«Bei Ungerechtigkeiten aller Art drehe ich im roten Bereich»: Der neue höchste St.Galler Daniel Baumgartner im Porträt

Kurz vor der Pensionierung erreicht der Flawiler Schulleiter Daniel Baumgartner den Gipfel seiner Politkarriere. Als Parlamentspräsident wird sich der SP-Kantonsrat um allseitige Fairness bemühen.

Marcel Elsener
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SP-Kantonsrat Daniel Baumgartner, «höchster St. Galler» mit Solothurner Dialekt. (Bild: Benjamin Manser)

SP-Kantonsrat Daniel Baumgartner, «höchster St. Galler» mit Solothurner Dialekt. (Bild: Benjamin Manser)

Ein sauberes Vorbild! Der Ausdruck wird meist dann verwendet, wenn das Gegenteil gemeint ist. Doch gibt es selbstverständlich Politikerinnen und Politiker, die es ernst meinen mit dem Vorbild. Zu ihnen gehört, nur gut zwei Wochen vor seiner Pensionierung als Schulleiter der Heilpädagogischen Schule Flawil, SP-Kantonsrat Daniel Baumgartner, und er wird dem Anspruch offensichtlich gerecht: Mit 104 von 108 gültigen Stimmen wurde er am Dienstag als Präsident des Kantonsrats gewählt. Eine glanzvolle Wahl – als Vize hatte er vor einem Jahr noch 93 (von 120 möglichen) Stimmen erhalten.

Im Dank für das Vertrauen betonte Baumgartner prompt die Vorbildfunktion des Parlaments: Diese müsse aus einer inneren Haltung heraus in der verbalen und nonverbalen Kommunikation ebenso kundgetan werden wie in allen Handlungen.

Spätberufener Politiker, überzeugter Sozialdemokrat

Toleranz und Respekt vor dem Anderssein, wie es die Bundesverfassung lehre («Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl des Schwachen»), sei in seinem Beruf besonders gefragt, zitierte der schulische Heilpädagoge den Leitsatz «Nicht gegen den Fehler soll unser Denken und Wirken gerichtet sein, sondern für das Fehlende.» Die Begriffe unserer Demokratie wie Solidarität und Rücksichtnahme dürften «nicht zu Worthülsen verkommen».

Ansprüche, die er selber vorlebt. Korrekt, kontrolliert, anständig – und tadellos gekleidet: So kennt man Daniel Baumgartner im Kantonsparlament, in den elf Jahren im Rat (2005–08 und seit 2012) ist er noch nie ohne Anzug und Krawatte aufgetreten. Rein äusserlich gäbe man ihm kaum den «Sozi», allenfalls weist der Ohrring auf einen sozialen Beruf hin. Doch kam für den Spätberufenen keine andere Partei in Frage, wie er betont: «SP war und ist für mich völlig klar. Schon wenn ich als Schulleiter sehe, wie viele Eltern mit zu knappen Mitteln am Limit kämpfen – da sind Prämienverbilligungen existenziell nötig.» Ob Sozial-, Verkehrs- oder Gesundheitspolitik – Baumgartner ist klar auf Linie seiner Partei, hat nie mit einer andern geliebäugelt.

Dabei wuchs er in einem «brandschwarzen» Haushalt im CVP-dominierten Solothurnischen auf, Grossvater und Vater (von Beruf Schneider) in der Kirche engagiert, die drei Geschwister «apolitisch». Auch Daniel, der Lehrer wird, Seminar in Zug, erste Lehrerstelle in Walenstadt, ab 1987 dann Heilpädagoge an der HPS Flawil, interessiert sich nur mässig für Politik, Kaiseraugst oder Rothenthurm zünden keinen rebellischen Funken.

Ein Ritterschlag, eine Ohrfeige und die Bienen

Der politische Impuls kommt, Baumgartner ist schon über vierzig, mit dem Engagement in der Schulpolitik: Als Vorstand im Konvent der Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen des Kantons weibelt er für eine Angleichung der Löhne seiner Berufsgruppe an die Oberstufe. «Nachdem ich bei 17 Kantonsräten persönlich Klinken geputzt hatte, merkte ich: Da werde ich besser selber Bildungspolitiker!» 2003 tritt er in die SP ein, ein Jahr später erzielt er so viele Stimmen, dass er 2005 als Ersatz in den Kantonsrat nachrückt. In der Bildungspolitik macht er sich schnell einen Namen, erwähnt seien nur die wichtigsten Erfolge: die Sicherung des Schulpsychologischen Dienstes als Verbundaufgabe zwischen Kanton und Schulgemeinden, die Verankerung der Sonderschulen als Teil der Volksschule sowie der zweite Anlauf für den Berufsauftrag (als Kommissionspräsident). Letzteres sei sein «bildungspolitischer Ritterschlag» gewesen, lacht der dynamische Fastpensionär, der gut und gern zehn Jahre jünger aussieht. Dabei war er schon regelmässiger auf dem Velo oder auf den Ski als derzeit.

An der Präsidentenfeier in Flawil wird er vom vorbildhaften Staatswesen erzählen, dem er seit über 30 Jahren als Hobby huldigt: dem Bienenvolk. Bis zu 20 Völker pflegt er in seinem prächtigen Bienenhaus am Waldrand. Beglückender Ausgleich – und ständige Übung in Gemütsruhe. Obwohl er die selten verliert: «Bei Ungerechtigkeiten aller Art drehe ich im roten Bereich.» Er erzählt die Episode einer unliebsamen Begegnung in Lenzerheide, als ihm ein Mann, der den Schlitten der Sonderschüler keinen Platz einräumen wollte, im Vorbeilaufen eine Ohrfeige verpasste. Baumgartner, körperlich klar überlegen, tobte innerlich, behielt aber die Fassung und sagte sich mit der Hagelhans-Figur von Gotthelf: «Bub, du bist mir eine Nummer zu klein.»