Das Leid der Zwangsversorgten

ST. GALLEN. Ein neuer Forschungsbericht bringt Licht in ein dunkles Kapitel des Kantons St. Gallen. Aufgezeigt wird, wie die Behörden zwischen 1872 und 1971 Tausende von Menschen zur Umerziehung in Anstalten eingewiesen haben.

Ralph Hug
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Viele administrativ Versorgte im Kanton St. Gallen wurden in die Zwangsarbeitsanstalt Bitzi eingewiesen (Ansichtskarte von circa 1919). (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Viele administrativ Versorgte im Kanton St. Gallen wurden in die Zwangsarbeitsanstalt Bitzi eingewiesen (Ansichtskarte von circa 1919). (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Die Debatte um Kindswegnahmen, Verdingkinder, Anstaltseinweisungen durch Behörden sowie amtlich verfügte Sterilisierungen von Frauen erreicht den Kanton St. Gallen. In Kürze erscheint ein Forschungsbericht, der die Praxis der Zwangsversorgung beleuchtet. Verfasst hat ihn die Historikerin Sybille Knecht im Auftrag des Kantons. Das Parlament hatte vor zwei Jahren einen Kredit dafür gesprochen.

«Liederlich und arbeitsscheu»

Knechts Bericht «Zwangsversorgungen. Administrative Anstaltseinweisungen im Kanton St. Gallen 1872–1971» bringt erschütternde Fakten an den Tag. Noch lässt sich wegen der mangelhaften Datenlage keine Gesamtzahl der Opfer angeben. Doch scheint klar, dass im erwähnten Zeitraum Tausende Menschen im Kanton St. Gallen administrativ zwangsversorgt wurden. Sie landeten in Heimen, Anstalten, Kliniken und Gefängnissen. Meist ohne Straftat und bloss deshalb, weil sie als «liederlich und arbeitsscheu» oder unangepasst angesehen wurden.

Eine Sichtung der Akten in den Archiven von Kanton und Gemeinden führte zu einer Datenbank mit insgesamt 5200 Einträgen. Es handelt sich um Versorgungsbeschlüsse im Zeitraum von 1872 bis 1968. 1872 erlaubte ein kantonales Gesetz erstmals die Zwangsversorgung in Anstalten. Sämtliche St. Galler Gemeinden wandten es an. «Die Datenbank erlaubt Abfragen und erleichtert die Suche nach den Akten von Betroffenen», sagt Forscherin Sybille Knecht.

Als «Arbeitssklave» missbraucht

Hinter den nackten Zahlen steckt viel Leid. Das zeigen Biographien, die Knecht in ihrem Bericht vorstellt. Zum Beispiel jene von Berta M. 1925 geboren, wuchs sie in prekären Verhältnissen auf. «Sittliche Verfehlungen» und «ungebührliches Verhalten», wie es hiess, spurten sie in eine klassische Heimkarriere ein. Sie gipfelte in ihrer Unfruchtbarmachung im Jahr 1942, weil sie «mannstoll» gewesen sei. Ein anderes Beispiel: Thomas A. wollte Jazzmusiker werden. Doch Rapperswil sah das anders. Die Gemeinde hielt ihn für «arbeitsscheu» und ordnete die Versorgung in die Arbeitserziehungsanstalt Bitzi an. Das war 1963. In der Bitzi landete auch Henry S., nur weil er als Jugendlicher «herumhing». Als über 70-Jähriger blickt er heute auf eine zerstörte Jugend zurück, wie er gegenüber Medien kundtat. Sein ganzes Leben verbrachte er als Hilfsarbeiter.

Die Behörden rechtfertigten solche Versorgungen jeweils mit dem Schutz der Person und auch mit dem Gemeinwohl. Doch oft ging es mehr darum, Unbequeme und Unangepasste wegzuhaben. Dieser Missbrauch war den Zeitgenossen durchaus bekannt. Sybille Knecht zitiert einen regierungsrätlichen Amtsbericht aus dem Jahr 1933. Dieser räumte ein, dass es Gemeinderäte gebe, die unangenehme Bürger in einer Zwangsanstalt versorgen wollten. Zu diesem Missbrauch trug die Regierung selber bei. Bereits 1911, aber auch 1944 forderte das Erziehungsdepartement die Gemeinden in einem Kreisschreiben auf, «arbeitsscheue Elemente» in die Bitzi zu schicken. Dies geschah aus wirtschaftlichen Gründen: Die Anstalt musste gefüllt werden, um Betrieb aufrecht zu erhalten. Henry S. wirft den Behörden vor, sie hätten ihn als «Arbeitssklave» missbraucht.

Hartes Regime im Bitzi

Immer wieder stand die Anstalt Bitzi in Mosnang im Brennpunkt. Bis in die 1970er-Jahre wurden dort Personen zwangsversorgt. Betroffene berichten von Gewalt und Übergriffen durch Aufseher. Das Problem sei seit vielen Jahren bekannt, räumte die Regierung 1968 ein. Es gab mehrere Untersuchungen, die das teils schlecht ausgebildete Personal kritisierten. Doch die Defizite konnten nie ganz behoben werden. Das harte, inhumane Regime – elf Stunden Arbeit am Tag, Dunkelhaft als Strafe – war behördlich gewollt und sollte der Integration dienen. Allzu oft provozierte es aber nur Flucht, Brandstiftung und Suizidversuche.

Den Höhepunkt erreichten die Zwangsversorgungen in den 1920er- und 1930er-Jahren, wie Knecht aufzeigt. Das war die Zeit der Wirtschaftskrise und des sozialen Elends. 1981 musste die Schweiz die Einweisungen stoppen, weil sie der Europäischen Menschenrechtskonvention widersprachen. Knecht legt dar, dass Behörden noch bis in die 1970er-Jahre junge Frauen zur Sterilisation drängten.