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«Ich dürfte keine Medikamente abgeben, aber es fehlt an Personal» – eine St.Galler Pflegehelferin erzählt

Wenn qualifizierte Pflegefachkräfte fehlen, springen Hilfspflegerinnen ein. Von ihnen gibt es mehr als genug. Doch ihr Lohn reicht kaum zum Überleben, ihre Perspektiven sind schlecht. Nun will man die Frauen in der Ostschweiz besser ausbilden.
Janina Gehrig
Oft fehlt den Pflegenden die Zeit, sich um die Heimbewohner zu kümmern. (Bild: Getty)

Oft fehlt den Pflegenden die Zeit, sich um die Heimbewohner zu kümmern. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie geht mit den Betagten spazieren, macht ihnen die Haare, hilft ihnen zu essen. Sie wäscht sie, misst ihnen den Blutdruck und das Gewicht. Oftmals verteilt sie aber auch Medikamente, wechselt den Patienten die Verbände, die auf den offenen Wunden liegen, oder bringt neue Beutel für den künstlichen Darmausgang an. Dazu wäre die Pflegehelferin, die in einem Pflegeheim der Stadt St. Gallen arbeitet, jedoch nicht befähigt. «Ich dürfte dies nicht. Aber es fehlt an Fachangestellten Gesundheit und an diplomierten Pflegefachkräften, damit alle Arbeiten erledigt werden können», sagt die 28-Jährige. Sie sei sich bewusst, dass dies ein Risiko mit sich bringe. Auch schon habe sie Bewohner mit «kreuzfalsch» angelegten Verbänden gesehen.

«Jene, welche die Fussarbeit machen, gehen oft vergessen»

Schweizweit fehlen rund 6000 diplomierte Pflegefachpersonen. Die Pflegeinitiative, welche die Ausbildung ebendieser fördern möchte, wurde kürzlich in der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats beraten. Unter dem Personalmangel leidet aber nicht nur die Qualität der Pflege, sondern auch das Assistenzpersonal. Oder, wie es Samuel Burri, Branchenverantwortlicher Pflege bei der Unia ausdrückt: «Jene, welche die Fussarbeit machen, gehen oft vergessen».

Es ist das Assistenzpersonal, das den Hauptteil der Pflegearbeit in den Institutionen leistet. Rund 50 Prozent der Pflegenden in Heimen machen Pflegehelfer oder Assistentinnen Gesundheit und Soziales aus. «Diese arbeiten unter extrem prekären Arbeitsbedingungen und verdienen einen Lohn, der kaum zum Leben reicht.» Die St. Galler Pflegehelferin etwa arbeitet seit sieben Jahren in dieser Branche und kommt bei einem Vollzeitpensum auf einen Nettolohn von 3300 Franken. Was die Arbeit zusätzlich erschwert, verdeutlicht auch eine diese Woche veröffentlichte Studie der Unia.

Während die Pflegeheime beim qualifizierten Personal oft weiter abbauen, um Kosten zu sparen, sind sie auf die billigen Arbeitskräfte angewiesen. Und an Nachwuchs mangelt es hier nicht – im Gegenteil. «Es gibt ein Überangebot an Pflegehelferinnen, die oft nach kurzer Zeit verheizt werden», sagt Burri. «Ausgebildet» werden sie vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK), das den Lehrgang Pflegehelfer seit 60 Jahren anbietet. Er umfasst 120 Lektionen und ein 15-tägiges Praktikum. Schweizweit bildet das SRK durchschnittlich 4500 Pflegehelfer jährlich aus, in St. Gallen sind es rund 300.

Der Kurs führt in eine Sackgasse

Für Burri ist der Lehrgang auf unterster Stufe Teil des Problems von schlechten Arbeitsbedingungen. Ähnlich sieht es Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin der Ostschweizer Sektion des Berufsverbands für Pflegefachleute (SBK) und Thurgauer SP-Kantonsrätin. «SRK-Helferinnen investieren sechs Monate in einen Kurs, der für weiterführende Ausbildungen nicht anerkannt wird und mit dem sie danach häufig keinen Arbeitsplatz finden», sagt sie. Zudem sei der Pflegeberuf ein typischer Frauenberuf. «Oft machen die Frauen den Kurs aus der Not heraus und verharren dann jahrelang im selben Job ohne Entwicklungsmöglichkeiten und zu einem Dumpinglohn.» Oft übernähmen sie dabei Aufgaben, die sie überforderten.

