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Das Geburtshaus St.Gallen wird überrannt - Geburt des 100. Kindes steht kurz bevor

Das St.Galler Geburtshaus ist deutlich gefragter als erwartet. Mehr als doppelt so viele Babys wie geplant kommen dort zur Welt. Zuwachs gibt es deshalb nicht nur bei den Schwangeren.
Katharina Brenner
Im Wochenbett leben die Familien in einer Art Wohngemeinschaft zusammen. (Bild: Ralph Ribi)

Im Wochenbett leben die Familien in einer Art Wohngemeinschaft zusammen. (Bild: Ralph Ribi)

Sam, 30. Juli, 3720 Gramm, 54 Zentimeter. Das Geburtskärtli zeigt Sam eingewickelt in eine Decke und mit geschlossenen Augen. Ein kleines Bündel neuen Lebens. Daneben die Karten von Damian, Aliyah und Emilie. Fotos von kahlen Köpfen und solchen mit Flaum, Minizehen und stolzen Eltern überlappen einander im Eingangsbereich des Geburtshauses St. Gallen. 95 Kinder sind in dem halben Jahr seit der Eröffnung zur Welt gekommen – mehr als die Gründerinnen im gesamten ersten Jahr erwartet hatten. Bis im Frühjahr 2020 waren sie von 80 Geburten ausgegangen. «Wir sind ein bisschen überrannt worden», sagt Sabine Kurz. Sie ist eine der vier Hebammen aus dem Appenzellerland, die das Geburtshaus gegründet haben. «Dieser Riesenandrang zeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben. Wir decken ein grosses Bedürfnis der Frauen ab.»

Sabine Kurz, Hebamme und Gründerin Geburtshaus St.Gallen (Urs Bucher)

Sabine Kurz, Hebamme und Gründerin Geburtshaus St.Gallen (Urs Bucher)

Seit das Artemis in Steinach 2011 seine Türen aus betriebswirtschaftlichen Gründen geschlossen hatte, gab es in der Ostschweiz kein Geburtshaus mehr mit stationärem Angebot. Viele Ostschweizerinnen nahmen deshalb weite Wege auf sich und wichen auf Bäretswil im Zürcher Oberland aus. Dass die Frauen auch das Wochenbett im Geburtshaus St.Gallen verbringen können, war den Gründerinnen von Anfang an wichtig. Sie wollten darum unbedingt auf die Spitalliste – was ihnen gelungen ist. Die Krankenkasse deckt nun sämtliche Kosten ab, auch das Wochenbett von drei Tagen und drei Nächten. Väter können diese Zeit ebenfalls im Geburtshaus verbringen. Sie zahlen 100 Franken pro Nacht – Frühstück inklusive, zubereitet von den Hebammen. Mittag- und Abendessen beziehen die Hebammen vom gegenüberliegenden Altersheim. Hier im Osten der Stadt St.Gallen sind sich Anfang und Ende des Lebens ganz nah.

Frauen aus Graubünden kommen nach St.Gallen

Nach der Geburt gehen die Familien ein Stockwerk höher ins Wochenbett. In der Wohnung für Wöchnerinnen sitzt ein Elternpaar am Frühstückstisch. Die Mutter trinkt Orangensaft, auf ihrem Teller liegt ein Vollkornsemmeli, auf ihrem Arm das Baby. Als Besucher fühlt man sich wie ein Eindringling in einer Privatwohnung. Stube und Küche teilen sich die Familien, maximal fünf gleichzeitig, jede hat ein eigenes Schlafzimmer. Neben St.Gallerinnen sind laut Kurz viele Frauen aus dem Thurgau und Ausserrhoden darunter, teils sogar aus Graubünden. Das Alter sei gemischt, von ganz Jungen bis zu über 40-Jährigen.

Im Wochenbett hat jede Familie ihr eigenes Schlafzimmer. (Bild: Ralph Ribi)

Im Wochenbett hat jede Familie ihr eigenes Schlafzimmer. (Bild: Ralph Ribi)

Eine der ersten Gebärenden im neuen Geburtshaus war eine 44-Jährige aus der Stadt St. Gallen. Sie will lieber anonym bleiben, spricht aber gerne über ihre Erfahrungen. Es war ihre erste Geburt. Elio kam am 14. April zur Welt, zwei Wochen zuvor hatte das Geburtshaus eröffnet. Hatte sie Bedenken, ohne die Erfahrung anderer Mütter dort zu gebären?

«Für mich wäre das Spital ein unsicherer Ort gewesen.»

