CROWDFUNDING: Spenden für mich

Die Sammelaktion des Ehepaars aus Wolfhalden für ihr Wunschbaby stösst auf viel Unverständnis. Da könnte man gleich für ein Auto, einen Fernseher, eine Weltreise spenden, so etliche Kommentatoren. Ein Blick ins Internet zeigt: Alles schon da gewesen.

Julia Nehmiz
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Etliche Frauen hoffen, ihren Traum vom Wunschbaby via Crowdfunding erfüllen zu können. (Bild: Getty)

Etliche Frauen hoffen, ihren Traum vom Wunschbaby via Crowdfunding erfüllen zu können. (Bild: Getty)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz

-am-

sonntag.ch

Kein Geld für das teure Prozedere einer künstlichen Befruchtung, doch der Kinderwunsch ist übermächtig. Ein Kredit ist nicht möglich, die Verwandtschaft nicht reich, Gehalt und Erspartes reichen nicht. Warum nicht per Crowdfunding Spenden sammeln? Was ein Ehepaar aus Wolfhalden mittels Bettelbriefen versucht, hat die deutsche Schauspielerin Melina Rost im Internet erfolgreich durchgezogen. Auf der Plattform Caremaker spendeten über 120 Personen insgesamt 4700 Euro. Damit Melina Rost sich ihren Traum vom eigenen Wunschbaby erfüllen kann. Über 35000 Euro hatte sie dafür in sieben Jahren ausgegeben, 13 künstliche Befruchtungen vornehmen lassen, eine Totgeburt verkraften müssen. Um es noch ein letztes Mal zu versuchen, war sie auf Spenden angewiesen. Ob es diesmal funktioniert hat? «Einfach nur glücklich!!! Wenn alles gut geht, kommt meine kleine Lady in 7 Wochen», postete sie Anfang Januar auf ihrer Facebook-Seite. Seitdem erfolgte kein Eintrag mehr.

In den Crowdfunding-Portalen finden sich weitere Beispiele. Auf Caremaker bittet aktuell die 35-jährige Melanie um 4000 Euro für eine künstliche Befruchtung. Bislang hat noch niemand gespendet. Peggy und Arkadius haben ebenfalls einen Spendenaufruf veröffentlicht: 3500 Euro für eine künstliche Befruchtung. Auch bei ihnen ging kein Geld ein. Oder Madeleine, die auf der Plattform Leetchi um 3000 Euro für ihr Wunschbaby bat und null erhielt.

Unzählige Crowdfunding-Projekte drehen sich um persönliche Anliegen. Spenden werden von Angehörigen oder Freunden gesammelt, um den Kampf gegen Krebs zu finanzieren, Waisenkinder zu unterstützen, Unfallopfern zu helfen, eine Operation durchführen zu können. So versucht eine junge Emmentalerin, für ihre Freundin 10000 Franken zu sammeln. Die Freundin sei an ­Lipödem erkrankt, sie leide unter ihren Elefantenbeinen, doch die Krankenkasse bezahle die Operation nicht. 6070 Franken sind von 40 Unterstützern schon zusammengekommen. Die Spender erhalten – je nach Betrag – ein handschriftliches Dankschreiben oder eine selbstgestaltete Tasse.

Selbstfahrende Koffer, innovativer Bienenstock

Doch nebst herzergreifenden Geschichten kann man auch allerhand Absurdes auf den zig Plattformen unterstützen und kaufen. Da wird versucht, eine Weltreise zu finanzieren, ein Auto aufzurüsten, um weiterhin das Hemberg-Bergrennen fahren zu können, ­einen Flachbildschirm-TV fürs Clubheim zu kaufen. Scrollt man durch die Tausenden von Angeboten, ist auch ein bisschen Entdeckerlust dabei: Vielleicht stösst man auf die Erfindung des Jahrhunderts, oder zumindest des Jahres. Doch das meiste ist gar nicht so ausgefallen. Rucksäcke, Jacken, Computerspiele, alle mit dem Hinweis versehen, dass sie über unglaubliche Zusatzfunktionen verfügen. Ein Reisekissen mit neun Verwendungsmöglichkeiten. Kopfhörer mit leuchtenden Lautsprechern in Form von Katzenohren. Der erste und einzige Roboter-Trolley, der einen selbstfahrend begleitet und sogar auf den Verkehr achtet, damit man Hand und Aufmerksamkeit beim Smartphone haben kann. Die kreativen Geister begeistern oft Tausende, die enorm viel Geld investieren. So erhielten die Australier Cedar and Stuart Anderson über 13 Millionen Dollar für ihren Bienenstock, aus dem der Honig direkt ins Glas fliesst.

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