Das Leben in seiner Dramatik

LICHTENSTEIG. Fünf Jahre nach «Bersten» arbeitet Michael Finger wieder an einem Film. Doch diesmal ist die Sache komplexer – in «The Fool and the Princesses» spielt ein Zirkus die Hauptrolle. In dem wird zurzeit ein neues Programm einstudiert.

Michael Hug
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Der Cirque de Loin probt zurzeit in der alten Turnhalle von Lichtensteig. (Bild: Michael Hug)

Der Cirque de Loin probt zurzeit in der alten Turnhalle von Lichtensteig. (Bild: Michael Hug)

Der Toggenburger Michael Finger hat einen Hang dazu, es sich nicht einfach zu machen. Vielleicht, weil der Schauspieler, Regisseur und jetzt auch Zirkusdirektor stets selbst mit der Geschichte, die er erzählen möchte, verbandelt ist. Finger lebt, was er auf die Bühne bringt. Das Zusammenleben von Menschen im allgemeinen steht immer im Zentrum, und nun, im Zirkus, das Zusammenleben unter extremen Bedingungen. «Es wird doch erst spannend, wenn wir an unsere Grenzen stossen», hat er einem Theaterkritiker gesagt, als der über sein Stück «Marasa» schrieb.

Bewusstsein und Kunst

«Marasa» war eine Zirkus-Theater-Produktion und der zweite Teil einer Trilogie unter dem Begriff «Consciousness and Art» (Bewusstsein und Kunst), die Finger im Jahr 2009 aufgegleist hatte. Nach seinen Wanderjahren als Schauspieler und Filmregisseur (siehe Kasten) wollte Finger unbedingt etwas mit einem Zirkus machen. Er hatte eine Idee, aber keinen Zirkus: «Da stiess ich auf den Zirkus Chnopf, der hatte einen Zirkus, aber keine Leitung.» Also stieg Finger ins Zirkusgenre ein, stellte den «Chnopf» auf den Kopf und ein völlig neues Programm namens «Bisou» auf die Beine. Dem Verein, dem der Zirkus Chnopf gehörte, war das neue Treiben in der Manege dann doch etwas zu lebendig, und er stieg nach zwei Jahren wieder aus. Nun war der umtriebige Finger nicht mehr zu halten, aus dem «Chnopf» wurde sein Cirque de Loin.

Kein gewöhnlicher Zirkus

Der Cirque de Loin hat sein Quartier in Lütisburg aufgeschlagen. Die Programme des ungewöhnlichen Zirkus sind Theaterstücke, in denen sich das Leben in der ganzen Dramatik spiegelt. Aufgeführt von schauspielernden Artistinnen und Artisten. Statt einer Manege gibt es ein Bühnenbild, vom Künstler Thomas Freydl in Ganterschwil gebaut, das in einem Theater, einem Zelt oder Open Air aufgestellt werden kann. Gespielt wird mit den Mitteln der Sprache, der Mimik, der Musik und der Artistik. Hoch emotional geht es zu und her, in den Proben wie in der Vorstellung. Es wird geliebt, getrauert, gestritten und gefreut. Um nachzudenken, bleibt dem Publikum nicht viel Zeit, das ist auch nicht nötig. «Im Cirque de Loin rutscht das Theater vom Kopf in den Bauch», sagt Finger. Auch im dritten Teil der Trilogie geht es ums gleiche Thema: gelebte (Liebes-)Beziehungen. Finger erzählt das Märchen vom Prinzen und der Bauerstochter, die sich unsterblich ineinander verlieben. Was sie nicht wissen: Sie sind in frühester Kindheit getrennte Zwillinge.

Geschichte in der Geschichte

Der Zirkusdirektor: «Dies ist die Hintergrundgeschichte im aufgeführten Stück. Im Stück selbst geht es um eine Seiltänzerin und einen Clown, der an gebrochenem Herzen stirbt. Der beiden Sohn wird die Rolle des Vaters übernehmen und dessen Geschichten weiterleben lassen.» Während der Proben und der anschliessenden Tournée durch Europa entsteht auch ein Film über den Zirkus. «Ein dokumentarischer Spielfilm», sagt Finger. Auch hier wird eine Geschichte erzählt, die dritte der drei verschachtelten Ebenen, die Geschichte des Zusammenlebens und -arbeitens im Zirkusensemble. Wie es lebt und probt, aufführt und weiterzieht. Das Zusammenleben unter den extremen Bedingungen der Nähe, des Termin- und Organisationsdrucks. Michael Finger spielt die Dreifachrolle des Zirkusdirektors, des Regisseurs des Theaterstücks und des Filmregisseurs. Er macht es sich nicht einfach.

Die Uraufführung von «The Fool and the Princesses» fand Mitte Juni im Stadttheater Klagenfurt statt. Die einzigen Vorstellungen in der Schweiz 2013 sind vom 5. bis 13. September im Konzert- Theater Bern. Eine Schweizer Tournée gibt es 2014.