Dan Brown und die Spur ins Rheintaler Milieu

Ein Deutscher war vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland wegen Verstosses gegen das Baugesetz angeklagt. Es ging um die Frage, ob Sex gegen Geld als Umnutzung einer Wohnung gewertet werden muss.

Reinhold Meier
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Der Beschuldigte verglich die Arbeit seiner Escort-Damen mit der des Schriftstellers Dan Brown – das Kreisgericht widerspricht. (Bild: Ralph Ribi)

Der Beschuldigte verglich die Arbeit seiner Escort-Damen mit der des Schriftstellers Dan Brown – das Kreisgericht widerspricht. (Bild: Ralph Ribi)

Der Beschuldigte präsentierte sich an Schranken als gradliniger Geschäftsmann, seines Zeichens selbst Jurist und Geschäftsführer einer Escort-Agentur, also nichts mit Prostitution, wie er betonte. Gleich zu Beginn zeigte er sich geradezu begeistert über die souveräne Verhandlungsführung des Einzelrichters vor Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland.

«Toll, das kenne ich aus Deutschland so nicht»

lobte er spontan. Und auf die Frage, ob er denn aussagen wolle, folgte ein zackiges «Jawoll!».

Die Anklage warf ihm vor, dass seine Agentur in einer Mietwohnung erotische Dienstleistungen anbieten würde. Das stehe auf seiner Website. Und die Polizei habe es bei einer Kontrolle vor Ort auch feststellen können. Wie die Gesetzeshüter das genau ermittelt haben, darüber schweigt die Anklageschrift zwar, aber die Umnutzung schien «offensichtlich», wie es heisst. Denn immerhin konnte eine «nur leicht bekleidete» 28-Jährige angetroffen werden.

Damit trat das Bauamt der Gemeinde auf den Plan, das ohne Umschweife eine Zweckänderung der Wohnung ortete. Diese habe «Einwirkungen auf die Umgebung», wie es etwas einsilbig, aber viel sagend hiess. Zudem sei eine «Vergrösserung des Benutzerkreises» zu erwarten. Darum sei bei der Gemeinde vorgängig eine entsprechende Bewilligung einzuholen. Das sei bis heute unterblieben, somit sei der Geschäftsführer zu büssen.

Davon wollte der Angeklagte nichts wissen. «Ich habe alles korrekt gemacht und ärgere mich masslos, dass ich schuldlos angeklagt bin.» Er sei aus allen Wolken gefallen, als die Polizei bei ihm erschienen sei. An den anderen Standorten seines Unternehmens in den Kantonen Schwyz und Zug gebe es Null Probleme, hielt er fest, nur in St. Gallen kapierten die Behörden nicht, worum es gehe. Die Sache sei wegen Geringfügigkeit einzustellen.

Brief an Brown vom Bauamt

Als Beispiel führte er den Schriftsteller Dan Brown an. Wenn jener zu Hause am neusten Roman arbeite und sich dazu an den Computer setze, sei das auch eine gewerbliche Nutzung. Ja, wenn er nur schon über den Handlungsstrang seiner Figuren nachdenke, arbeite er im Grunde. «Nach der Logik des Bauamtes braucht er dazu eine Umnutzungsbewilligung samt Feuerschutznachweis», hielt er fest.

Er habe das Bauamt mit diesem Fall konfrontiert und gefragt, was es dann zu tun gedenke. «Wir würden Herrn Brown anschreiben», habe der Amtsschimmel doch tatsächlich geantwortet, echauffierte er sich. Dabei habe das Amt zwar offen gelassen, was genau im Brief stehen würde, aber rausgehen würde er auf jeden Fall.

Unglaublich, fand der Mann, dabei sei eine Escort-Leistung doch so massvoll wie das Schreiben eines Romans. Die Damen würden Kunden meist in deren Wohnungen aufsuchen und nur gelegentlich selbst Gastrecht bieten, höchstens drei- oder viermal am Tag. Niemand würde das mitbekommen. Die Anonymität liege schliesslich im Interesse aller Beteiligten. Keine Umnutzung also, nur normaler Sex nebenan.

Auf die Aura kommt es an

Von einer Einstellung wegen Geringfügigkeit wollte das Gericht aber nichts wissen, sonst müssten wohl über 90 Prozent aller Baurechtsfälle eingestellt werden, hiess es. Es folgte ein Schuldspruch. Für bezahlte erotische Tätigkeiten in Wohnungen brauche es eine Umnutzungsbewilligung. Punkt. «Das haben das Bundesgericht und nachgeordnete Gerichte x-fach festgestellt.»

Ausschlaggebend dafür seien die sogenannten ideellen Immissionen. Denn jede Tätigkeit verbreite eine gewisse Atmosphäre, eine Aura könnte man sagen, einen Ruf, der entsteht. Und in diesem Sinne sei es halt doch ein Unterschied, ob ein Mieter davon wisse, dass sich nebenan eine Frau prostituiere oder ob jemand einen Roman schreibe.

Die Strafe fällt mit einer Busse von 300 Franken zwar überschaubar aus. Aber die Umnutzungsbewilligung muss nun eingeholt werden, mit wohl stattlicheren Folgekosten.