Das grosse Schmelzen der kleinen Ostschweizer Gletscher

Im ganzen Land schmelzen Gletscher. Den fünf Ostschweizern hat der Hitzesommer besonders stark zugesetzt. Der Pizolgletscher bricht auseinander – und könnte schneller verschwinden als bisher angenommen.

Katharina Brenner
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Eisflächen lösen sich ab, Wasser rinnt herunter: Der Pizolgletscher wird in den nächsten Jahren verschwinden. (Bild: Thomas Hary, 10. September 2018)

Eisflächen lösen sich ab, Wasser rinnt herunter: Der Pizolgletscher wird in den nächsten Jahren verschwinden. (Bild: Thomas Hary, 10. September 2018)

Wie ein gefrässiger Biber, der an einem Baumstamm nagt, bis dieser entzwei bricht, machte sich die Hitze in den letzten Monaten über die Gletscher her. «Seit zwei Jahren beobachten wir am Pizolgletscher Auflösungstendenzen. Seit diesem Jahr spalten sich einzelne Teile ab; der Gletscher zerfällt», sagt Mat­thias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Mitglied des Schweizer Gletschermessnetzes. Er war gerade am Pizolgletscher. Sein Fazit: sehr stark geschmolzen, die Dicke des Eises ist in diesem Jahr auf dem gesamten Gletscher um anderthalb Meter zurückgegangen. «Das ist schon fast gleich viel wie 2017 – und im September kann noch mehr schmelzen.»

Aufgrund des vielen Schutts auf dem Eis sei die Fläche des Gletschers schwer zu schätzen. Huss geht von 0,05 Quadratkilometern aus. Damit gehört der Pizolgletscher zu den kleinsten im Land, zusammen mit den anderen vier Ostschweizern: dem Blau Schnee am Säntis und dem Chli-, Sardona- und Glasergletscher auf dem Gebiet von Mels. Doch nicht nur in der Ostschweiz gibt es Zwerge aus Eis: 1000 der 1400 Gletscher in der Schweiz bringen es nicht einmal auf einen halben Quadratkilometer Fläche.

In der Westschweiz hat es deutlich mehr geschneit

Huss und sein Team beobachten den Pizolgletscher seit 2006; er sei repräsentativ für die anderen in der Ostschweiz. Die besten vergleichbaren Informationen zu allen Ostschweizer Gletschern haben die Forscher aus dem Jahr 2010 (siehe Grafik). Im Oktober kennen sie die Ergebnisse ihrer jährlichen schweizweiten Gletschermessungen; der Pizol gehört dazu.

«Dann können wir sagen, ob es sich bei der Schmelze am Pizolgletscher um ein Rekordjahr handelt.»

Diesen Titel trägt bisher das Jahr 2011 mit einem mittleren Eisdicken-Verlust von rund zweieinhalb Metern, was vor allem am schneearmen Winter damals lag.

Bereits jetzt steht fest, dass die extreme Hitze und Trockenheit in diesem Sommer den Gletschern zugesetzt haben – insbesondere den Ostschweizern. Anfang Jahr hat es in der ganzen Schweiz viel geschneit, in der Westschweiz jedoch deutlich mehr als hier. «Die Gletscher im Osten waren deshalb durch die Schneedecke vergleichsweise schlechter vor der Sommerhitze geschützt, und das Eis schmolz besonders stark», erklärt Huss.

Kanton will CO₂-Ausstoss verringern

Hat der Kanton Schutzmassnahmen ergriffen? «Wie die meisten Kantone setzt St. Gallen vor allem die Gesetze und Verordnungen des Bundes um», sagt Marco Paganoni, Stabsmitarbeiter beim Amt für Umwelt. Als Beispiele nennt er den kantonalen Massnahmenplan Luftreinhaltung, der die Ziele der eidgenössischen Luftreinhalteverordnung unterstützt sowie das kantonale Energiekonzept. Beides soll den Ausstoss von CO₂ verringern.

Pro 70 Gramm ausgestossenem Kohlendioxid geht ein Kilogramm Gletschereis verloren, zitierte die «NZZ» im Frühjahr eine Studie der Universitäten in Bremen und Innsbruck und rechnete vor: «Diese CO₂-Menge entspricht einer Fahrt von 500 Metern mit einem Durchschnittsauto.» Der Rückgang der Gletscher sei kein regionales oder nationales Thema, sondern von übergeordneter Bedeutung, so Paganoni. Globaler als die Erderwärmung kann ein Problem kaum sein.

Fest steht: Die Ostschweizer Gletscher werden verschwinden. Die Frage ist nur wann. Huss und sein Team haben berechnet, dass der Pizolgletscher noch gut zehn Jahre durchhält – bis 2030, gleich lang wie der Sardonagletscher. Der Chligletscher soll es bis 2035 schaffen, der Glasergletscher bis 2040 und der Blau Schnee bis 2045. Diese Prognose gab Huss vor einem Jahr in dieser Zeitung. Sie basiert auf einem Berechnungsmodell. Heute sagt der Glaziologe: «Wenn die Sommer aber weiterhin so extrem heiss werden wie 2017 und vor allem 2018, werden die Gletscher noch deutlich schneller schmelzen.»

Weg zum Pizolgipfel wegen Steinschlags verlegt

Bereits in wenigen Jahren könnte der Pizolgletscher nur noch eine Erinnerung sein. Welche Auswirkungen wird das Verschwinden der Ostschweizer Gletscher haben? «Keine grossen», meint Huss. Sie seien bereits sehr klein. Häufig wird mit der Gletscherschmelze das Tauen des Permafrosts problematisiert. Dieser Dauerfrostboden ist ganzjährig gefroren; als Folge des Klimawandels schmilzt auch er. Die Folge sind Felsstürze, Murgänge und instabile Fundamente. Huss sagt:

«Am Säntis gibt es keinen Permafrost. Am Pizol und im Calfeisen gibt es Permafrost, aber nicht in grosser Ausdehnung.»

Der Rückzug der Gletscher verringere aber die Stütze von steilen Felsflanken, weshalb dort in den letzten Jahren vermehrt Steinschlag beobachtet worden und grössere Stücke abgebrochen seien. Der Weg auf den Pizolgipfel wurde deshalb vor ein paar Jahren verlegt. Er führt nun nicht mehr über den steinschlaggefährdeten Gletscher. Dass sich Wanderwege aufgrund der Gletscherschmelze verändern und Schutt und Geröll teilweise Gefahren verursachen, müsse man hinnehmen, sagt Christian Häberli, Präsident der Sektion St.Gallen im Schweizer Alpen Club.

Kleine Gletscher geschützt unter Schutt und Geröll

Huss nennt eine weitere Auswirkung der Schmelze: «Es ist natürlich schade, wenn man bei der Fünfseenwanderung den Pizolgletscher nicht mehr sieht.» 20000 Personen haben diese Wanderung vergangenes Jahr gemacht. Bei den Pizolbahnen und bei Heidiland Tourismus bedauert man das Verschwinden des Gletschers, nimmt es aber gelassen. Die Touristen kämen nicht nur wegen des Gletschers. Und man ist sich sicher: Sie werden auch kommen, wenn dieser einmal nicht mehr ist. Allzu gross wird der Unterschied dann tatsächlich nicht sein: Bereits heute ist vom Pizolgletscher vor allem Schutt und Geröll zu sehen; gemäss Huss der Vorteil kleiner Gletscher: «Sie können sich in Mulden zurückziehen.» Das Eis wird von Geröll und Felsbrocken bedeckt und dadurch geschützt – keine langfristige Rettung, aber ein Versteck bis zum nächsten Sommer.

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