Das Ende einer Beziehung

Eigentlich kennen sich die Parteien – nennen wir sie Leon und Lena – ziemlich gut. Immerhin haben sie fast anderthalb Jahre lang zusammengelebt.

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Rolf Vetterli (Bild: pd)

Rolf Vetterli (Bild: pd)

Eigentlich kennen sich die Parteien – nennen wir sie Leon und Lena – ziemlich gut. Immerhin haben sie fast anderthalb Jahre lang zusammengelebt. Nun treffen sie sich – vermutlich zum letzten Mal – im Kreisgericht Toggenburg, werden begleitet von ihren Rechtsanwälten, sitzen möglichst weit auseinander und reden sich per Sie an. Weil die Kündigung der Liebe nicht eingeklagt werden kann, macht Lena ersatzweise eine Forderung über exakt 3360 Franken geltend. So wird aus dem Beziehungskonflikt ein Rechtsstreit. Leon lehnt das Begehren rundweg ab, und damit gerät Lena in Beweisnot. Ein Konkubinat ist ja ein ungeregelter Zustand, eben eine «wilde Ehe» und juristisch betrachtet bestenfalls eine einfache Gesellschaft. Man hätte halt einen Gemeinschaftsvertrag schliessen sollen. Aber wer will schon am Anfang einer Partnerschaft das Ende bedenken?

Pattsituation

Nun müsste Lena zeigen, dass sie Leon ein Darlehen gab. Die schriftliche Bestätigung einer Bekannten, die eine solche Absprache gehört haben will, ist jedoch zum Beweis untauglich. Die Bankauszüge belegen nur, dass bestimmte Beträge abgehoben wurden, und nicht, wofür sie verwendet wurden. Da steht Aussage gegen Aussage: Nach ihren Behauptungen ging es um einen Beitrag an einen vom Mann gekauften Occasionswagen und um eine Kaution für das von ihm gemietete Chalet, nach seinen Angaben bloss um eine gelegentliche Beteiligung an den Haushaltskosten. Lenas Anwalt verlangt in letzter Verzweiflung, die Parteien unter Strafandrohung zu befragen. Eine solche Beweisaussage könnte jedoch an der Pattsituation gewiss nichts mehr ändern. Sie hätte nur zur Folge, dass die eine oder andere Seite sich strafbar machen würde.

Klage abgewiesen

Leons Anwalt räumt schliesslich ein, dass Lena ihr uraltes Auto beim Kauf eines neueren in Zahlung gegeben habe, und gesteht ihr dafür eine bescheidene Ent-schädigung von 300 Franken zu. Im übrigen lehnen beide Parteien einen Vergleichsvorschlag des Einzelrichters entschieden ab, und der mag nicht weiter um einen billigen Kompromiss feilschen.

So kommt es zwangsläufig zum Urteil: Die Klage wird abgewiesen, soweit sie nicht anerkannt worden ist. Die Klägerin trägt die gesamten Prozesskosten von rund 4000 Franken. Weil sie zurzeit von der Sozialhilfe lebt, somit als «be-dürftig» gilt, und weil ihre Sache nicht als völlig aussichtslos er-schien, wird ihr die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt. Das mag grosszügig wirken, ist aber durch-aus nicht so gemeint. Der Staat macht keine Geschenke. Er schiesst die Kosten nur vor und fordert sie zurück, sobald sich die finanzielle Lage der mittellosen Person verbessert hat.

Verlust verdoppelt

Lena wird nun wohl einsehen, dass es sich nicht lohnt, aus tiefer Empörung, aber mit eher dürftigen Beweisen um eine verhältnismässig geringe Summe zu streiten. Sie hat mit der Klage ihre Enttäuschung noch vergrössert und ihren Verlust verdoppelt. Leon wird vielleicht triumphieren – allerdings nur so lange, bis er merkt, dass er das Honorar seines Anwalts vorerst selber bezahlen muss. Rolf Vetterli

Literatur: Karin von Flüe, Zusammen leben, zusammen wohnen – Was Paare ohne Trauschein wissen müssen, Zürich (Verlag Beobachter) 2010