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«Dä Güggel mues weg!»

Zwei Nachbarn streiten vor Gericht über den Lärm, den der Hahn des einen verursacht. Weil sich der Kläger nicht auf einen Vergleich einlässt, dauert das Verfahren an.

Im Saal des Bezirksgerichts Weinfelden wurde es laut am Dienstagabend. Nicht nur, weil der Kläger mit sehr kräftiger Stimme seine Anliegen vortrug, sondern auch, weil alle anderen Beteiligten laut sprechen mussten – der betagte Kläger hört nicht mehr so gut. Nur etwas dröhnt dann doch viel zu laut in seinen Ohren, das Krähen des Güggels seines Nachbarn. Der raubt ihm den Schlaf und langsam, aber ­sicher auch den letzten Nerv.

Nach Jahren des Streits und ge­scheiterter Schlichtungsversuche vor dem Friedensrichter hat er deshalb eine Zivilklage wegen übermässiger Lärmbelästigung gegen seinen Nachbarn eingereicht. «Dä Güggel mues weg!», ist dann auch seine Forderung.

Schallisoliertes Hühnerhaus installiert

Schlimm sei der Lärm des Güggels vor allem im Frühling und Sommer. Das schallisolierte Hühnerhaus, in dem die Tiere von 22 bis 7 Uhr jeweils eingeschlossen sind und das der Tierhalter auf Geheiss der Gemeinde installieren musste, sei wirkungslos. «Der Güggel rennt ja doch draussen herum, manchmal schon um 5 Uhr morgens. Mein Nachbar hält die Vorschriften überhaupt nicht ein», sagt der Kläger. Zudem stehe im Sommer das ­Fenster des Hühnerhauses offen, und dann bringe die Schall­isolierung gar nichts. «Wenn der Güggel durchs offene Gitter kräht, ist es, als stünde er draussen.» Nebst der Wegweisung des Hahns fordert der Kläger von seinem Nachbarn auch die Übernahme aller bisher angefallenen Gerichtskosten und eine Genug­tuung von 4500 Franken.

Zeitschaltuhr an ­Dämmerung gekoppelt

Der Beklagte gibt vor Gericht zu, dass es in den heissen Monaten nicht ganz klappt mit dem schallisolierten Hühnerhaus. «Es wird im Sommer einfach zu warm drin. Wenn ich nicht lüften kann, sterben die Tiere. Deshalb muss ich ein Fensterchen öffnen.» Anfangs habe er auch die Zeitschaltuhr fürs Türchen an die Dämmerung gekoppelt. Das führte zur verfrühten Öffnung im Sommer. Unterdessen habe er aber eine andere Zeitschaltuhr. «Jede Nacht genau von 22 Uhr bis am Morgen um 7.10 Uhr bleibt das Türchen zu», sagt der Beklagte vor Gericht. Er beteuert, die Auflagen der Gemeinde ernst zu nehmen und zu befolgen.

Der Kläger seinerseits hielt in seiner zweiten Aussagephase nicht mehr zurück und bezeichnete seinen Nachbarn als «stuure Bock», der nur einen Haufen «Saich und Hafechääs» verzapfe und sich um jegliche Vorschriften schere. Er habe ja schon vor ­vielen Jahren das Gespräch mit ihm gesucht, aber das habe sein Nachbar ja nicht gewollt.

Richterin scheitert mit einem Schlichtungsversuch

Keinen einfachen Job hatte Richterin Claudia Spring am Verhandlungsnachmittag. Sie musste ungewohnt laut sprechen und doch schien der Kläger nicht alles zu verstehen, was sie sagte. Er schnitt ihr auch immer wieder ins Wort. Zum Schluss der Verhandlung sagte sie an ihn gewandt: «Tagsüber ist der Lärm des Güggels nicht übermässig. Im ländlichen Gebiet ist das ­Halten von Hühnern etwas Nor­males.» Den Tierhalter ermahnte sie jedoch, die gesetzte Nachtruhe ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Tiere zu den vereinbarten Zeiten im schall­isolierten Stall bleiben. «Nötigenfalls müssen Sie eine Klima­anlage installieren, um das Stallfenster auch in der heissen Sommerzeit geschlossen halten zu können.»

Sie versuchte, dem Kläger einen Vergleich zu unterbreiten, bei dem sich der Tierhalter verpflichtet, die Nachtruhe zu gewährleisten. Es sei die Aufgabe des Gerichts, Streit zu schlichten anstatt anzufeuern. «Sie streiten nun schon seit vielen Jahren. Heute haben Sie die Gelegenheit, diesen Streit beizu­legen.» Der Kläger liess diese Gelegenheit jedoch aus und for­derte die Fortsetzung des Verfahrens. Nun muss das Gericht im Beweisverfahren tatsächlich über eine allfällige Übermässigkeit des Lärms befinden.

Mario Testa

mario.testa@thurgauerzeitung.ch

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