Das Kinderschutzzentrum ist überlastet

Der mutmassliche Missbrauchsfall in einer Kinderkrippe ist nur einer von zahlreichen Fällen, um die sich das St. Galler Kinderschutzzentrum kümmert. Es verzeichnet momentan doppelt so viele Fälle wie noch vor einem Jahr. Für die Mitarbeitenden wird der Arbeitsdruck zur Belastung. 

Noemi Heule
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Ein Kind im Schlupfhuus. Die Notunterkunft ist ein Teil des Kinderschutzzentrums St.Gallen, das momentan wegen vieler Fälle überlastet ist.

Ein Kind im Schlupfhuus. Die Notunterkunft ist ein Teil des Kinderschutzzentrums St.Gallen, das momentan wegen vieler Fälle überlastet ist. 

Wer derzeit die Nummer des Kinderschutzzentrums St. Gallen wählt, erreicht wahrscheinlich nur den Anrufbeantworter. «Wegen grosser Nachfrage nach Unterstützung» sei das Sekretariat nur reduziert geöffnet, verkündet eine Stimme auf Band. Das war auch Ende vergangener Woche nicht anders, kurz nachdem der mutmassliche Missbrauchsfall in der Kinderkrippe Fiorino publik wurde.

Das Kinderschutzzentrum übernahm die Krisenintervention für betroffene Eltern und Mitarbeiter und stand der Krippenleitung am Elternabend mit 90 betroffenen Eltern zur Seite. Der aktuelle Vorfall ist aber nicht die Ursache für die Überlastung, vielmehr bedeutet er eine zusätzliche Belastung. Co-Geschäftsführer André Baeriswyl sagt:

«Der Arbeitsdruck liegt im Moment deutlich jenseits der Norm und des mittelfristig Machbaren»

Bereits seit November sei die Nachfrage hoch. Pro Tag verzeichnete die Beratungsstelle In Via, die zum Kinderschutzzentrum gehört, doppelt so viele Fälle wie in den Sommermonaten vor einem Jahr. Sie ist Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die von körperlicher, psychischer oder sexualisierter Gewalt betroffen sind, aber auch für Fachstellen, Eltern und Bezugspersonen.

Bei schweren Delikten leiden Fachpersonen mit

Nicht nur die grosse Nachfrage macht den Beratern zu schaffen; gleichzeitig seien viele Anfragen anspruchsvoll und komplex, da mehrere Kinder betroffen oder viele Stellen beteiligt seien.

«Solche Situationen sind inhaltlich, fachlich, aber auch emotional anspruchsvoll und nehmen viel Zeit in Anspruch.»

Schwere Delikte an Kindern oder Jugendlichen seien auch für Fachpersonen nur schwer auszuhalten. Man wisse aus der Forschung, dass sich Gewalt gegenüber Kindern besonders belastend auf involvierte Fachleute auswirke. «Sexuelle Gewalt verstärkt dies zusätzlich.»

Die Notrufe nehmen zu

Weil sie nicht mehr weiter wissen, wenden sich auch andere Fachstellen und Organisationen mit Fragen zum Kinderschutz an die Beratungsstelle. Zudem hätten die Anrufe über den Kinder- und Jugendnotruf und über die Eltern-Hotline zugenommen. Das Schlupfhuus, das ebenfalls zum Zentrum gehört und Kindern und Jugendlichen eine Notunterkunft bietet, ist seit November ebenfalls sehr gut ausgelastet. Auch momentan sind acht von neun Plätzen belegt. Im dritten Bereich des Kinderschutzzentrums der Ausbildung und Prävention sind gar alle Termine 2019 ausgebucht.

«Zum Schutz der Mitarbeitenden vor latenter Überlastung werden in solchen Zeiten die Anrufzeiten eingeschränkt», begründet Baeriswyl den Anrufbeantworter. Er betont jedoch, dass der Notruf rund um die Uhr besetzt und das Schlupfhuus jederzeit erreichbar sei. Für weniger dringende Fälle gibt es eine Warteliste. Baeriswyl spricht von einem Balanceakt zwischen der normalen Auslastung und dem Anspruch, bei ausserordentlichen Anforderungen – wie vergangener Woche – sofort zusätzliches Personal einsetzen zu können. Dies sei letztlich eine Frage der Ressourcen.

Auf den aktuellen Fall, in dem sich ein Betreuer einer Kinderkrippe vermutlich an einem knapp zweijährigen Buben verging, will Baeriswyl zum Schutz der Betroffenen nicht eingehen. In vergleichbaren Situationen sei es aber wichtig, dass Eltern im Vertrauen mit Fachpersonen sprechen könnten. 

«Sie wollen wissen, wie sie ihren Kinder begegnen sollen, ob sie sie ansprechen sollen, eine Therapie sinnvoll oder nötig ist, und ob es möglich ist, herauszufinden, ob auch ihrem Kind etwas passiert sein könnte.»

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Manuela Bruhin