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Interview

Der Innerrhoder Landammann Daniel Fässler vor seiner letzten Landsgemeinde: «Wir sind viel offener, als viele noch immer meinen»

Daniel Fässler war elf Jahre Innerrhoder Landammann, jetzt will er in den Ständerat. Ein Gespräch über die Schicksalsschläge in seiner Familie, den Innerrhoder Charakter und das Verhältnis des Kantons zum Rest der Ostschweiz.
Andri Rostetter
«Als Landammann ist man exponiert, auch im positiven Sinn»: Daniel Fässler. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Als Landammann ist man exponiert, auch im positiven Sinn»: Daniel Fässler. (Bild: Hanspeter Schiess)

Am 28. April stehen Sie zum letzten Mal auf dem Landsgemeindestuhl. Sind Sie wehmütig?

Daniel Fässler: Ja und Nein. Ich war elf Jahre mit Leib und Seele Landammann. Dies hat mein Leben bestimmt. Alles andere lief in dieser Zeit nebenher: die Familie, das ganze Privatleben. So sehr ich das Amt geliebt habe, so sehr freue ich mich nun auch darauf, die Verantwortung abzugeben.

Als Landammann hatten Sie nicht nur Verantwortung, sondern auch Prestige und Einfluss.

Natürlich. Als Landammann ist man exponiert, auch im positiven Sinn. Man hat eine einmalige Position in diesem Staat. Das wird zu einem Lebensinhalt. Gibt man das auf, gibt man auch ein Stück Identität ab.

Sie sind erst mit 48 Jahren in die Politik eingestiegen. Bereuen Sie das?

Im Gegenteil, ich bin froh.

Warum?

Für eine Familie ist ein solches Amt eine Belastung. Auch deshalb war es für mich der richtige Zeitpunkt. Ich konnte meine Kinder geniessen. Vor 20 Jahren war ich wohl noch einer von wenigen Anwälten, die einen Tag pro Woche zu Hause sein und einen Teil der Familienarbeit übernehmen konnten.

Hat das mit Ihrer Familiengeschichte zu tun? Ihre Eltern sind früh gestorben.

Vielleicht. Ich hatte mir das jedenfalls zum Vorsatz gemacht: Solange die Kinder klein sind, will ich Zeit für sie haben.

Als Sie 18 Jahre alt waren, starb auch Ihr älterer Bruder bei einem Autounfall. Wie haben Sie diese Todesfälle geprägt?

Ich wuchs in einer Sägerei auf. Wenn in einem Gewerbebetrieb die Mutter stirbt und dann noch der älteste Sohn, dann wirft das die Strukturen der Familie komplett durcheinander. Als mein Bruder starb, war ich plötzlich der Älteste. Ich musste einen Teil der Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernehmen. Ein solches Schicksal härtet ab, vieles wird relativiert. Und es schweisst die Familie zusammen.

Wie hat das Ihre Politik geprägt?

Ich fordere auch von mir selber viel. Wenn ich zu einer Aufgabe ja sage, dann versuche ich, diese bestmöglich zu erfüllen. Hin und wieder muss ich mich selber daran erinnern, dass etwas Gelassenheit auch mir guttut.

Ist die Arbeit schwieriger geworden?

Komplexer. Innerrhoden hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren stark verändert.

Tatsächlich? Innerrhoden ist doch noch immer traditionell.

Das Bild von Innerrhoden ist stark von Klischees geprägt: traditionsbewusst, konservativ, skeptisch bis ablehnend gegenüber Neuem. Das mag in gewissen Bereichen seine Berechtigung haben.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Innerrhoden war über Jahrhunderte praktisch eingeschlossen von reformiertem Gebiet. Das führte wirtschaftlich und gesellschaftlich zu einer Isolation. Das Positive dabei: Innerrhoden konnte sich eine Identität bewahren. Gleichzeitig bremste es den Kanton massiv. Erst mit dem Rückgang der Bedeutung der Konfessionen konnte sich Innerrhoden öffnen. Das war wie eine Befreiung. Darum ist der Kanton heute an einem ganz anderen Ort als noch vor 30 Jahren.

Woran machen Sie die Entwicklung fest? Innerrhoden wächst kaum.

Landammann Daniel Fässler in der Ratskanzlei in Appenzell. (Bild: Hanspeter Schiess)

Landammann Daniel Fässler in der Ratskanzlei in Appenzell. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ja, wir haben im schweizerischen Vergleich ein tiefes Bevölkerungswachstum. Aber die Beschäftigung ist überdurchschnittlich gewachsen, bis zu drei Prozent pro Jahr. Das heisst, bis sieben Mal mehr als die Bevölkerung. Wir haben also immer mehr Zupendler. Das ist etwas völlig Neues. Dazu kommt, dass heute viele nach der Ausbildung zurückkommen. Beides bringt auch eine andere Kultur in den Kanton.

Der Kanton pflegt dennoch ein sehr traditionelles Image.

Das sehe ich nicht so. Wir lieben die Traditionen, sind aber viel offener und innovativer als viele noch immer meinen.

Die Innerrhoder stehen aber immer noch gern abseits. Nehmen wir die Expo-Debatte vor vier Jahren...

Das ist ein gutes Beispiel. Ich kann mich bestens an die Diskussion in der Ostschweizer Regierungskonferenz erinnern. Es gab damals Regierungen, die unsere Skepsis teilten und froh waren, dass wir Klartext geredet und Nein gesagt haben. Wir sind sehr nahe am Volk und spüren daher vermutlich rascher, ob eine Vorlage mehrheitsfähig ist.

