«Da ist noch mehr Schub nötig»

ST.GALLEN. Bringt eine Ostschweizer Informatik-Offensive die Bundesprojekte in Schwung? Ergänzt oder gefährdet sie die duale Berufsbildung? Die Idee der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell kommt unterschiedlich an.

Regula Weik/ christoph Zweili
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Die Informatik ist heute allgegenwärtig – darauf müssen Bildung und Politik reagieren, findet die IHK. (Bild: fotolia)

Die Informatik ist heute allgegenwärtig – darauf müssen Bildung und Politik reagieren, findet die IHK. (Bild: fotolia)

Die geplante Informatik-Offensive der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell (Ausgabe von gestern) stösst grundsätzlich auf Wohlwollen – aber auch auf Zurückhaltung. Das Interesse junger Leute an IT-Berufen sei vorhanden, der Bedarf der Wirtschaft an IT-Spezialisten gegeben, sagt Brigitte Häberli, Thurgauer Ständerätin und Vizepräsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). Sie begrüsse daher jede Massnahme, welche die Ausbildung eigener Fachleute zum Ziel habe – dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Und sie wünscht sich derartige Aktivität auch in anderen Regionen. Auch im Thurgau? «Ja, auch im Thurgau», sagt sie. Auf Bundesebene geschehe zu wenig, kritisiert Häberli. Es gebe zu viele Ideen und zu wenig Konkretes. «Da ist dringend mehr Schub nötig.» Die regionalen Initiativen könnten helfen, dass «es auch auf Bundesebene vorwärtsgeht – konkreter und schneller als heute».

Auch beim Handwerk relevant

Wenn sich die Ostschweiz als IT-Cluster positionieren wolle, seien Offensiven, Abklärungen und Prüfungen notwendig, sagt Felix Keller, Geschäftsführer der St. Galler Gewerbeverbände. Auf die Frage, ob der Bedarf an IT-Spezialisten auch bei den zahlreichen kleineren und mittleren Unternehmen im Kanton derart gross und boomend sei, sagt Keller: «Auch im klassischen Handwerk hat die Informatik Einzug gehalten.» Er nennt als Beispiel einen Schreiner, der mit einer CNC-Maschine arbeitet – «das ist hohe Kunst der Technik». Kellers Anliegen: die duale Berufsbildung nicht ausser Betracht lassen.

Ivo Bischofberger, Innerrhoder Ständerat und WBK-Mitglied, begrüsst die Informatik-Offensive der IHK – als Input und Initialzündung. Für ihn ist aber klar: Die angeregten Massnahmen und die bereits bestehenden Angebote müssen zwingend koordiniert werden – «es müssen alle in eine und dieselbe Richtung gehen». Bischofberger erinnert an andere Initiativen aus der Ostschweiz, wo exakt dies nicht gespielt habe, etwa beim Innovationspark oder beim Metropolitanraum. Daraus müssten Lehren gezogen werden, wolle sich die Ostschweiz – die Kantone Appenzell Ausser- und Innerrhoden, St. Gallen und Thurgau – über die Region hinaus als IT-Cluster positionieren. Wenn dies gelinge und das Projekt «zum Fliegen kommt», dann dürften rasch andere Regionen daran interessiert sein, ist Bischofberger überzeugt. Mit Blick auf den Lehrplan 21 meint der Ständerat: Es müsse dort investiert werde, wo Schulabgänger mit Fähigkeiten und Fertigkeiten «resultierten», welche von der Wirtschaft auch gefragt seien. Die Nachhaltigkeit für die Region sei nur dann gegeben, wenn frisch ausgebildete Menschen auch Jobs in der Region finden. Bischofberger erinnert daran, dass der Fachkräftemangel weit über die Mint-Berufe hinausreiche, als Beispiel nennt er den Pflegebereich. «Pflegende sind für mich auch Fachkräfte.» Und mit Blick auf frühere IHK-Initiativen meint Bischofberger: Er hoffe, dass von der Informatik-Offensive «am Ende ein Knochen bleibt».

Sechs Informatiker-Klassen

Die Bereiche Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaft und Technik kämpften mit Nachwuchsproblemen, sagt Lukas Reichle, Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St. Gallen (GBS). Daher begrüsse er grundsätzlich die Offensive der IHK. «Was den Ruf nach Informatikmittelschulen angeht, habe ich Bedenken», sagt er. Die Westschweiz fahre zwar «auf dieser Vollzeit-Schiene», dort gebe es auch viel weniger duale Lehrverhältnisse als in der Ostschweiz und eine markant höhere Jugendarbeitslosigkeit. Der Kanton St. Gallen stehe mit seinen vielen betrieblichen Ausbildungsplätzen in der dualen Bildung «hervorragend» da. Die Idee einer Wirtschaftsmittelschule für Informatik dürfe die dualen Ausbildungsplätze bei den Firmen nicht in Frage stellen. Reichle fände es schade, wenn die Offensive vermehrt zu Vollzeit-Ausbildungen führen würde: «Damit ginge viel Markt- und Praxisnähe verloren.» Und es bestünde die Gefahr, dass sich Betriebe aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen. «Wir bilden derzeit dual pro Lehrjahr in sechs Klassen im Kanton Informatiker aus – vier an der GBS St. Gallen, zwei am Berufs- und Weiterbildungszentrum Buchs.»

Ausserrhoden zurückhaltend

Zurückhaltung ist auch in Herisau zu spüren. «Ausserrhoden ist grundsätzlich offen für alles, was die Ostschweiz als Bildungsort im Kollektiv stärken kann. Die Idee muss gemeinsam mit den anderen Ostschweizer Kantonen geprüft werden», sagt der Ausserrhoder Regierungssprecher Georg Amstutz.