«Das Drama ist präsent»

Lawinenunglücke kommen im Alpstein relativ selten vor. Dennoch geraten auch rund um den Säntis immer wieder Menschen in Bergnot. Zu ihrer Bergung rückt die Rettungskolonne Appenzell aus.

Urs-Peter Zwingli
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Retter mit Herzblut: Mitglieder der Rettungskolonne Appenzell im Einsatz. (Bild: zVg)

Retter mit Herzblut: Mitglieder der Rettungskolonne Appenzell im Einsatz. (Bild: zVg)

appenzell. «Als ich vom Lawinenunglück im Diemtigtal hörte, lief es mir kalt den Rücken hinunter», sagt Benjamin Huber. Er ist Kommandant, genannt «Obmann», der Rettungskolonne Appenzell, die im Innerrhoder Teil des Alpsteins Menschen aus Bergnot rettet. Das Lawinendrama im Berner Oberland, welches am Wochenende sieben Todesopfer, darunter ein Rega-Arzt, forderte, ist laut Huber «das Schlimmste überhaupt, was Rettungskräften passieren kann».

Obmann Huber weiss aber auch, wie am Berg Entscheide gefällt werden müssen: «Kommt man am Unglücksort an, bleibt einem nur kurze Zeit zum Einschätzen der Lage.» Viele Einsätze gibt es für die 35 Männer der Rettungskolonne Appenzell im Winter aber nicht – «Hochsaison haben wir im Sommer», sagt Huber. Dann tummeln sich an einem Wochenende bei gutem Wetter bis zu 30 000 Menschen im Alpstein.

Kein Skitourengebiet

Das liegt vor allem daran, dass der Alpstein mit seinen steilen Hängen kein ideales Skitouren-gebiet ist. «Im Alpstein muss man auf fast jeder Tour Hänge kreuzen, die eine Neigung von 30 Grad überschreiten», sagt Martin Graf, stellvertretender Obmann. «Ab einer solchen Hangneigung ist die Lawinengefahr schon bei leicht ungünstigen Verhältnissen zu hoch», sagt Graf.

So sind denn auch die Wintereinsätze der Rettungskolonne meist Evakuationen von Berggängern, die erschöpft sind oder an unzugänglichen Stellen festsitzen. Kommt es aber doch einmal zu Lawineneinsätzen mit Verdacht auf Verschüttete, werden laut Graf so viele Männer wie möglich zugezogen. «Weil es dann um jede Minute geht, bieten wir das volle Programm auf.» Dazu gehört auch mindestens einer der zwei Lawinenhunde, über die die Rettungskolonne verfügt.

Sollte er in nächster Zeit ausrücken müssen, sagt Graf, werde das Drama vom Diemtigtal sicher «präsent» sein. «Auch als ich vom Unglück erfuhr, galt mein erster Gedanke den Kollegen am Berg.»

30 Einsätze pro Jahr

Kameradschaft ist ein prägendes Element in der Rettungskolonne: «Die gemeinsamen Einsätze geben unserer Gruppe einen speziellen Kitt», sagt Huber.

Wenn seine Männer zu einem ihrer durchschnittlich 30 Einsätze pro Jahr ausrücken, «vertraut man einander und arbeitet auf ein gemeinsames Ziel hin». Geeint sind die 35 Bergretter laut Huber durch ihren Willen, «Menschen aus Not zu retten». Ein Wille, der einiges an Idealismus verlangt: Bezahlt werden den freiwilligen Rettern einzig die Einsätze. Die unzähligen Ausbildungs- und Übungsstunden werden unentgeltlich geleistet. Konkret treffen sich Teile der Rettungskolonne einmal pro Woche zum freiwilligen Training.

Hinzu kommen jährlich acht bis neun Hauptübungen, in denen die gesamte Kolonne ein Notfallszenario durchspielt.

«Es ist ein zeitintensives Hobby, das vom gesamten Umfeld der Retter viel Verständnis erfordert», sagt Obmann Huber. Trotzdem kann sich die Rettungskolonne nicht über mangelnden Nachwuchs beklagen: «Mit 35 Mann haben wir sogar schon die obere Grenze erreicht.

Schliesslich sollen alle Retter auch regelmässig zu ihren Einsätzen am Berg kommen und so in Form bleiben», sagt Huber.

Gemischte Truppe

So stark der Zusammenhalt, so bunt ist die Mischung in der Kolonne: Männer von 20 bis 55 Jahren aus den verschiedensten Berufsfeldern arbeiten zusammen.

Von Erlebnissen wie dem Drama im Diemtigtal blieb die Rettungskolonne Appenzell, die 2010 ihr 100jähriges Bestehen feiert, bisher verschont. «Tote gibt es zum Glück eher selten», sagt Huber.

Das bisher schwerste Lawinenunglück im Alpstein forderte 1994 vier Tote. Doch trotz verbesserter Ausrüstung und Kommunikationsmittel: «Am Berg kann immer etwas passieren», sagt Huber. schauplatz 6 zoom 14

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