Covid
«Es muss viel Geld geflossen sein»: St.Galler Staatsanwaltschaft äussert sich zum Zertifikatsbetrug

Mittlerweile ist die Zahl der illegal ausgestellten Covid-19-Zertifikate auf 9000 geklettert. Zehn Personen wurden festgenommen. Einzelne von ihnen hatten in Testcentern gearbeitet und ihre Log-in-Daten verkauft, um an Impfzertifikate zu kommen.

Janina Gehrig
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Zwischen 300 und 800 Franken bezahlten rund 9000 Personen für ein illegal ausgestelltes Coronazertifikat.

Zwischen 300 und 800 Franken bezahlten rund 9000 Personen für ein illegal ausgestelltes Coronazertifikat.

Bild: Severin Bigler

Die Nummern auf den Impfzertifikaten führten zu Personen, die in einem Testcenter, nicht aber in einem Impfzentrum gearbeitet hatten. So kamen die Ermittler den Fälschern auf die Schliche. Während im Dezember letzten Jahres noch die Rede von rund 6000 illegal ausgestellten Impfzertifikaten war, hat die St.Galler Staatsanwaltschaft am Donnerstag die Zahl nach oben korrigiert: Man führe umfangreiche Untersuchungen im Zusammenhang mit über 9000 illegal hergestellten Covid-19-Zertifikaten, liess sie verlauten. Darunter sind rund 8000 Impfzertifikate, aber auch Genesenen- und vereinzelte Testzertifikate.

Zehn Personen seien bislang festgenommen worden. Es handelt sich dabei um vier Schweizer, drei Serben, einen Iraker, eine Serbin und eine Kroatin; alle mit Jahrgang zwischen 1992 und 2002. Gegen sieben Personen hat die Staatsanwaltschaft Antrag auf Untersuchungshaft gestellt. Aktuell würden sich noch drei Personen in Untersuchungshaft befinden, sagt der zuständige Erste Staatsanwalt, Christoph Ill. Im Weiteren kam es zu mehr als einem Dutzend Hausdurchsuchungen. Und: Bei einzelnen Beschuldigten handelt es sich um Mitarbeitende verschiedener Testcenter, die im Privatbereich ihre dienstlichen Accounts für die Erstellung von Covid-19-Zertifikaten missbraucht haben sollen.

Christoph Ill, Erster Staatsanwalt.

Christoph Ill, Erster Staatsanwalt.

PD

Zwischen 300 und 800 Franken für ein gefälschtes Zertifikat

Doch warum kann eine Person, die in einem Testcenter arbeitet, überhaupt ein Impfzertifikat ausstellen? «Genau das ist das Problem», sagt Ill. Wer über Log-in-Daten in einem Testcenter verfügte, konnte damit auch Impfzertifikate ausstellen, obwohl er oder sie gar keine Impfungen verabreicht hatte. Die Beschuldigten verkauften anderen Beschuldigten ihre Log-in-Daten beziehungsweise gewährten ihnen gegen Entgelt Zugang zu ihren Accounts, die damit ihrerseits missbräuchlich Zertifikate ausstellten. Die gefälschten Zertifikate fanden Absatz auf Social-Media-Kanälen oder über Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Käufer bezahlten für die illegalen Impf- und Genesenenzertifikate Beträge zwischen 300 und 800 Franken. Ill sagt:

«Es muss sehr viel Geld geflossen sein.»

Man habe viele Hinweise auf Barzahlungen. Aufgrund der grossen Menge an gefälschten Zertifikaten sagt er auch: «Ich gehe davon aus, dass wir weitere Personen ermitteln werden.»

Staatsanwalt überrascht über Ausmass des Betrugs

Der Erste Staatsanwalt zeigt sich überrascht über das Ausmass des Betrugs und «dass man so viel bezahlen kann für ein Zertifikat, das man durch eine gratis Impfung erhalten hätte». Es sei aber auch klar, dass für solche Zertifikate, die ein Stück Freiheit bedeuteten, ein Markt entstehen könne. So rechne man damit, dass das Problem auch noch in anderen Kantonen aufploppen werde.

Erste Hinweise über illegal ausgestellte Zertifikate erhielt das St.Galler Gesundheitsdepartement Anfang Dezember 2021 aus einem Testcenter. Fast gleichzeitig gingen auch bei der Kantonspolizei Meldungen ein, wonach illegale Zertifikate in Umlauf seien. «Die Untersuchungen gestalteten sich nicht einfach», sagt Ill. Er könne auch nicht ausschliessen, dass die grosse Zahl an Fälschungen nochmals steige. «Wir gehen aber nicht davon aus, dass es nochmals zu einem solchen Quantensprung kommen wird.» Das wisse man aus dem Abgleich der Daten.

Eine Handvoll Selbstanzeigen

Wie die Staatsanwaltschaft St.Gallen weiter angibt, trifft sämtliche Beteiligte, also die Hersteller, Mittäter und Käufer der Zertifikate, der Vorwurf der Urkundenfälschung und allenfalls weiterer Delikte. Die Hersteller der illegalen Zertifikate müssten mit einer Anklage beim zuständigen Gericht rechnen. Bei einer möglichen Verurteilung hängt das Strafmass von den konkreten Vorwürfen und den individuellen Verhältnissen der Beschuldigten ab.

Wer sich ein Zertifikat ausstellen liess, werde voraussichtlich einen Strafbefehl mit einer einkommensabhängigen Geldstrafe und einer Busse erhalten sowie die Verfahrenskosten zu tragen haben.

Kriminell erlangte Gewinne sollen eingezogen werden. Bislang habe sich eine Handvoll Abnehmerinnen und Abnehmer zu einer Selbstanzeige entschlossen. Wenn sich jemand einsichtig zeige, könne er damit rechnen, dass die Strafe um rund einen Drittel tiefer ausfalle, sagt Ill.

Sonderkommission eingesetzt

Derweil arbeiten die Staatsanwaltschaft und die Kantonspolizei St.Gallen weiter an den Untersuchungen. Fünf Staatsanwältinnen und Staatsanwälte führen die Strafverfahren. Die Kantonspolizei hat eine Sonderkommission gebildet und steht mit mehr als zehn Mitarbeitenden im Einsatz. Vor allem die Auswertung diverser Datenträger werde noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Ausserdem stünden weitere Einvernahmen der verschiedenen Beteiligten an, heisst es von Seiten der Staatsanwaltschaft. Aufgrund der umfangreichen Untersuchungen könne deshalb kein Datum für den Abschluss des Verfahrenskomplexes genannt werden.

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