Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

20 Jahre nach dem St.Galler Lehrermord sagt die Witwe: «Ich will das Erlebte nicht wegschweigen»

Die Ehefrau des Getöteten, Janine Spirig, meldete sich erstmals vor 13 Jahren zu Wort – mit einem Buch. Nun folgen zwei weitere Bände.
Regula Weik
Janine Spirig auf einem Morgenspaziergang mit ihrem Hund. (Bild: Ralph Ribi, 19.Dezember 2018)

Janine Spirig auf einem Morgenspaziergang mit ihrem Hund. (Bild: Ralph Ribi, 19.Dezember 2018)

Paul schenke ihr täglich eine Blüte. Unsichtbar. Himmlisch. Inspiration. Trost. Zuversicht. Erinnerung. Das seit zwanzig Jahren. Sie ist Mutter von drei Kindern und seit 1999 verwitwet. Damals, im Januar, ist ihr Mann verstorben. Kein gewöhnlicher Tod. Ein Verbrechen. Paul Spirig wurde erschossen, vom Vater einer Schülerin. Der Lehrermord erschütterte St. Gallen. Wie sehr, habe sie erst viel später realisiert, sagt Janine Spirig, die Ehefrau des Getöteten.

Sie hat die Öffentlichkeit gemieden. Über Jahre. Und mit Erfolg. Dann brach sie ihr Schweigen. Mit einem Buch. Dreizehn Jahre nach dem Verbrechen an ihrem Mann. Sie hätte «Asche und Blüten» vermutlich nie veröffentlicht, wenn die öffentliche Diskussion über den «St. Galler Lehrermord» eher zur Ruhe gekommen wäre, wird sie später sagen. Es sei viel dazu und darüber geschrieben worden. Die Geschichte sei hin- und hergezerrt worden, auch als sie längst vorbei war. Es sei geredet, gemutmasst, geurteilt, gerechtfertigt, getrauert worden. Es war ihre Geschichte. Sie schwieg dazu. Sie ging ihren Weg – dachte nach, reflektierte, analysierte und notierte. Und trat dann mit ihrem Buch an die Öffentlichkeit.

Es solle helfen, «das Dahinter zu verstehen», sagte Janine Spirig damals im Gespräch mit unserer Zeitung.

«Wir wurden zu etwas gemacht, das wir nicht waren.»

Es sei über ihre Gedanken gerätselt, gesprochen, geschrieben, ihr Verhalten hinterfragt, analysiert, interpretiert worden – «das waren nicht wir, das waren nicht unsere Gedanken, nicht unsere Gefühle».

Ein Begleiter durch das Jahr

Seither sind weitere Jahre ins Land gezogen. Janine Spirig hat weiter geschrieben, hingeschaut und hingehört, was das Erlebte mit ihr, ihrer Familie, ihrem Umfeld gemacht hat und weiter macht. «Es gehört zu meinem Leben», sagt sie beim erneuten Treffen. «Ich will es nicht wegschweigen.» Und dann: «Die Herausforderung war, das Helle im Dunkeln zu bewahren. Das war viel Arbeit, viel innere Arbeit. Sie ist unsichtbar, deswegen aber nicht weniger wirksam.»

Das Leben sei mit dem Verstand allein nicht immer fassbar und verstehbar. Sie habe versucht, mit dem Schicksal, dem Trauma zu leben. Die Gefühle und Gedanken seien immer da – «doch wir können das Innere mitgestalten, und wenn wir uns im Aussen verlieren, müssen wir uns im Innern wieder sammeln», sagt Janine Spirig. Innen und aussen sind für die 49-Jährige keine Gegensätze, «sie bedingen sich gegenseitig».

Janine Spirig hat viel nachgedacht über das Innere und das Äussere, und sie hat weiter geschrieben. Im Herbst erschien «Baptiste, Hüter der Zwischenräume»; die heitere Geschichte eines Hundes, der auf die kleinen Wunder des Lebens aufmerksam macht. In diesen Tagen folgt «Blüten der Unendlichkeit»; ein Begleiter durch das Jahr mit einem kurzen Text für jeden Tag. Die Buchtaufe findet morgen Freitag statt.

Durch die eigene Geschichte habe sie ein «Sensorium für das Innere und Stille» einwickelt.

«Ein solches Schicksal birgt immer auch die Chance, sich selber und das Leben besser kennen zu lernen. Man fällt in eine andere Welt, sieht das Leben mit anderen Augen.»

Noch Jahre nach der Tat habe manchmal ein Wort, eine Bemerkung, eine Situation «die Trauma-Lawine» in ihr wieder ins Rollen gebracht. Doch heute wisse sie: «Ich bin nicht machtlos. Ich kann das Leben mitgestalten, mal glückt es, mal nicht.» Darüber hinaus empfindet sie grosse Dankbarkeit gegenüber ihrer Familie, ihren Freunden, ihrem Umfeld – «ich war nicht allein, ich wurde getragen, gehalten, gestützt, begleitet».

Das Schreiben half ihr, hinzuhören

Auf die Frage, ob das Schreiben ihre Art der Verarbeitung sei, zögert sie. Das Schreiben habe ihr geholfen, hinzuhören, einzuordnen und zu klären. Sie spricht von einer Trilogie. «Blüten der Unendlichkeit» sei deren Abschluss, nicht aber das Ende ihrer Schreibtätigkeit. Sie will weiterhin Kurzgeschichten verfassen oder auch Biografien. Künftig will sie sich dafür «Schreibferien» nehmen, bislang war ihre Schreibarbeit vor allem Nachtarbeit.

Heute lebt Janine Spirig ausserhalb der Stadt St. Gallen. Die drei Kinder – beim Tod ihres Mannes war sie mit dem dritten schwanger – sind erwachsen und ausgezogen. «Auch sie sind Blüten», sagt sie.

Vernissage unter dem Titel «Asche, Baptiste, Blüten»: Freitag, 1. Februar, 19 Uhr, Offene Kirche, Böcklinstrasse 2, St. Gallen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.