Dank Computer neue Sichtweisen

Das Rehabilitationstraining bei Obvita, der Organisation des Ostschweizerischen Blindenfürsorgevereins, hilft Menschen mit einer Sehbehinderung beim Berufswechsel – ambulant, individuell, intensiv, IV-unterstützt, kreativ.

Michael Walther
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Fridolin Rechsteiner (links) und Roger Huber erlernen bei der Obvita den Umgang mit der Sehbehinderten-Computertechnik. (Bild: Donato Caspari)

Fridolin Rechsteiner (links) und Roger Huber erlernen bei der Obvita den Umgang mit der Sehbehinderten-Computertechnik. (Bild: Donato Caspari)

ST. GALLEN. Auf den ersten Blick sieht alles aus wie in jedem anderen Informatikzimmer. Allerdings sind die vier Arbeitsplätze zusätzlich zu den Rechnern mit zwei Bildschirmen und einem Lesegerät ausgestattet.

Hier befindet sich das Rehabilitationstraining von Obvita, der Organisation des Ostschweizerischen Blindenfürsorgevereins. Es wird von Menschen besucht, die im Laufe ihres Lebens eine Sehbehinderung erleiden. In der Ostschweiz leben rund 40 000 blinde oder sehbehinderte Menschen – ein Grossteil von ihnen steht im Ausbildungs- oder Arbeitsalter. Oft sind sie gezwungen, ihren Beruf oder ihre Ausbildung zu wechseln.

Einer, der gerade den Computer hochfährt, ist Fridolin Rechsteiner. Durch die Krankheit Morbus Stargardt sieht er ausgerechnet im Zentrum des Gesichtsfelds unscharf. «Ich musste die Elektrikerlehre nach zwei Jahren abbrechen», sagt er. «Es war ausgeschlossen, den Beruf weiter auszuüben.»

Spezielle Programme

Wer bisher handwerklich tätig war und sehbehindert wird, wechselt oft in den Dienstleistungsbereich. «Dafür braucht es Informatikkenntnisse, die man sich erst aneignen muss», sagt Siegfried Miesler. Er leitet die Sozialinformatik – ein Fachgebiet mit dem Ziel, Technik besonders gut zum Nutzen der betroffenen Menschen einzusetzen – und baute das Rehatraining auf.

Dabei geht es nicht nur um die gängigen Office-Programme, sondern auch um Computertechnik für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Laptops im Rehatraining sind daher mit speziellen Programmen konfiguriert. Der zweite Bildschirm dient der vergrösserten Darstellung, die in der Regel über eine Dokumentenkamera erreicht wird.

Vom Abwart zum Kaufmann

«Wir wünschen uns eigentlich, dass betroffene Personen mit Anpassungen am Arbeitsplatz ihre Stelle behalten können oder im bisherigen Unternehmen eine andere Tätigkeit möglich ist», sagt Miesler. Aber manchmal ist ein Berufswechsel, den in der Regel die IV unterstützt, unvermeidbar. So auch bei Roger Huber, der an Grünem Star erkrankte und vorher als Schulhausabwart tätig war. Nun wird er sich nach Abschluss des Rehatrainings zum technischen Kaufmann ausbilden.

Das Rehatraining an den Computern in St. Gallen findet jeweils donnerstags statt. Daneben vertiefen die Betroffenen in einem Arbeitsbereich von Obvita ihre Kenntnisse an gezielten Projekten oder erledigen Kundenaufträge.

Neue Technologien als Chance

Im Zimmer steht ein 3D-Drucker. Wenn es hilft, wird der Bildschirm auch mal senkrecht positioniert. Oder es gelangt eine Tastatur mit gelben statt weissen Zeichen auf schwarzem Grund zum Einsatz. Immer geht es darum, den Arbeitsplatz genau so einzurichten, dass er den Bedürfnissen und Zielen der Betroffenen entspricht.

Tobias Ziltener, Sozialarbeiter mit Zusatzausbildung in Sozialinformatik, leitet das Rehatraining. «Ich bin von neuen Technologien begeistert», sagt er. «Man kann Computerdaten bald mit Brillen auf Wänden betrachten statt auf Bildschirmen. Sehbehinderte könnten dann sogar im Vorteil sein, weil sie sehr früh mit technischen Innovationen in Berührung kommen.»

Hilfe für ersten Arbeitsmarkt

Fridolin Rechsteiner hat noch keine KV-Lehrstelle, Roger Huber noch keinen Arbeitsplatz. Obvita kann beiden einen Ausbildungsplatz anbieten. «Es ist zwar besser, wenn jemand die Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt absolvieren kann», sagt Miesler. «Aber es ist auch möglich, erst nach einem Jahr im geschützten Rahmen bei uns zu wechseln.»

Bei der Arbeitsplatzsuche unterstützen Fachpersonen von Obvita die Betroffenen. Die Jobcoaches beraten auch potenzielle Arbeitgeber. Diese sind auch nach einer Einstellung nicht auf sich allein gestellt.

Roger Huber und Fridolin Rechsteiner haben sich mit ihrer Situation arrangiert. Huber ist mit seiner Frau nach St. Gallen gezogen – in eine Mietwohnung von Obvita mit kurzem Arbeitsweg. Dass er sich durch die ständige Verschlechterung seiner Sehfähigkeit immer wieder neu auf die Technik einstellen muss, macht ihm keine Angst: «Das trainiere ich hier. So lerne ich wenigstens immer wieder etwas Neues.»