Das grosse Schlottern

Die Eiseskälte hat die Ostschweiz fest im Griff. Besonders hart im Nehmen müssen Menschen sein, die draussen arbeiten. Eine Geschichte über den Graus, aus dem Bett zu steigen, Punsch und Thermo-Unterwäsche.

Daniel Walt
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Auch in der klirrenden Kälte verteilt Cornelia Künzle die Post in Wittenbach – seit bald 15 Jahren. (Bild: Hanspeter Schiess)

Auch in der klirrenden Kälte verteilt Cornelia Künzle die Post in Wittenbach – seit bald 15 Jahren. (Bild: Hanspeter Schiess)

Cornelia Künzle ist Briefträgerin aus Leidenschaft – schon seit bald 15 Jahren. Manchmal aber graust es sie, am Morgen aus dem warmen Bett zu kriechen. «Warum mache ich diesen Job?», schiesst es ihr durch den Kopf, wenn sie schon beim Aufstehen sieht, dass es draussen schneit. Oder wenn sie beim ersten Schritt vor die Tür die klirrende Kälte an der Nasenspitze spürt.

«Es härtet ab»

Warme Socken und Thermounterwäsche gehören für Cornelia Künzle dazu, wenn sie nach einem heissen Kaffee um 6 Uhr ihre Tour durch Wittenbach beginnt. «Ich ziehe mich nach dem Zwiebelsystem an – in mehreren Schichten», erklärt die 30-Jährige. Wenn sie mit dem Töffli unterwegs ist, kann es passieren, dass sie vor lauter Schnee nicht durchkommt oder absteigen muss, wenn alles vereist ist. In solchen Momenten träumt sie manchmal von südlichen Ländern, von schönen Stränden – «von Thailand etwa, wo meine Kollegin es im Moment vermutlich 30 Grad wärmer hat», sagt Künzle. Umso dankbarer ist sie für den heissen Punsch, den sie gegen 11 Uhr erhält, wenn sie die zweite Ladung Post zum Verteilen fasst. Ungeachtet der aktuellen Kälte überwiegen für Cornelia Künzle aber klar die Sonnenseiten ihres Berufes: «Man bleibt fit und wird nie krank – das Arbeiten draussen härtet ab.»

Minus zehn Grad auf dem Säntis

Auch Michael Wehrli, technischer Leiter der Säntis-Schwebebahn, hat in den letzten Wochen viel Zeit draussen verbracht. Der Grund: Die Bahn wurde revidiert. «Ich musste feststellen, dass ich mittlerweile schneller friere als früher», lacht er. Wehrli trug zuletzt neben einem warmen Pullover lange Unterhosen beziehungsweise Thermounterwäsche. Der Säntis-Schwebebahn selbst bereiten die eisigen Temperaturen – gestern um 8 Uhr war es auf dem Gipfel minus 10 Grad kalt – keine Probleme. «Schwierig wird es höchstens, wenn der Wind den Schnee dahin weht, wo wir ihn nicht haben wollen», sagt Wehrli. So sei es diesen Winter erstmals vorgekommen, dass die Abgasrohre der Notstromaggregate auf dem Säntis gleich mehrfach mit Schnee verstopft gewesen seien.

«Dann nützt Salzen nichts»

Auch an den Mitarbeitern der Appenzeller Bahnen gehen die eisigen Temperaturen und der Schnee nicht ganz spurlos vorbei. «Wir haben im Winter einen Pikettdienst, der regelmässig kontrolliert, ob die Heizung der Weichen funktioniert», sagt Sabrina Huber, stellvertretende Mediensprecherin. Zudem muss der Schnee von der Strecke geräumt werden. Und ab einer Temperatur von minus 15 Grad müssen Mitarbeiter die Rillen bei Bahnübergängen sowie die Perrons von Hand vom Eis befreien – «dann nützt Salzen nämlich nichts mehr», sagt Huber.

Viel Lob für die Patrouilleure

Schnee und eisige Kälte bedeuten für die Patrouilleure des TCS viel Arbeit. Das ist laut Sandro Hasenfratz, Bereichsleiter Ostschweiz, auch jetzt nicht anders. «Die erste grosse Kältewelle hatten wir zwischen Weihnachten und Neujahr. Damals gab es vor allem Probleme mit Batterien.» Mit der Zeit seien jeweils fast alle faulen Batterien ersetzt – dafür gebe es bei anhaltender Kälte etwa Probleme mit angefrorenen Bremsen oder vereisten Schlössern. Hasenfratz weiss es derzeit speziell zu schätzen, dass er, anders als früher, den Grossteil seiner Arbeitszeit im geheizten Büro verbringen kann. «Trotzdem bleibt der Beruf des Patrouilleurs einer der schönsten überhaupt», sagt er. Er begründet dies mit dem positiven Image, das dieser Berufsstand in der Bevölkerung habe: «Eine solche Dankbarkeit wie nach einem erfolgreichen Reparatureinsatz erlebt man im Büro nicht.»

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