Coronamassnahmen
Nach Protesten gegen Maskenpflicht an St.Galler Primarschulen: Bildungschef und oberster Schulleiter rufen zur Solidarität auf – und die SVP stellt kritische Fragen

Die Coronamassnahmen an den Ostschweizer Schulen sind im nationalen Vergleich moderat. Dennoch stossen sie teils auf Widerstand. In St.Gallen erreicht die Diskussion über die Maskenpflicht ab der vierten Primarklasse nun auch die Politik.

Adrian Vögele
Drucken
In St.Gallen gilt neu eine Maskenpflicht ab der vierten Primarklasse.

In St.Gallen gilt neu eine Maskenpflicht ab der vierten Primarklasse.

Bild: Anthony Anex / KEYSTONE

Die Corona-Fallzahlen in der Schweiz erreichen neue Rekordhöhen. Nach Neujahr hat die Schule in vielen Kantonen mit verschärften Coronamassnahmen begonnen. Bern, Zürich und Tessin etwa haben die Maskenpflicht bereits ab der ersten Primarklasse eingeführt.

Verhältnismässig moderat sind die Einschränkungen für den Schulbetrieb bislang in den Ostschweizer Kantonen. Im Thurgau und beiden Appenzell müssen Schülerinnen und Schüler ab Sekundarstufe I Masken tragen, zugleich finden repetitive Tests statt. St.Gallen führt weiterhin nur nach Ausbrüchen an Schulen Tests durch – hat aber per Anfang Jahr die Maskenpflicht ausgeweitet, sie gilt bereits ab der vierten Primarklasse. Das St.Galler Bildungsdepartement begründete dies wie folgt: Die hoch ansteckende Omikron-Variante nehme überhand, und man wolle «verhindern, dass Klassen oder Schulen wegen gehäufter Fälle von Isolation und Quarantäne den Präsenzunterricht unterbrechen müssen».

Widerstand in Wattwil, Widnau und St.Gallen

Gegen die Maskenpflicht auf der Mittelstufe gibt es Widerstand. In Wattwil haben sich 70 Personen mit einem Schreiben an den Schulrat gewandt und die Aufhebung sämtlicher Coronamassnahmen verlangt. Auch in Widnau wehrten sich diese Woche mehrere Dutzend Personen gegen die Maskenpflicht, wie der Fernsehsender TVO berichtet. Sie teilten der Schulleitung mit, dass sie die Kinder ohne Maske zur Schule schicken würden. Laut Schulpräsident Richard Dünser waren auch Lehrpersonen beteiligt. Morgens vor Schulbeginn fanden Kundgebungen statt, am Eingang wurden Kerzen aufgestellt. Die Schule setzte die Maskenpflicht aber durch. Eine Protestaktion mit Kerzen gab es auch vor dem Bildungsdepartement in St.Gallen.

Stefan Kölliker, St.Galler Bildungschef (SVP).

Stefan Kölliker, St.Galler Bildungschef (SVP).

Bild: Donato Caspari

Angesprochen auf die Proteste, sagt Bildungschef Stefan Kölliker (SVP) gegenüber TVO: «Die St.Galler Regierung und der Bildungsrat sind bezüglich der Coronamassnahmen sehr darauf bedacht, die Schule möglichst zu verschonen – die Schülerinnen und Schüler genauso wie die Lehrpersonen. Daher bin ich der Meinung: Jetzt wäre Solidarität gefragt.»

Auch Thomas Minder, Schulleiter in Eschlikon und Präsident des Schweizer Verbands der Schulleiterinnen und Schulleiter, fordert alle Beteiligten dazu auf, die Massnahmen an den Schulen mitzutragen. Er habe Verständnis für die Sorgen der Eltern, sagt Minder im TVO-Talk «Zur Sache». «Niemand von uns trägt freiwillig eine Maske. Aber damit erreichen wir einen gewissen Schutz. Ich wäre froh, wenn nun alle zusammenhalten und am gleichen Strang ziehen würden.»

Oberster Schulleiter: Einheitliche Regeln wären besser

Thomas Minder, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH).

Thomas Minder, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH).

Bild: Reto Martin

Ab welcher Altersstufe eine Maskenpflicht angebracht sei, müssten die Gesundheitsbehörden beurteilen und entscheiden, sagt Minder. Dass von Kanton zu Kanton unterschiedliche Massnahmen an den Schulen gelten, erschwere allerdings die Diskussion. Manche Eltern würden zu Recht die Frage stellen, warum etwa in St. Gallen eine Maskenpflicht für manche Primarschüler herrsche, im Thurgau aber nicht.

Minder würde daher schweizweit einheitliche Regeln begrüssen. Dennoch: Es gelte, die Vorgaben einzuhalten, auch wenn sie je nach Kanton unterschiedlich seien.

Zur Personalsituation an den Schulen sagt Minder: «Manche Schulen blieben bisher verschont, andere haben bereits mit mehreren gleichzeitigen Ausfällen zu kämpfen.» Mehrere Stellvertretungen zugleich zu finden, sei für die Schulen sehr schwierig. Man müsse damit rechnen, dass diese Situation vermehrt eintreten werde – angesichts von schweizweit 30000 neuen Coronafällen pro Tag. Minder geht auch davon aus, dass sich ganze Klassen in Quarantäne begeben müssen. Aber: «Wenn immer möglich werden wir den Präsenzunterricht aufrechterhalten.» Es sei zudem paradox, von Schulschliessungen zu reden, wenn gleichzeitig immer noch Grossveranstaltungen stattfänden.

SVP: «Auswirkungen der Maskenpflicht weitgehend unerforscht»

Die Maskenpflicht für St.Galler Primarschülerinnen und Primarschüler beschäftigt einstweilen auch die Politik: Am Freitag meldete sich die SVP zu Wort und kündigte einen parlamentarischen Vorstoss im Kantonsrat an. Es sei «weitgehend unerforscht, welche Auswirkungen eine Maskenpflicht bei Kindern auf die Gesundheit und die Entwicklung hat», schreibt die SVP-Fraktion in ihrer Mitteilung. Sie will von der St.Galler Regierung wissen, auf welcher Faktenbasis sie den Entscheid gefällt habe.

Aktuelle Nachrichten