die Universität St.Gallen über Neuerungen in der Lehre und Campus-Erweiterungen. Und über die laufenden Bemühungen für die Compliance und das revidierte Universitätsgesetz.

Marcel Elsener
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Ansehnliche Zukunftsaussichten: Der Bau des HSG Learning Center soll noch diesen Spätherbst beginnen. (Visualisierung: Sou Fujimoto Architects)

Ansehnliche Zukunftsaussichten: Der Bau des HSG Learning Center soll noch diesen Spätherbst beginnen. (Visualisierung: Sou Fujimoto Architects)

Im Bibliotheksgebäude herrscht an diesem Montag ein lärmiger Betrieb wie nur einmal im Jahr: Erster Studientag für gut 1700 HSG-Anfänger, die gruppenweise von Drittsemestrigen auf dem Campus herumgeführt werden; dazu kommen 700 neue Studierende auf Bachelor-, Master- und Doktoratsstufe an den englischsprachigen Kick-off-Days.

Der Kick-off, oder Anstoss, betrifft auch den Bau selber: Die dreissigjährige Bibliothek wird über die kommenden drei Sommer umfassend saniert. Draussen auf der Wiese vor dem Raum, in dem die Universitätsleitung zum Start des Herbstsemesters aktuelle Entwicklungen referierte, startet Ende November mit dem Spatenstich das zweite grosse Bauprojekt der HSG – das Learning Center, Ort neuer didaktischer Formen und der Vernetzung von Theorie und Praxis. «Ein Katalysator für die Umsetzung der Universität 4.0», wie es Rektor Thomas Bieger formulierte.

Und eine architektonische Ikone, vollumfänglich privat finanziert: Für den Bau des japanischen Architekten Sou Fujimoto hat die HSG-Stiftung über 50 Millionen Franken gesammelt, die Namen aller Donatoren von Lienhard über Schäppi und Schmidheiny bis Fürst Hans-Adam II. sind auf ihrer Homepage und im Jahresbericht aufgeführt. Der reine Bau ist damit finanziert, weitere 10 Millionen Spendengelder sind jedoch für die Umsetzung des didaktischen Programms nötig. «Diese bisher grösste Spendenkampagne der HSG ist auch Ausdruck einer Kultur der Verantwortung», sagte Bieger.

Kontextstudium und BWL grundlegend reformiert

Von Verantwortung ist bei den Neuerungen an der HSG auf allen Ebenen die Rede. So heisst denn auch einer der acht Fokusbereiche, in die sich die Studierenden in ihrem obligatorischen Kontextstudium vertiefen können: Medien, Kulturen, Geschichte, Gesellschaft, Kreativität, Recht, Technologie und eben Verantwortung. Als «umfassende Horizonterweiterung und Bewusstseinsschärfung» über den Tellerrand des Fachstudiums hinaus nehme das nur an der HSG installierte Kontextstudium 25 Prozent der gesamten Studienleistung an der HSG in Anspruch, sagte Lukas Gschwend, Prorektor Studium & Lehre. Ebenfalls reformiert wurde das grösste und beliebteste Studienprogramm der Universität St.Gallen: Der Bachelor Betriebswirtschaftslehre (BWL) ist profilierter ausgerichtet worden, auch punkto Verantwortung: Die Wirtschaftsethik ist zumindest im ersten Jahr wieder eine Pflichtvorlesung.

Zum Reformprozess der HSG gehört freilich das dritte grosse Bauprojekt, die Erweiterung mit dem Campus Platztor, dem die St.Galler Stimmbevölkerung im Juni mit 63 Prozent zugestimmt hat. Dies trotz der «Turbulenzen» und «Issues», wie an der Jahresmedienkonferenz betont wurde: Die Bemühungen für eine verbesserte Compliance («beschleunigt, konzentriert, ergänzt») benötigten über die Anforderungen für den Erhalt des international hohen Stellenwerts als einzige Wirtschaftsuni der Schweiz hinaus «viel zusätzliche Kraft», meinte Bieger.

Die Revision des Universitätsgesetzes ist laut Bildungsdirektor Stefan Kölliker, Präsident des Universitätsrates, auf Kurs, die Vorbereitung wird in diesem Herbst abgeschlossen, hernach geht es in die uni-interne Vernehmlassung. «Wir schaffen neue Klarheit in verschiedenen Bereichen, die es auch ermöglicht, der Bevölkerung und der Politik das Erfolgsmodell HSG wieder besser zu erklären», sagte Kölliker. «Ambitioniertes Ziel» sei es, das revidierte Gesetz per 1. Januar 2023 in Kraft zu setzen.

Beschäftigtenzahl steigt, nicht aber Wohnsitznahme

Der Ende Januar 2020 abtretende Rektor Bieger – sein Nachfolger Bernhard Ehrenzeller war bereits Zaungast – hat die HSG in den neun Jahren seiner Amtszeit von 6700 auf 8700 Studenten und von 71 auf 87 Vollzeit-Professoren ausbauen können. Unter den Erfolgsfaktoren nannte er die Präsenzuniversität, «wo Mehrwert durch persönliche Begegnung und Interaktion» entstehe. So erfreulich die jährliche Wertschöpfung der HSG in der Region (gesteigert von 193 auf 235 Millionen), so bedenklich ein anderer Trend: Gemäss Bieger steigt wie die Zahl der Studenten auch jene der Beschäftigten, doch immer weniger nehmen hier Wohnsitz. «Das ist eine Sorge, die wir mit der Stadt St.Gallen teilen.»