Das SRK verteidigt seine Kurse. Diese böten einen niederschwelligen Einstieg in die Gesundheitsversorgung, sagt Marianne Riedwyl, Leiterin Abteilung Bildung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Oftmals handle es sich um Umsteigerinnen, etwa ehemalige Büroangestellte, die etwas Sinnvolleres tun wollten, um Wiedereinsteigerinnen oder Leute mit Migrationshintergrund, die sich für den Lehrgang entscheiden. Auch pflegende Angehörige seien oft unter den Kursbesuchern. Riedwyl spricht von «optimal für die Assistenzpflege vorbereiteten Arbeitskräften, ohne die in den Institutionen nichts gehen würde». Zur Kritik, das SRK bilde zu viele von ihnen aus, sagt Riedwyl: «Wir gehen davon aus, dass schweizweit 70 Prozent nach dem Lehrgang eine Tätigkeit in der Assistenzpflege finden.»

Kooperation zwischen Berufsverband und Rotem Kreuz

Als Sozialpolitikerin will Wohlfender die Frauen lieber ermutigen, eine Ausbildung mit eidgenössisch anerkanntem Fachausweis anzupacken. So laufe seit diesem Jahr eine Kooperation zwischen dem Berufsverband Pflege und dem Roten Kreuz. «Es geht darum, die Frauen über die Möglichkeiten zu informieren und zu begleiten», sagt Wohlfender. Auch für Riedwyl soll der SRK-Kurs nicht in einer Sackgasse enden. «Wir setzen uns dafür ein, dass die Leute dort, wo sie bereits arbeiten, gefördert werden und im Anschluss etwa eine verkürzte Lehre machen können.» Tatsache sei aber auch, dass es nicht allen Leuten möglich sei, lange Bildungswege zu absolvieren.

Schliesslich, sagt Riedwyl, sei ein Mix von Personen mit unterschiedlichen Kompetenzen nach wie vor optimal, um den Bedarf an Gesundheitspersonal abzudecken.

Fast die Hälfte der Pflegenden will Beruf aufgeben

Die Unia spricht von «erschreckenden Ergebnissen». Zwischen Oktober 2018 und Januar hat die Gewerkschaft rund 1200 Angestellte aus der Langzeitpflege befragt. Die Ergebnisse wurden am Freitag publiziert. Sie zeigen, dass rund die Hälfte der Pflegenden ihren Beruf vor der Pensionierung aufgeben will. Die Perspektivlosigkeit sei vor allem bei den am schlechtesten qualifizierten Mitarbeitern, den Pflegehelferinnen und -Assistenten, ausgeprägt, sagt Samuel Burri, Branchenverantwortlicher Pflege der Unia. Ihre Berufsausstiegsrate liege deshalb tiefer (39%) als jene der Fachfrauen Gesundheit (52%) und der diplomierten Pflegefachpersonen (45%). Als Hauptgrund für den verfrühten Berufsausstieg geben die Pflegenden gesundheitliche Probleme an. Der Beruf sei körperlich und psychisch belastend. Schichtarbeit, Stress und unregelmässige Arbeitszeiten führen bei 72 Prozent aller Befragten zu regelmässigen körperlichen Beschwerden. Beim Assistenzpersonal sind es gar 77 Prozent.

Unfaire Dienstplanung

Für Burri ist die 2011 eingeführte Subjektfinanzierung der Pflegeheime für die schlechten Arbeitsbedingungen mitverantwortlich. Damit sei eine «Ökonomisierung der Pflege» in Gang gesetzt worden. Pflegeheime erhalten nur dann Geld, wenn ein Bett auch belegt ist, was von den Mitarbeitern maximale Flexibilität erfordert. «Wenn Heimbewohner sterben, wird das Personal nach Hause geschickt, bei grossem Arbeitsanfall aber kurzfristig wieder abgerufen», sagt Burri. So bezeichneten 65 Prozent der Befragten die Dienstplanung als unfair und unausgewogen. Aufgrund des Personalmangels stehen die Pflegenden zudem bei der Arbeit ständig unter Stress. Das Assistenzpersonal ist ausserdem mit 86 Prozent am unzufriedensten mit dem Lohn. «Das erstaunt nicht, beträgt der Bruttolohn einer Pflegehelferin zwischen 3800 und 4200 Franken», sagt Burri. Bei einem durchschnittlichen Beschäftigungsgrad von 72 Prozent resultiere ein Gehalt von 2880 Franken pro Monat.

Heimverband Curaviva zeigt sich überrascht

Die Ergebnisse der Studie überraschten sie, sagt Monika Weder, Leiterin Geschäftsbereich Bildung bei Curaviva, dem Schweizerischen Dachverband für Heime. Man kenne wissenschaftliche Studien, die eine grosse Zufriedenheit unter den Pflegenden festgestellt hätten. Weder spricht aber von einer doppelten Herausforderung: Einerseits können aufgrund des Fachkräftemangels personelle Engpässe entstehen. Zudem stehen Heime vor ungedeckten Pflegekosten, weil gewisse Kantone ihrer Plicht der Restfinanzierung nicht nachkommen. Höhere Löhne für Pflegehelferinnen hält Weder deshalb für eher unrealistisch. (jan)

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