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Das integrative Schulmodell bringt Lehrer an ihre Grenzen: Verbände fordern Kleinklassen – Bildungsforscher raten davon ab

Um Lehrer zu entlasten, fordern Verbände wieder mehr Kleinklassen. Ist das integrative Schulmodell am Ende? Bildungsexperten halten dagegen: Eine Separation von schwächeren Schülern verlagere das Problem nur und erschwere deren berufliche Integration.
Janina Gehrig
Jedes Kind individuell abzuholen und zu fördern, bringt die Lehrer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – vor allem, wenn in der Klasse mehrere verhaltensauffällige Kinder sitzen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Jedes Kind individuell abzuholen und zu fördern, bringt die Lehrer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – vor allem, wenn in der Klasse mehrere verhaltensauffällige Kinder sitzen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie bringen die Lehrer an die Grenzen ihrer Kräfte: Schüler mit Lern- und Verhaltensproblemen, mit Formen von ADHS oder Autismus; Schüler, die aggressiv sind, grobe Konzentrationsstörungen haben, die während des Unterrichts immer wieder aufstehen oder herumschreien. Sie in Regelklassen zu integrieren, ist eine der grössten Sorgen an hiesigen Schulen. So möchte Gion Berther, Präsident des Lehrerverbands der Stadt St. Gallen, wieder vermehrt Kleinklassen einführen. Der kantonale Lehrerverband fordert gar ein ganzes Massnahmenpaket, um Lehrer zu entlasten («Ostschweiz am Sonntag» vom 19. Mai). Ist das integrative Schulmodell, das vor zehn Jahren schweizweit eingeführt wurde, gescheitert (Box)?

Die Forschung spricht dafür, in der Praxis hapert es

Ja, findet Arnold Fröhlich, ehemaliger Dozent im Fachbereich Pädagogik an der Universität Freiburg. Fröhlich hatte bis zu seiner Pensionierung Lehrer ausgebildet und als Praxisleiter «einen fundierten Einblick in die Schulstuben erhalten», wie er sagt.

«Beim integrativen Schulunterricht kommen alle Kinder zu kurz, sowohl die ‹Normalen› als auch die ‹Lernschwachen›.»

Dass die Schwächeren stets das Schlusslicht bildeten, sei für sie ein soziales Problem. Lehrer, die zudem auf die Bedürfnisse 24 weiterer Kinder individuell eingehen müssten, gerieten schnell an den Rand der Belastbarkeit. Das Modell schaffe nur Verlierer.

Die Forschung zu integrativen Schulformen hat in der Schweiz eine lange Tradition – und spricht indes eine etwas andere Sprache. «Mehrere Studien bestätigen, dass Kinder mit Lernproblemen in Regelklassen bessere Leistungen erbringen als in Sonderklassen», sagt Andrea Lanfranchi, Institutsleiter an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Dabei würden die leistungsstarken Kinder nicht ausgebremst oder benachteiligt. Annette Köchlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Lehr-Lernforschung der PHSG und Dozentin im Master Sonderpädagogik, bestätigt diese Aussagen, relativiert aber: «Unabhängig vom Setting ist vor allem die Unterrichtsqualität von hoher Relevanz für die Lernerfolge.»

Zumindest in einem Punkt geben die Studien Fröhlich jedoch Recht: Lernschwache Kinder und Jugendliche, die in der Regelklasse geschult werden, haben eine tiefere Selbsteinschätzung als ihre Alterskollegen in Sonderklassen.

Früher oder später werden alle mit der «Norm» konfrontiert

Die Konfrontation mit den besseren Leistungen der anderen Kinder sei natürlich nicht einfach, räumt Lanfranchi ein. In Sonderklassen würden sich die Kinder aber selber überschätzen und spätestens bei der Berufswahl dennoch mit der Norm konfrontiert. Der Weg zurück zum separativen Schulmodell ist für ihn deshalb keine Option. «Das würde nur zu einer kurzzeitigen Entlastung der Lehrpersonen führen», sagt er.

«Die Probleme verschwinden nicht, sie werden lediglich an einen anderen Ort verschoben.»

