Das Gelernte zu Hause anwenden

Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi bietet Erwachsenen aus verschiedenen Ländern eine Ausbildung in Interkulturalität und Bildung an. Damit werden sie zu Wissensmultiplikatoren in den internationalen Programmen des Kinderdorfs.

Manuela Reimann Graf
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Haika aus Tansania ist neun Monate von zu Hause weg, um für ihre Heimat zu lernen. (Bild: Manuela Reimann Graf)

Haika aus Tansania ist neun Monate von zu Hause weg, um für ihre Heimat zu lernen. (Bild: Manuela Reimann Graf)

TROGEN. «Wir emPower-Studenten wohnen alle im gleichen Haus, sind sozusagen Tag und Nacht zusammen. Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, haben verschiedene Religionen und Sprachen. Das machte das Zusammenleben besonders am Anfang nicht leicht», sagt Haika aus Tansania, eine der Teilnehmenden am Programm emPower. «Ich musste lernen, das mir fremde Verhalten von Mitstudenten zu akzeptieren. Dabei staunte ich, wie unterschiedlich Wertvorstellungen sein können.»

Im täglichen Zusammenleben mit den Mitstudierenden aus acht Ländern lernen die jungen Erwachsenen an sich selbst, was sie schliesslich später zu Hause weitergeben. «Gerade darum geht es doch bei unserer Ausbildung», sagt Ilir aus Mazedonien, «dass wir lernen, mit Ängsten und Vorurteilen umzugehen und Strategien zu entwickeln, wie man daraus entstehende Konflikte vermeiden kann.»

Theorie und Praxis

Im Kinderdorf Pestalozzi absolvieren derzeit 14 junge Erwachsene die neunmonatige Ausbildung mit dem Namen emPower. In diesem Programm bietet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi seit 2006 jungen Erwachsenen die Gelegenheit, sich in Interkulturalität, Bildung und Entwicklungszusammenarbeit weiterzubilden. Alle Studierenden stammen aus Ländern, in welchen das Kinderdorf in Entwicklungsprogrammen engagiert ist.

Der praktische Teil umfasst zwei Kurzpraktika. Eines davon findet in der Stiftung intern bei den interkulturellen Austauschprojekten statt, wo auch Begegnungen mit Schweizer Schulklassen stattfinden. Im letzten Modul, das im Heimatland stattfindet und wo konkret mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird, findet eine erste Umsetzung vor Ort statt. Ein Diplom krönt diese Ausbildung, die unter dem Patronat der Schweizerischen Unesco-Kommission steht.

Ein zentrales Ziel von emPower besteht vor allem auch im Wissenstransfer in die Programmländer. «Wir studieren hier ja nicht nur für uns, sondern werden das Gelernte zu Hause in den Projekten weitergeben und anwenden», sagt Naw aus Burma. In ihrer Heimat unterstützt die Stiftung die Ausbildung junger Lehrerinnen und Lehrer in den entlegenen Dörfern entlang der Grenze zu Thailand.

30 Jahre vor Ort

Burma ist nur eines von elf Programmländern, in dem die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi heute tätig ist. «Es wurde in den 1970er-Jahren deutlich, dass wir mehr erreichen, wenn wir vor Ort arbeiten», sagt Beatrice Schulter, die Leiterin der internationalen Programme der Stiftung. «Zudem kehrten damals die in den vergangenen Jahren im Kinderdorf aufgenommenen Kinder aus aussereuropäischen Ländern immer seltener zurück in ihr Ursprungsland – zu fremd war ihnen dieses nach einer Kindheit in der Schweiz geworden.» Also beschloss die Stiftung, sich neu auch direkt in den Ländern zu engagieren – seit 2002 stets mit dem Schwerpunkt Kinderrechte und Bildung.

Mit dem Programm emPower bildet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi nun bereits seit sechs Jahren Multiplikatoren aus, die ihr neues Wissen in Kinderrechten, Projektmanagement und Entwicklungszusammenarbeit in ihrer Organisation weitergeben und deren Know-how damit erweitern. Dies ist denn auch ein wesentliches Ziel der Entwicklungsprogramme, wie Beatrice Schulter betont: «In unseren Programmen möchten wir unsere Partner ermächtigen, damit sie selbständig Projekte weiterentwickeln, professionalisieren und nachhaltig gestalten.»

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