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«Das Lager war befreit, aber das Sterben ging weiter»: Ein Zeitzeuge erzählt in St.Gallen von seiner Kindheit im KZ

Das Historische und Völkerkundemuseum in St.Gallen eröffnet zwei Ausstellungen zum Thema Holocaust. Sie zeigen die Kindheit im Konzentrationslager und die letzten Zeitzeugen. Ivan Lefkovits verbindet beides.
Noemi Heule
Ivan Lefkovits ist einer der letzten Überlebenden des KZ Bergen-Belsen (Bilder: Urs Bucher)

Ivan Lefkovits ist einer der letzten Überlebenden des KZ Bergen-Belsen (Bilder: Urs Bucher)

Am 15. April 1945 befreiten die Briten das KZ Bergen-Belsen. Für Ivan Lefkovits ist aber erst der 17. April ein Freudentag. Zwei Tage vergingen, bis der damals Achtjährige etwas zu trinken bekam. Zuvor hatte er sich, abgemagert auf wenige Kilos, Kartoffelschalen auf die Lippen gelegt für ein bisschen Feuchtigkeit. Die Nazis hatten die Gefangenen ohne Trinkwasser zurückgelassen, als sie das Konzentrationslager aufgaben. Die verbliebenen Wasservorräte waren verseucht, Leichen schwammen darin. Überhaupt waren überall Leichen. Lefkovits sagt:

«Das Lager war befreit, aber das Sterben ging weiter.»

Er überlebte.

«The last Swiss Holocaust Survivors» heisst eine Ausstellung, die am Freitag im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen eröffnet. Gleichzeitig mit «Kinder im KZ Bergen-Belsen». Ivan Lefkovits war einst ein Kind in Bergen-Belsen. Und er ist einer der letzten Schweizer Holocaust-Überlebenden. Gestern reiste der 82-Jährige nach St.Gallen zur Vernissage der beiden Ausstellungen, die erstmals im Verbund gezeigt werden, um seine Geschichte zu erzählen.

Die Ausstellung zeigt die Schicksale von Überlebenden - im Porträt, Interviews oder Texten.

Die Ausstellung zeigt die Schicksale von Überlebenden - im Porträt, Interviews oder Texten.

Verraten, verhaftet, verfrachtet

Sie beginnt im slowakischen Prešov. Als die Nazis 1939 die damalige Tschechoslowakei besetzten, blieb die Familie Lefkovits zunächst verschont. Der Vater Zahnarzt, die Mutter Apothekerin gehörten zu den «wirtschaftlich wichtigen» Juden, die nicht, wie Zehntausende andere, sofort deportiert wurden. Ivan flüchtete fünf Jahre später mit seinem Vater nach Budapest. Als die Nazis auch in Ungarn einfielen, kehrte er allein in die Tschechoslowakei zurück. Der Vater blieb – und verschwand. Zurück in Prešov, musste sich die Familie – Mutter Elisabeth, Bruder Paul und Ivan – fortan verstecken, bis sie verraten, verhaftet und nach Ravensbrück ins Konzentrationslager verfrachtet wurden.

«Ich dachte Ravensbrück sei schlimm», sagt Lefkovits und erzählt, wie seine Mutter für seine Extraportion Suppe Extrakommandos schuftete – «bis ich Bergen-Belsen sah», ergänzt er. Sein Bruder war in der Ravensbrückner Gaskammer umgebracht worden, seine Mutter und er kamen kurz vor der Befreiung in Bergen-Belsen an. Das KZ war kein Vernichtungslager, aber ein «Ort des Massensterbens», sagt Diana Gring, Historikerin und Kuratorin der Ausstellung «Kinder im KZ».

Wie haben die rund 3500 Kinder Bergen-Belsen erlebt? Womit haben sie gespielt? Was ist aus ihnen geworden? Diese Fragen beantwortet die erste Ausstellung zum Thema. Sie zeigt das Schicksal von Kindern, die im KZ zu Waisen wurden, solchen, die inmitten der Gräuel geboren wurden und anderen– und das ist die Mehrheit – die starben. Insgesamt kamen in Bergen-Belsen 52000 Gefangene um.

Hunderte Kinder kamen in Bergen-Belsen um.

Hunderte Kinder kamen in Bergen-Belsen um.

Prešov , Prag, Neapel, Frankfurt, Basel

Die damaligen KZ-Kinder sind heute die letzten Zeitzeugen des Genozids. In Texten, Interviews und Porträts gibt ihnen die Ausstellung «The last Swiss Holocaust Survivors» das Wort. Sie will die Erinnerungen festhalten, solange die Überlebenden noch leben. Viele sind bruchstückhaft, wie jene von Ivan Lefkovits. Die meisten der einstigen Verfolgten wurden erst später zu Schweizern, so wie Lefkovits.

Nach dem Krieg kehrte er mit seiner Mutter, auch sie hatte überlebt, in die Tschechoslowakei zurück. Die Zugfahrt durch das zerstörte Land sei der Grund, weshalb er keinen Gram gegen die Deutschen hege, sagt er.

«Auch sie mussten die Konsequenzen tragen.»

Später studierte er in Prag Chemie, migrierte über Neapel und Frankfurt 1969 in die Schweiz. Er ist Gründungsmitglied des Basler Instituts für Immunologie. Nach der Pension sammelte er die Memoiren von anderen Überlebenden. 2016 erschien das Sammelwerk «Mit meiner Vergangenheit lebe ich».

Zwei unabhängige Ausstellungen erstmals vereint

Ab 12. April zeigt das Historische und Völkerkundemuseum die beiden Ausstellungen «The last Swiss Holocaust Survivors» und «Kinder im KZ Bergen-Belsen». Die beiden Ausstellungen sind unabhängig voneinander entstanden. Erstere ist eine Zusammenarbeit des Archivs für Zeitgeschichte an der ETH und der Stiftung Gamaraal, die sich für bedürftige Holocaust-Opfer einsetzt. Die Ausstellung gastierte seit 2017 nebst diverser Schweizer Städte bereits in Berlin, New York oder Singapur. Sie ist bis zum 4. August in St.Gallen zu sehen.
«Kinder im KZ Bergen-Belsen» ist die erste Ausstellung im deutschsprachigen Raum, die sich dem Thema Kindheit im Konzentrationslager annimmt. Sie wurde von der Gedenkstätte Bergen-Belsen auf der Basis von 125 Video-Interviews mit Zeitzeugen entwickelt. St.Gallen ist die erste Auslandstation der Ausstellung, die bis zum 29. September im Historischen und Völkerkundemuseum verbleibt.

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