Die Frau mag Spitäler nicht, «allein schon wegen des Geruchs». Sie sei sehr stark alternativ orientiert, ein Geburtshaus passe viel besser zu ihrer Lebensphilosophie. Hebammen wüssten alles, was es für eine Geburt brauche. Geburten seien Frauensache, Ärzte brauche es nicht. Auch im Wochenbett habe sie sich sehr wohl gefühlt, ihr Mann sei die ganzen drei Tage dabei gewesen.

Beni Dierauer hat nach der Geburt seiner Tochter Julia am 24. September ebenfalls im Geburtshaus übernachtet. «Für mich als Mann war das Geburtshaus der perfekte Ort für die Geburt unserer Tochter. Von der Aufnahme, über die Geburt bis zum Wochenbett, wurde ich mit einbezogen.» Seine Frau Sandra Dierauer sagt: «Es war eine wunderbare Atmosphäre, die für mich auch für die Erholung nach der Geburt wichtig war.» Julia ist ihr zweites Kind. Noah, 2, kam im Spital zur Welt. Sie möchte das Spital nicht schlecht machen, aber sie habe bei der ersten Geburt keine besonders gute Erfahrung gemacht. Zum Beispiel habe sie gleich nach der Ankunft den Zugang für eine Infusion gelegt bekommen, Routine bei Geburten. Der rein natürliche Ansatz im Geburtshaus, ohne Medikamente, gefalle ihr besser. «Weil die Betreuung so fürsorglich und eng war, habe ich mich sogar sicherer gefühlt als im Spital. Und im Notfall wäre es in der Nähe gewesen.»

Hebammen und Spital betonen gute Zusammenarbeit

Die Nähe zum Kantonsspital war während der Planung zentral. Sabine Kurz betont die gute Zusammenarbeit. 20 Frauen seien bisher während der Geburt ins Spital verlegt worden, einmal sei dafür die Ambulanz nötig gewesen. Manchmal seien Hilfestellungen notwendig, um spontan gebären zu können, so Kurz. Auch Spitalsprecher Philipp Lutz betont die gute Zusammenarbeit. Man nehme sie als «sehr angenehm und positiv» wahr. Die Verlegungen seien jeweils zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.

An diesem Morgen Anfang Woche ist keine Schwangere im Gebärzimmer. Sabine Kurz zeigt auf die grosse Wanne: Über die Hälfte der Frauen gebäre im Wasser. Die anderen im Bett oder auf dem u-förmigen Maya-Hocker, im Stehen oder auf allen Vieren. Auf Medikamente verzichten die Hebammen. Sie setzen stattdessen auf alternative Methoden wie Tee zur Wehenanregung. Während der Schwangerschaften bieten sie Kontrollen und Kurse an. Hypno­birthing, eine Art Selbsthypnose, sei besonders beliebt.

Über die Hälfte der Frauen gebärt im Wasser. (Bild: Ralph Ribi)

Über die Hälfte der Frauen gebärt im Wasser. (Bild: Ralph Ribi)

Drei Schichten à neun Stunden

Wegen der grossen Nachfrage stocken die Hebammen bald auf. Jetzt sind sie zu zwölft, im Dezember und Januar fängt je eine weitere Hebamme an. Sie arbeiten in drei Schichten à neun Stunden. Am Tag und in der Nacht gibt es je einen Pikettdienst, da bei einer Geburt zwei Hebammen dabei sind. «Wir wollten die gleichen Arbeitsbedingungen wie im Spital schaffen, damit wir auch für junge Hebammen ein attraktiver Arbeitgeber sind», sagt Kurz.

Voraussetzung für die Anmeldung im Geburtshaus ist der Besuch des Infoabends. Obligatorisch ist auch der Ultraschall beim Gynäkologen zwischen der 22. und 24. Schwangerschaftswoche. «Bei diesem Termin werden die Organe untersucht. Hat ein Kind beispielsweise einen Herzfehler, ist es im Spital besser aufgehoben als bei uns.»

Geburtskärtli im Eingangsbereich des Geburtshauses St.Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Geburtskärtli im Eingangsbereich des Geburtshauses St.Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Wie es um die Finanzierung steht, können die Hebammen erst im Frühjahr sagen. Sie sei so weit gesichert, sagt Kurz. Über ein Crowdfunding hatten die Hebammen rund 115000 Franken gesammelt, hinzu kamen private Darlehen sowie «eine Sicherheit bei der Bank». Die Darlehen seien in fünf bis sieben Jahren zurückzuzahlen. Die Reserven bei der Bank hätten sie zum Glück noch nicht angreifen müssen.
Am Wochenende oder Anfang nächste Woche wird im Geburtshaus St.Gallen das 100. Kind zur Welt kommen. Welcher Name wohl auf seinem Geburtskärtli stehen wird?

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