Das Ende eines bunten Lebens

Herbert Hoffmann, mit 90 der «älteste Tätowierer Europas», ist tot. Der Tätowier-Pionier mit Kultstatus starb am 30. Juni an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Herbert Hoffmann, mit 90 der «älteste Tätowierer Europas», ist tot. Der Tätowier-Pionier mit Kultstatus starb am 30. Juni an den Folgen eines Schlaganfalls.

Seine Haut erzählte Geschichten. Er selbst war auch ein grosser Geschichtenerzähler. Der Mann mit den roten Backen und dem langen weissen Bart sprach oft über seine Kindheit in Deutschland, den Zweiten Weltkrieg, die Kriegsgefangenschaft – und vor allem über das Leben als Tätowierer und Tätowierter.

Mehr als 1000 Schutzengel

Hoffmann kam am 30. Dezember 1919 zur Welt und wuchs in Berlin-Charlottenburg auf. Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann wurde er erst in den Reichsarbeitsdienst, dann in den Wehrdienst eingezogen und musste schliesslich nach Russland. Er habe wohl «1000 Schutzengel und mehr» gehabt, dass er das «kriegerische Massenmorden» überlebt habe, schrieb Hoffmann in seinem Lebenslauf.

Nach der Kapitulation Deutschlands geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und verbrachte vier Jahre im Gefangenenlager. Schon damals war er von Tätowierungen fasziniert. Besonders angetan war er von Kreuz, Herz und Anker, den Symbolen für Glaube, Liebe und Hoffnung, die ein Wächter und ehemaliger Matrose trug. Hoffmann flehte den Mann an, ihn zu tätowieren, «doch waren weder Tusche noch Nadeln aufzutreiben».

Der Hoffmann'sche Anker

Kurz nach seiner Rückkehr 1949 liess sich Hoffmann ebendieses Motiv stechen – unzählige weitere sollten folgen. Hoffmann sog begierig alles in sich auf, was mit Tätowierungen zusammenhing. Er sprach Tätowierte an, fotografierte sie, schrieb ihre Lebensgeschichten auf und setzte schliesslich selber die Nadel an. 1961 eröffnete er in Hamburg eines der ersten Tattoo-Studios in Deutschland, der schwarze Anker wurde zu seinem Markenzeichen.

1981 übergab Hoffmann seinem Neffen das Studio und zog mit seinem langjährigen Lebenspartner in ein Häuschen bei Heiden. Von einem Leben im Ruhestand aber wollte Hoffmann nichts wissen. Er tätowierte Freunde und Bekannte, war Gast an Tattoo-Conventions in ganz Europa. Er wusste sich auch geschickt zu vermarkten. Sein Leben wurde in «Flammend' Herz» verfilmt, 2002 entstand der Bildband «Bilderbuchmenschen» mit Hoffmanns Schwarzweissfotos tätowierter Menschen. Er trat in Fernsehtalks auf und zeigte immer mit Stolz seine Haut.

Gegen alle Konventionen

«Er war viel mehr als das tätowierte alte Väterchen: Er war ein Vorreiter», sagt Ralf Hungerbühler, Tätowierer im St. Galler Studio «skin deep art». Hoffmann habe seine Faszination für Tätowierungen in einer Zeit ausgelebt, in der die Hautbilder in der Gesellschaft verpönt waren. «Er ist immer seinen Weg gegangen, hat sich nie beirren lassen.» Wie schwer dieser Weg in den Nachkriegsjahren gewesen sein muss, darüber sprach Hoffmann kaum. Für ihn war das Tätowiertsein eine Lebenseinstellung.

«Immer mit Tätowierungen leben zu wollen, setzt Entschlusskraft und Beständigkeit voraus», schrieb Hoffmann. «Ich habe diese Eigenschaften; ich stehe zu meinem Wort und meiner Tat.» Sarah Gerteis