Das ist Ihre Interpretation.

Überhaupt nicht. Der Innerrhoder ist nicht unsolidarisch. Der Kulturlastenausgleich, bei uns konkret die Mitfinanzierung von Stadttheater und Tonhalle in St. Gallen, ist in anderen Regionen hochkant gescheitert. Die Innerrhoder Landsgemeinde stimmte der Vereinbarung mit geschätzten 95 Prozent zu. Da rieben sich alle die Augen. Ausgerechnet die Innerrhoder!

Ein Einzelfall.

Keineswegs. Ein anderes Beispiel: Die Durchmesserlinie der Appenzeller Bahnen hat Innerrhoden auf den ersten Blick nicht viel gebracht. Es gibt auch künftig keinen Viertelstundentakt nach Appenzell. Klar, das Rollmaterial wird günstiger. Und das Projekt war Voraussetzung für eine künftige Fahrzeitverkürzung auf 30 Minuten. Aber hinter dem Ja der Landsgemeinde steckt auch Solidarität. Der Innerrhoder ist kein Trittbrettfahrer.

Wie ist das Verhältnis zu St. Gallen?

Gut. Der Innerrhoder hat eine positive Haltung zu den Nachbarn, auch zur Stadt St. Gallen. Diese ist auch unsere Stadt, unser regionales Zentrum. Dies zeigt sich schön in einer sprachlichen Besonderheit. Wenn wir nach St. Gallen gehen, sagen wir: Wir gehen in die Stadt.

Können Sie den Charakter des Innerrhoders beschreiben?

Der Innerrhoder hat einen zurückhaltenden Charakter. Er beobachtet zuerst ­gerne, aber er ist auch gwundrig. Er will wissen, mit wem er es zu tun hat. Und er identifiziert sich auch über Abgrenzung. Aber das ist in anderen ländlichen Gebieten ähnlich. Je kleiner eine Gemeinschaft ist, desto stärker der Zusammenhalt. Das ist aber auch wichtig. Wenn sich ein Kanton mit 16'000 Einwohnern auseinanderdividiert, wird es schwierig, ihn in die Zukunft zu führen.

Ist deshalb die Landsgemeinde so wichtig?

Unbedingt. Die Landsgemeinde ist stark identitätsstiftend. Darum war es auch sehr schwierig, an der Landsgemeinde 2018 ein Geschäft zu beraten, das seit über zehn Jahren sehr kontrovers und auch emotional diskutiert wurde.

Die Debatte um den Spitalneubau.

Ja. Mein grosses Bestreben war immer, unseren Kanton zusammenzuhalten. In der Spitaldiskussion war dies eine fast unlösbare Aufgabe.

Sie fühlten sich nach der Landsgemeinde ungerecht behandelt.

Nicht nur, ich erhielt auch sehr viel Lob. Ich hatte eine Vorlage zu vertreten, die vom Spitalrat und vom Baudepartement ausgearbeitet und vom Grossen Rat der Landsgemeinde vorgelegt wurde. In der Berichterstattung wurde verschiedentlich übersehen, dass ein Rückweisungsantrag und entsprechende Voten wiederkehrend auch zu formellen Antworten zwangen. Geschmerzt hat dann eine von vielen Medien übernommene Meldung.

Jene zu Adriana Hörler.

Genau. Sie hatte die Informationspolitik der Gesamtregierung scharf kritisiert. Damit konnte ich leben. Dann wurde aber kolportiert, sie habe in ihrem Votum meine Führung der Landsgemeinde kritisiert. Das war schlicht falsch.

Die Landsgemeinde ist bei so heiklen Geschäften eine schwierige Form der Demokratie.

Ohne Zweifel. Aber an einer Urnenabstimmung wäre es nie möglich, so direkt eine Debatte zu führen.

Sie sind Landammann und Nationalrat und haben diverse Mandate in Stiftungen, Verwaltungsräten und Verbänden. Werden Sie in den Ständerat gewählt, werden Sie deutlich mehr Zeit haben. Was bauen Sie aus?

Das wird massiv unterschätzt. Die Tätigkeit im Ständerat ist wesentlich intensiver als im Nationalrat, man kommt fast auf ein Vollamt. Ich reduziere also meine Mandate eher. Aber ich freue mich so oder so, mehr Zeit zu haben für mich. Und selbstverständlich für meine Frau. Sie ist in den letzten Jahren wacker zu kurz gekommen.

Inoffizielle Konkurrenz

Am Sonntag leitet Daniel Fässler (CVP) seine letzte Landsgemeinde. Der 58-Jährige kandidiert für den freiwerdenden Sitz im Ständerat, als Nachfolger des zurücktretenden Ivo Bischofberger. Fässler ist der einzige offizielle Kandidat. Eine anonyme Gruppe hat per Inserat alt Säckelmeister Thomas Rechsteiner (CVP) zur Wahl vorgeschlagen. Rechsteiner schloss eine offizielle Kandidatur aus, gab aber bekannt, dass er eine Wahl annehmen würde. Für die Nachfolge von Fässler stehen drei Kandidaten zur Wahl: Roland Dähler (parteilos), Bruno Huber (CVP) und Lorenz Gmünder (CVP). (ar)

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