Das Aussortieren sei oft eine tiefgreifende Massnahme, der «Stempel Kleinklasse» hafte einem Kind ein Leben lang an. Zudem zeigen Studien, dass bei der Zuteilung in Kleinklassen häufig von Diskriminierung gesprochen werden kann. Denn ausschlaggebend sind nicht nur die schulischen Leistungen, sondern Merkmale wie Geschlecht, Nationalität oder Bildungshintergrund der Familie.

Alle im selben Klassenzimmer

Seit 2008 sind die Schulen schweizweit verpflichtet, einstige Kleinklassen- und Sonderschüler in die Regelklassen zu integrieren. Die Schulgesetze in allen Kantonen stützen sich dabei auf die UNO-Behindertenrechtskonvention und das Behindertengleichstellungsgesetz. Verhaltensauffällige oder lernschwache Schüler bleiben in ihren Klassen und werden punktuell durch Heilpädagogen betreut. In der Praxis stösst das System an seine Grenzen. Mehrere Kantone diskutieren deshalb, Sonderschulen wieder einzuführen. Um Lehrpersonen zu entlasten, setzen gewisse Schulen auch auf Time-out-Klassen oder Schulinseln, wo Schüler in Krisensituationen temporär separat beschult werden. In den meisten Kantonen gibt es bis heute Kleinklassen. Etwa vier Prozent aller Kinder besuchen eine Sonderschule. (jan)

Es sei unsere «moralische Pflicht», sagt Lanfranchi, an alle Kinder zu denken und keines zurückzulassen.

«Ich finde es bedenklich, wenn man schon Fünfjährige nach Fähigkeiten und Verhalten aussortiert.»

Annette Köchlin sieht es ähnlich.Das integrative Modell vereinfache auch den Zugang zur beruflichen Integration. «Die Integration ist nicht nur für das System Schule, sondern auch gesellschaftlich relevant», sagt sie.

Das integrative Modell vereinfache auch den Zugang zur beruflichen Integration. «Die Integration ist nicht nur für das System Schule, sondern auch gesellschaftlich relevant», sagt sie.

Nichtsdestotrotz sind sich die Bildungsexperten der Probleme bewusst. «Die Umsetzung der Integration erweist sich in der deutschen Schweiz – anders als im Tessin oder in umliegenden Ländern – als viel schwieriger als erwartet», sagt Lanfranchi. Einerseits gebe es zu wenig Heilpädagogen. «Rund die Hälfte von ihnen ist nicht für die spezifischen Aufgaben qualifiziert, die gefragt sind.» Andererseits würden die Fachkräfte nicht optimal eingesetzt. Oft würden die Zusatzstunden nach dem Giesskannenprinzip verteilt. Wenn eine Heilpädagogin an einer Schule 24 Lektionen arbeite, verteile man diese auf acht Klassen zu je drei Stunden. Das bringe jenen Klassen mit mehreren problematischen Kindern aber zu wenig, während in anderen Klassen eine Beratung genügen würde. «Schulleiter müssen in Absprache mit den Fachkräften alle vorhandenen Mittel bündeln und dort einsetzen, wo sie am nötigsten gebraucht werden.»

Für jede Klasse eine halbe Heilpädagogin

Um die Lehrpersonen zu entlasten, nennt Lanfranchi sogenannte Pool-Lösungen, wie sie etwa an der Schule Stadel im Kanton Zürich bereits zum Einsatz kommen: «Dank eines Pools an Massnahmen erhält jede Klasse zu 50 Prozent eine Heilpädagogin, die auch Deutsch als Zweitsprache und Begabungsförderung macht und die eng mit der Klassenlehrerin kooperiert.»

Und wenn es dann immer noch hapert? Im Einzelfall könne eine Beschulung in einer Einführungsklasse Sinn machen. Zudem spreche nichts dagegen, Kinder mit Problemen oder besonderen Begabungen einzeln oder in Kleingruppen in einem Nebenraum speziell zu fördern, sagt Lanfranchi.

Ob die Integration gelinge oder nicht, hänge nicht in erster Linie vom betreffenden Kind ab. Es gehe vielmehr um die Frage, wie tragfähig die Schule sei, wie optimal unterstützende Massnahmen aufgegleist sind und ob diese auch von den Eltern getragen würden.

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