Das Heidi in Bergschuhen

Warum tun Sie das eigentlich? Die 30jährige Irène Fiechter ist nicht nur Erwachsenenbildnerin, Studentin und Fotografielehrerin, die Ostschweizerin vertritt die Schweiz auch regelmässig als Heidi im Ausland.

Janine Meyer
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zo - Heidi

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Irène Fiechter, ab und zu verwandeln Sie sich in Heidi und stapeln dann Kühe oder spielen Alpengolf. Sind Sie beim Theater?

Irène Fiechter: Nein, ich bin Animateurin an Messen für Schweiz Tourismus, vor allem in den Benelux-Staaten. Dabei trage ich immer ein «Heidi-Tenue», also eine Tracht, zwei Zöpfe und Bergschuhe. Die Schuhe sind vor allem in Holland wichtig, Holländer lieben die Schweizer Berge – und unsere Bergschuhe!

Was macht Heidi an einem normalen Arbeitstag?

Fiechter: Ich begeistere die Besucher für unseren Stand, spreche mit ihnen über die Schweiz und unterhalte sie. Je nach dem jeweiligen Motto der Messe bieten wir neben Informationen auch Spiele an. Einmal dürfen sich die Besucher in einer riesigen Schneekugel im Styroporschnee fotografieren lassen, ein anderes Mal eben Alpengolf spielen oder Kühe stapeln.

Wie stapelt man Kühe?

Fiechter: Wir haben natürlich keine echten Kühe an unserem Stand. Das einzige, was echt war, war ein ausgestopftes Murmeli, aber das war bei einer anderen Messe mit von der Partie. Das war ein bisschen seltsam, aber irgendwie auch ganz niedlich.

Und wie stapelt man nun Kühe?

Fiechter: Also, wir hatten diese Holzkühe, die Schönen mit den Flecken. Die Besucher durften die Kühe so lange aufeinander stapeln, bis der Turm umfiel. Für die Teilnahme bekommen die Besucher eine Schokolade, darauf sind sie immer ganz wild, ausserdem wird jeweils eine Reise verlost.

Das klingt nach viel Spass und leicht verdientem Geld…

Fiechter: Viel Spass ist dabei und ich lerne wahnsinnig viel, aber leicht verdiene ich mein Geld nicht. Ich bin in der Regel neun bis zehn Stunden auf den Beinen und habe dazwischen eine halbe Stunde Mittagspause. Da ich sofort als Heidi zu erkennen bin, werde ich allerdings auch während meiner Pausen oft angesprochen. Ausserdem ist es anstrengend, sich den ganzen Tag in einer fremden Sprache zu unterhalten. Dabei muss ich extrem präsent und aufmerksam bleiben, denn immerhin bin ich am Arbeiten – und die Arbeit nehme ich sehr ernst.

Sie sind Lehrerin, studieren Populäre Kulturen, Niederlandistik und Fotografie, arbeiten in einer Bar und sind auch noch als Heidi tätig. Warum tun Sie das eigentlich?

Fiechter: Auch wenn es anstrengend ist, dank Heidi kann ich zum Beispiel mein Alltags-Niederländisch pflegen. So habe ich etwa gelernt, dass «neem de slager» nicht «nimm den Schläger» bedeutet, sondern «lass dich mit dem Metzger ein» heisst. Diesen Satz brauchte ich übrigens für das Alpengolf. Ausserdem erhalte ich Einblick in eine Branche, zu der ich sonst keinen Zugang habe: Tourismus. Und es macht grossen Spass, mit den Leuten aus diesem Team zusammenzuarbeiten. Die sind angefressen, daraus ergibt sich eine wunderbare Arbeitsatmosphäre! Am lustigsten, und gleichzeitig lehrreichsten, sind die Messebesucher. Es gibt unterschiedliche Situationen, manche sind witzig, manche absurd, zum Glück nur selten unangenehm.

Mögen Sie sich an eine unangenehme Situation erinnern?

Fiechter: Da gab es einen Mann, den ich ansprach und fragte, ob ich ihm etwas über die Schweiz erzählen dürfe. Daraufhin hat er mich angeschnauzt und meinte, er sei jedes Jahr in der Schweiz und kenne das Land wohl besser als ich.

Wie reagieren Sie in solchen Momenten?

Fiechter: Man muss abwägen, immer freundlich bleiben und lächeln, das ist das Wichtigste. Diesem Besucher gratulierte ich, dass er die Schweiz so gut kenne, und hab ihn gefragt, ob ich ihm dennoch etwas zeigen dürfe. Er hat sich dann kurz und knapp verabschiedet.

Was war besonders absurd?

Fiechter: Einmal hat mir jemand unterstellt: «Du bist aber kein echtes Heidi!» Ich habe nachgefragt, wie er das meine, und er antwortete ernsthaft, ich spräche ja seine Sprache. Als ich ihm auf Schweizerdeutsch zu verstehen gab, dass ich sehr wohl Schweizerin bin, war er ganz überrascht, dass ich mehrere Sprachen spreche. Witzig finde ich, wenn die Leute Fotos mit mir – also mit Heidi – machen wollen. Da war Mal ein junger Mann mit zwei Begleiterinnen. Er hatte mich offensichtlich schon lange erwartet und war ganz begeistert, als er mich und die Bergschuhe entdeckte. Wir posierten für ein Foto, und schon waren sie wieder weg. Wenige Minuten später kam meine Chefin lachend zu mir und zeigte mir einen Eintrag auf unserem Twitter-Account. Darauf war dieses Foto mit dem Kommentar «Ich hab Heidi mit den Bergschuhen getroffen!» zu sehen.

Das Matterhorn, der Schweizer Vorzeigeberg, ist beliebt bei Touristen wie der Werbeindustrie. (Bild: fotolia)

Das Matterhorn, der Schweizer Vorzeigeberg, ist beliebt bei Touristen wie der Werbeindustrie. (Bild: fotolia)

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