Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

St.Galler Betriebe buhlen um Lehrlinge: CVP will dieses Wettrennen bremsen

Im Kanton St.Gallen gibt es viel mehr Lehrstellen als Lernende. Die Folge: Firmen schliessen immer früher Lehrverträge mit Jugendlichen ab. CVP-Kantonsräte fordern, dass die Regierung aktiv wird. Initiativen innerhalb der Wirtschaft hatten wenig Erfolg.
Adrian Vögele
Immer begehrter: Jugendliche an der Ostschweizer Bildungsmesse in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser, 1. September 2016)

Immer begehrter: Jugendliche an der Ostschweizer Bildungsmesse in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser, 1. September 2016)

Der Konkurrenzkampf um den Berufsnachwuchs bleibt hart: Im Kanton St.Gallen waren Ende Mai 1500 Lehrstellen noch offen. 95 Prozent der Schulabgängerinnen und Schulabgänger hatten ihre Zukunft aber schon geregelt, nur 300 waren noch ohne Anschlusslösung (Ausgabe vom 29. Juni). Seit 2008 hat die Zahl der Schulabgänger wegen der Demografie um ein Viertel abgenommen. Es sei für die Wirtschaft weiterhin schwierig, alle Lehrstellen zu besetzen, schreibt das Bildungsdepartement. Mit anderen Worten: Es herrscht ein Gerangel um die besten Kandidaten.

Politiker beobachten die Entwicklung mit Sorge. Die drei Rheintaler CVP-Kantonsräte Andreas Broger, Patrick Dürr und Sandro Hess verlangen von der Regierung, dass sie die Situation genauer unter die Lupe nimmt und einen Bericht vorlegt. Lehrstellen würden immer früher vergeben. Die Schülerinnen und Schüler kämen unter Druck, möglichst schnell eine Lehrstelle zu finden – eine seriöse Berufswahl werde dadurch stark beeinträchtigt, schreiben die drei Parlamentarier im Postulat. Sie fordern Auskunft zur Entwicklung der Lehrabbrüche und zur Situation in anderen Kantonen. Auch wollen sie wissen, was Wirtschaftsverbände und Lehrkräfte dazu sagen, und welche Gegenmassnahmen denkbar wären.

Regierung sieht keinen Grund zum Handeln

Die Regierung hält eine solche Analyse nicht für nötig. Die Lehrer und die Berufsberatung würden die Jugendlichen «umsichtig und wirksam» auf die Berufswahl vorbereiten, heisst es in der Antwort. Auf den Zeitpunkt des Lehrvertragsabschlusses hätten sie jedoch kaum Einfluss. Hier gelte die «verfassungsrechtlich garantierte Privatautonomie» der Betriebe. Der Wirtschaft sei ein faires Vorgehen ein wichtiges Anliegen. Es bestehe nicht unbedingt ein Zusammenhang zwischen der frühen Lehrstellenvergabe und den Lehrabbrüchen. «Staatliche Regeln zur Lehrstellenvergabe wären nicht geeignet, die Zahl der Abbrüche spürbar zu senken.» Das Problem der frühen Lehrstellenvergabe lässt sich laut Regierung nicht mit steuernden Massnahmen beseitigen. Konjunktur und Demografie seien die Gründe für diesen «suboptimalen Aspekt» in der «ansonsten ausserordentlich erfolgreichen dualen Berufsbildung».

Bei den drei CVP-Kantonsräten kommt die Antwort schlecht an. «Es ist bedenklich, dass die Regierung nicht einmal bereit ist, die Lage genauer zu analysieren», sagt Patrick Dürr. Umso mehr, da sie ja selber einräume, dass ein Problem bestehe. Der Wettlauf bei den Lehrstellen habe sich verstärkt, sagt Dürr, der bereits 2015 einen Vorstoss zum Thema einreichte. Lehrstellen würden teils schon an Schüler im zweiten Oberstufenjahr vergeben. «Wenn 14-Jährige bereits über ihre berufliche Zukunft entscheiden müssen, ist das sehr früh.» Die Schule müsse die Jugendlichen immer schneller auf die Berufswahl vorbereiten, und die Schüler kämen immer früher unter Zugzwang. Zugleich sei zu vernehmen, dass es derzeit eher mehr Lehrabbrüche gebe als auch schon.

«Fairplay» im Rheintal: Industrie zog gut mit, die Banken weniger

«In der Verantwortung steht in erster Linie die Wirtschaft», sagt Dürr. Doch ob diese das Problem selber regeln könne, sei fraglich. So starteten der Arbeitgeberverband Rheintal und Schulvertreter im Jahr 2014 mit «Credo Fairplay» eine Initiative gegen die zu frühe Lehrstellenvergabe. Die Regeln: Keine Verträge vor dem 1. September des dritten Oberstufenjahres. Schnupperlehren sollen nicht vor dem zweiten Semester des zweiten Oberstufenjahres stattfinden, und Tagespraktika dürfen nicht bereits zur Rekrutierung dienen. Die Aktion begann vielversprechend: 150 Betriebe schlossen sich dem Credo an, sie bilden zusammen die Hälfte der Lehrlinge im Rheintal aus. Doch im März 2017 kündigte der Arbeitgeberverband den Rückzug an und wandelte das Credo in eine Empfehlung um. Es sei nicht gelungen, eine grosse Mehrheit der Rheintaler Firmen für die Fairplay-Verpflichtung zu gewinnen. Während die Industrie gut mitmachte, bröckelte die Zustimmung etwa im kaufmännischen Bereich, vor allem bei den Banken. Zuvor war bereits eine kantonsweite Fairplay-Aktion, die die Arbeitgeber ins Leben gerufen hatten, gescheitert.

«Vor diesem Hintergrund ist es erst recht angebracht, dass die Regierung aktiv wird und sich zumindest näher mit der Thematik beschäftigt», sagt Dürr. Die drei Postulanten wollen nun die Diskussion im Rat abwarten – und dann allenfalls weitere Vorstösse einreichen

Weniger Informatiker, mehr Gesundheitsfachleute

Gut 3400 Jugendliche treten dieses Jahr im Kanton St. Gallen eine Lehre oder Attestausbildung an – das sind 1000 weniger als im Jahr 2008. Die Liste der am häufigsten gewählten Berufe sieht ähnlich aus wie im Vorjahr. An der Spitze steht nach wie vor Kaufmann/Kauffrau. 572 Personen haben diese Ausbildung gewählt, praktisch gleich viele wie 2017. Die Fachleute Gesundheit sind von Platz 3 auf Platz 2 vorgerückt – 233 Personen werden diese Ausbildung starten, 11 mehr als im Vorjahr. Umgekehrt von Platz 2 auf Platz 3 gerutscht ist der Beruf Detailhandelsfachfrau/-mann. Hier ist die Zahl um 46 auf 200 Personen gesunken. Im Jahr 2016 waren es noch fast 270 gewesen. Die weiteren Berufe in den Top Ten sind Polymechaniker/-in, Elektroinstallateur/-in, Zeichner/-in, Koch/Köchin, Fachmann/-frau Betreuung, Logistiker/-in und Zimmermann/Zimmerin. Bemerkenswert ist, dass es bei den Informatikerinnen und Informatikern einen Rückgang gab – von 89 auf 70 Auszubildende. Der Beruf war vergangenes Jahr auf Platz 7, jetzt ist er auf Platz 12. Die Liste ist laut dem Bildungsdepartement nicht nur vom Wahlverhalten und den Präferenzen der Jugendlichen beeinflusst, sondern ebenso vom Angebot an Lehrstellen. (av)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.