"Das ist nur die Spitze des Eisbergs"

Ein 13jähriges Mädchen mit 4,3 Promille Alkohol im Blut schrieb vor ein paar Tagen in Deutschland Schlagzeilen. Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin am Kinderspital St.Gallen, und sein Team haben auch schon Jugendliche mit über 3 Promille Alkohol im Blut behandelt - und ihnen so mitunter das Leben gerettet.

Christa Kamm-Sager
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Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin Kinderspital St.Gallen (Bild: pd)

Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin Kinderspital St.Gallen (Bild: pd)

Alkoholvergiftungen im Kinderspital: Im Alltag des Kispi-Notfallteams keine Seltenheit. Im Jahr 2011 wurden im Kinderspital St.Gallen 33 Teenager unter 16 Jahren mit Vollrausch eingeliefert, letztes Jahr zählte die Statistik 21 Kinder mit gefährlich viel Promille im Blut. "Es sind mehr Buben, die nach zu viel Alkoholkonsum ins Spital eingeliefert werden", stellt Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin, fest. Und eines ist klar für ihn: "Die Fälle, die im Kinderspital landen, sind nur die Spitze des Eisbergs."

Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin Kinderspital St.Gallen (Bild: pd)

Josef Laimbacher, Chefarzt Jugendmedizin Kinderspital St.Gallen (Bild: pd)



Rekord: 3 Promille
In Deutschland wurde vor ein paar Tagen ein 13jähriges Mädchen mit 4,3 Promille im Blut ins Spital eingeliefert. Es überlebte. Für Josef Laimbacher keine Selbstverständlichkeit: "Ab 4 Promille wird es - sowieso bei Kindern - lebensgefährlich." Auch wer 3 Promille im Blut aufweist, gefährdet sein Leben: Die Wirkung des Alkohols könne eine Atemdepression, also eine stark verlangsamte Atmung, auslösen. Und wer mit 2 Promille im Blut unterwegs ist, hat im Rausch ein deutlich höheres Unfallrisiko. "Die Übergänge sind aber fliessend und nicht jeder verträgt gleich viel", so Laimbacher. Das gelte explizit für Kinder und Jugendliche: "Ein Kind kann Alkohol im Blut viel schlechter abbauen, die Leber ist noch nicht so weit ausgebildet." Auch im Kispi wurden schon Jugendliche mit weit über 2 Promille betreut. "Ein Jugendlicher mit 3 Promille war der traurige Rekord." Diese schwer betrunkenen Jugendlichen müssen auf der Intensivstation behandelt und dauernd überwacht werden.

Intensive Nachbehandlung
Das Konzept am Kinderspital St.Gallen sieht vor, dass betrunkene Teenager, wenn sie wieder nüchtern sind, eine intensive Nachbetreuung erfahren – zusammen mit ihren Eltern. Zuerst werde geprüft, ob ein Kind häufig betrunken ist oder weitere Probleme hat (High Risk) oder ob es sich um ein einmaliges Ereignis handelt (Low Risk). "Wir setzen uns intensiv mit den Eltern und dem Teenager auseinander, suchen nach Ursachen und informieren über die Gefahren des Alkoholkonsums." Leider käme es aber vor, dass Eltern mit ihren Kindern ambulante Folgetermine nicht immer wahrnehmen würden. Das Präventionsprogramm am Kinderspital zeigt dennoch Wirkung: Noch nie sei ein Teenager nach seiner ersten Erfahrung auf der Intensivstation ein zweites Mal wegen zu viel Alkoholkonsum eingeliefert worden.

Laimbacher begrüsst es denn auch, dass ohne Zögern die Notfallnummer gewählt werde bei Angst um ein betrunkenes Kind. Erstens sei die Lebensgefahr tatsächlich gross und zweitens will kein Teenager so eine Einlieferung ein zweites Mal erleben. Er ist aus diesen Gründen dagegen, dass die Kosten für eine Notaufnahme den Eltern angelastet werden.

Verantwortung übernehmen
Das Problem des exzessiven Rauschtrinkens bei Jugendlichen hat sich in der Wahrnehmung des Chefarzts der Jugendmezin verschärft, seit die ausländischen Spirituosen ab dem Jahr 1999 billiger erhältlich sind. Seither falle auch auf, dass selbst Teenager sich gar nicht so selten einen Rausch mit Wodka und ähnlich harten Alkoholika antrinken würden. "Jugendliche mischen Wodka gern mit süssen Getränken und sind sich so nicht bewusst, wieviel Alkohol sie zu sich nehmen", sagt Josef Laimbacher.

Bei der Diskussion rund um ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot ist seine Haltung klar: "Ich bin für ein Verkaufsverbot von 22 bis 7 Uhr." Ob man mit einem Verbot den exzessiven Konsum von Alkohol bei Jugendlichen eindämmen kann, sei zwar fraglich. "Aber wir würden damit ein deutliches Zeichen setzen, Verantwortung übernehmen und Haltung zeigen."

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