Das bedrohte Kulturgut Jahrmarkt

ST.GALLEN. Ist das Riesenrad langweilig? Wird es in 50 Jahren noch einen Jahrmarkt in St.Gallen geben? Die Besucher sind zunehmend auf der Suche nach neuen Adrenalinkicks und stellen damit die Schausteller vor eine Herausforderung.

Jana Rutarux
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Abendstimmung am St.Galler Jahrmarkt: Die Fahrgeschäfte, darunter auch das traditionelle Riesenrad, erleuchten das Gelände. (Bild: Ralph Ribi)

Abendstimmung am St.Galler Jahrmarkt: Die Fahrgeschäfte, darunter auch das traditionelle Riesenrad, erleuchten das Gelände. (Bild: Ralph Ribi)

Das Riesenrad, der Autoscooter, das Kinderkarussell – das sind die Klassiker unter den Fahrgeschäften. Sie alle haben ihren Charme, doch neben neuartigen Riesenbahnen wie dem «Super Chaos» oder dem 80 Meter hohen «Swiss-Tower» sehen die Urgesteine der Chilbi-Bahnen ganz schön alt aus.

«Die Jungen brauchen den Adrenalinkick. Ganz egal, ob es sich um Bungee Jumping, Snowboarden oder Bahnenfahren auf dem Jahrmarkt handelt», sagt Alfred Leuzinger. Der Stadtpolizist ist verantwortlich für den Herbstjahrmarkt, auf dem sich dieses Jahr rund 25 Fahr- und Laufgeschäfte befinden.

Olma 2014 (Bild: Coralie Wenger)
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Olma 2014 (Bild: Coralie Wenger)
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Bild: Ralph Ribi
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Olma 2014 (Bild: Coralie Wenger)

10 Franken für 2 Sekunden Fall

«Für mehr Adrenalin geben die Leute auch gerne mehr Geld aus», sagt Hanspeter Maier, Betreiber des «Swiss-Tower». Damit meint er nicht nur die Gäste, welche bei ihm für eine Einzelfahrt und zwei Sekunden freier Fall zehn Franken bezahlen. Auch er selber musste für die Anschaffung des «Swiss-Tower» tief in die Taschen greifen: Mehr als drei Millionen Franken ist der Turm wert. Das habe sich gelohnt, findet der gebürtige Frauenfelder: «Den Leuten gefällt die Bahn. Es muss immer wieder etwas Anderes und noch Verrückteres sein.»

Dass die Fahrgeschäfte immer grösser und höher werden, sei ein Phänomen der Zeit, sagt Fritz Müller, Betreiber des Chilbimuseums in Müllheim. Ein Grund sei die wachsenden Nachfrage an Nervenkitzel. Ein anderer, dass spektakuläre Bahnen mit grosser Wahrscheinlichkeit den Vorzug bei der Platzvergabe erhielten. Stadtpolizist Leuzinger, der am Auswahlverfahren beteiligt ist, stimmt dem zu: «Bei der Auswahl der Bahnen achten wir auf Neuheiten und Abwechslung. Auch die Platzverhältnisse sind massgebend. Früher waren Schiffschaukel und Autoscooter ein Adrenalinkick. Heute sind die Fahrgeschäfte halt verrückter.»

Handyrechnung hat Vorrang

Nicht nur der Zeitgeist, auch der Wohlstand beeinflusse den Jahrmarkt, sagt Müller. Die Leute seien heute vermögender und könnten sich viele Vergnügungen leisten. Es würden beispielsweise Reisen ins Ausland und in den Europapark unternommen. «Damit verliert der Jahrmarkt an Attraktivität», sagt Müller. Für Leuzinger spielen auch die höheren Fahrpreise eine Rolle. Diese ergäben sich aus den hohen Anschaffungspreisen von neuen Fahrgeschäften. Das hart ersparte Jahrmarktgeld von früher werde heute lieber anderweitig ausgegeben. «Die Handyrechnung kommt zuerst», sagt Leuzinger. Schausteller Maier sieht dies ähnlich: «Die jungen Männer sparen ihr Geld lieber für einen teuren BMW.»

Keine flatternden Röcke mehr

«Die Leute sind verwöhnt. Früher hat man sich mehr auf den Jahrmarkt gefreut. Es war etwas Spezielles», fügt Müller hinzu. Damals seien die Knaben noch bei den Bahnen gestanden, um den Mädchen unter die Röcke zu schauen, wenn diese auf der Schiffschaukel hochflatterten. «Dieser Reiz ist heute nicht mehr gegeben, wenn alle Frauen Jeans tragen», sagt Müller.

Zuversicht für nächste 100 Jahre

Wird der Jahrmarkt womöglich irgendwann aussterben? «Auf keinen Fall», sagt Maier. Auch Klassiker wie Riesenrad und Autoscooter werde es weiter geben. Gerade weil Familien auf eine schöne gemeinsame Zeit und nicht auf einen Adrenalinkick aus seien, brauche es die Urgesteine der Chilbi-Bahnen auch weiterhin. «Selbst in 100 Jahren wird es noch einen Jahrmarkt geben. In welcher Form, weiss ich jedoch nicht», sagt Maier.

Seiner Meinung nach könnten die Fahrgeschäfte aber nicht mehr viel grösser werden. Der «Swiss-Tower» sei diesbezüglich am oberen Limit, sagt der 59jährige Schausteller. Für 2016 hat Maier aber bereits wieder eine neue Idee. Er müsse den Leuten schliesslich immer wieder etwas Neues und Zeitgemässes bieten.