Kommentar

Die Ostschweiz braucht eine starke HSG

Am 30. Juni entscheidet das St.Galler Stimmvolk über den Neubau für den HSG-Campus Platztor am Rand der St.Galler Innenstadt. Die Erweiterung ist auch ein Baustein für die Zukunft der Ostschweiz. 

Andri Rostetter
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Andri Rostetter. (Bild: Ralph Ribi)

Andri Rostetter. (Bild: Ralph Ribi)

Eigentlich ist die Rechnung einfach: Die HSG auf dem St. Galler Rosenberg hat Platz für 5000 Studierende. Eingeschrieben sind heute 8700. Es fehlen also 3700 Plätze. Gleichzeitig baut die HSG ihr Angebot aus, zum Beispiel mit dem Medical Master oder der School of Information and Computing. Ohne neue Räume wird sich die Platznot in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Gelöst werden soll das Problem mit einem Campus mitten in der Stadt. Kostenpunkt: 200 Millionen Franken. Der Kanton übernimmt davon 160 Millionen, wenn das Volk am 30. Juni der Vorlage zustimmt.

Das Vorhaben ist praktisch unbestritten. Abgesehen von den üblichen Kritikern am linken Rand hat der HSG-Bau keine Gegner. Auf den ersten Blick ist das erstaunlich, zumal die Uni eines der schwierigsten Jahre ihrer 119-jährigen Geschichte hinter sich hat. Spesenaffäre, Fall Sester, Rüegg-Stürm, die Verwicklungen des Rektors in die Marktmanipulationen ­der Jungfraubahn, die Festnahme eines Honorarprofessors – zwischen den Negativmeldungen blieb der Uni kaum Zeit zum Durchatmen.

Mischung aus Selbstmitleid und Arroganz

Die zahlreichen Affären haben die Institution in ihren Grundfesten erschüttert. Die Uni-Leitung hat zwar in der Krisenbewältigung nicht immer Geschick gezeigt, liess aber Einsicht erkennen. In einzelnen Instituten dagegen dominiert eine Mischung aus Selbstmitleid und Arroganz.

Gefreut hat das vor allem jene Gegner, die in der Uni ohnehin nur eine Startrampe für Karrieristen sehen. Dieses Bild entspricht kaum der Realität. Die HSG ist alles andere als ein ideologisch abgeriegelter Betonklotz. Wer sucht, findet auf dem Rosenberg libertäre Brachialkapitalisten, deren Weltbild sich durch keine Finanzkrise erschüttern lässt. Genauso gibt es auch Linke, die sich in St. Gallen ihr ökonomisches und juristisches Rüstzeug holen.

Dialog mit der Region intensiviert

Fakt ist auch, dass die HSG noch nie so offensiv gegen ihre eigenen Klischees angekämpft hat wie heute. Sie hat ein Besucherzentrum eingerichtet, die Öffentlichkeitsarbeit professionalisiert und den Dialog mit der Region intensiviert.

Mittlerweile kommen jährlich 4000 Hörerinnen und Hörer an eine der knapp 80 öffentlichen Vorlesungen, auf der Forschungsplattform Alexandria sind 43000 Publikationen frei zugänglich. In der Lehre kümmert sich eine Abteilung eigens um die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden.

Das alles wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen – weil das Image der HSG dafür keinen Raum lässt, wie die ehemalige Prorektorin Ulrike Landfester in einem Interview mit unserer Zeitung feststellte.

Warum findet der Campus-Neubau trotzdem so grosse Unterstützung? Die Beziehung zwischen Volk und HSG ist tatsächlich nicht gerade herzlich. Es dominiert ostschweizerischer Pragmatismus. Man weiss, dass die Universität für den Kanton von grosser Bedeutung ist. Sie sichert Arbeitsplätze, Wissen und Wertschöpfung. 235 Millionen Franken werden dank der HSG jährlich in die Region gespült. Jede sechste Logiernacht in der Stadt und der Umgebung geht auf das Konto der Uni. Symposien, Start-ups und Forschungsplattformen bringen Zugang zu internationalen Netzwerken.

Der Preis dafür ist vergleichsweise moderat: Die HSG finanziert sich über Erträge aus Weiterbildung, Drittmittel und Kooperationen zu 49 Prozent selbst. Gemessen am Betriebsertrag, den die Uni erwirtschaftet, beläuft sich der Beitrag des Kantons gar nur auf 20 Prozent. Keine andere Schweizer Uni kommt mit so wenig öffentlichen Mitteln aus.

Auf das Wohlwollen der Region angewiesen

Die Zahlen zeigen auch, dass sich die HSG in einem Spannungsfeld befindet. Einerseits will sie wachsen und in der internationalen Topliga der Business-Schools mitspielen. Damit sie wachsen kann, ist sie aber auf das Wohlwollen in der Region angewiesen.

Andererseits war die Bildungslandschaft noch nie so dynamisch wie heute. Technologische und gesellschaftliche Megatrends zwingen die Universitäten, sich permanent neu auf die Realität einzustellen. Die HSG macht das, indem sie sich neue Felder erschliesst – Stichwort Medical Master oder School of Information and Computing. Mit einem Erweiterungsbau kann die Uni auf diese Entwicklungen reagieren. Der neue Campus ist ein Baustein für die Zukunft der HSG – und der Ostschweiz.

Der HSG-Professor mit Raiffeisen-Problemen schweigt beharrlich

Seit seinem Abgang als VR-Präsident von Raiffeisen im März 2018 hat HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm nichts zu den Vorkommnissen gesagt – auch nicht, was die Uni betrifft. Über die Gründe seines Schweigens kann man nur spekulieren.
Marcel Elsener