Corona-Virus: Die Ostschweizer Kantone sind in Alarmbereitschaft – gesucht werden noch mehr Quarantänemöglichkeiten

Sollte sich das Corona-Virus ausbreiten, stehen in der Ostschweiz Krisenstäbe bereit. Sie suchen noch nach Quarantänemöglichkeiten.

Larissa Flammer und Noemi Heule
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Für eine Überreaktion gebe es keinen Grund, betonen die Kantonsärztinnen in der Ostschweiz. Atemmasken, wie hier in Mailand, sind denn auch kaum anzutreffen.

Für eine Überreaktion gebe es keinen Grund, betonen die Kantonsärztinnen in der Ostschweiz. Atemmasken, wie hier in Mailand, sind denn auch kaum anzutreffen.

Andrea Fasani / EPA

Der Bund informiert, die Kantone sind alarmiert. So könnte man die Lage zum Corona-Virus kurz und knapp zusammenfassen. Während Bundesrat Alain Berset gestern die Bevölkerung über die aktuellen Entwicklungen in Kenntnis setzte, herrscht in den Kantonen erhöhte Alarmbereitschaft. Sie sind für die Umsetzung der vom Bundesamt für Gesundheit ausgearbeiteten Richtlinien verantwortlich. Von Panik sind die Kantonsärztinnen im Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen weit entfernt. Vorbereitet sind sie allerdings allemal.

Bettina Kunz, Informationsdienst Thurgau

Bettina Kunz, Informationsdienst Thurgau

Donato Caspari

Die Ostschweizer Kantone haben je einen sogenannten Fachstab einberufen, in dem etwa im Thurgau Vertreter des Amtes für Gesundheit, für Bevölkerungsschutz und Armee, für Feuerschutz, des Veterinäramts, der Polizei und des Informationsdiensts Einsitz nehmen. Bereits jetzt tauscht dieser sich mehrmals pro Woche aus und koordiniert Vorbereitungsmassnahmen. «Dazu gehört, dass die für solche Fälle vorgesehenen Anlagen, in denen etwa Personen isoliert werden könnten, überprüft werden», schreibt der Kanton Thurgau in einer gestern veröffentlichten Mitteilung.

Um am Corona-Virus erkrankte Personen zu beherbergen und in Quarantäne zu setzen, würden sich verschiedene Orte eignen, sagt Bettina Kunz vom Informationsdienst. Weil die Abklärungen noch laufen, will sie sich nicht zu konkreten Anlagen äussern.

Zuhause in Quarantäne

Franziska Kluschke, Kantonsärtzin Appenzell Ausserrhoden

Franziska Kluschke, Kantonsärtzin Appenzell Ausserrhoden

PD

Die Frage nach genügend Quarantänemöglichkeiten beschäftigt auch in Appenzell Ausserrhoden. Verschiedene Anlagen würden als mögliche Isolationsstätten überprüft, sagt Kantonsärztin Franziska Kluschke. Solange lediglich der Verdacht auf eine Erkrankung bestehe und die Symptome leicht seien, sei eine Isolation zu Hause möglich. Bei schweren Symptomen sei eine Quarantäne im Spital aber aktuell die erste Wahl. Weil in Ausserrhoden begrenzte Isolationsmöglichkeiten für schwere Erkrankungsfälle zur Verfügung stehen, sei notfalls eine Koordination über die Kantonsgrenzen hinweg wichtig.

Mehrere Verdachtsfälle pro Woche

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden gab es bisher zwei Verdachtsfälle, acht sind es im Thurgau, in St.Gallen sind es mehrere pro Woche. Um als Verdachtsfall zu gelten, müssen momentan zwei Kriterien erfüllt sein: Die Person weist eine fieberhafte Atemwegsinfektion auf und ist von einer Chinareise zurückgekehrt oder stand in Kontakt zu einem bestätigten Fall. In der ganzen Schweiz hat sich allerdings bisher noch kein einziger Verdachtsfall bekräftigt. Bettina Kunz sagt:

«Falls sich die Lage zuspitzt, würde sich der ganze Fachstab sofort treffen.»

Auch der Ausserrhoder Stab würde unmittelbar eine Sitzung einberufen.

Zwar sei ein Grossteil der Fälle milder Natur, dennoch seien Vorsichtsmassnahmen nötig, weil man das neu entdeckte Virus und seine Konsequenzen noch nicht kenne. Und: «Wir haben momentan noch die Chance, die Übertragung in Europa einzudämmen», sagt Franziska Kluschke. Zur Überreaktion gebe es allerdings keinen Grund, betonen Vertreterinnen und Vertreter der Ostschweizer Kantone. Für die Bevölkerung gelten die gleichen Empfehlungen wie bei einer gewöhnlichen Grippe.

Konzentrierte Massnahme anstatt Schulen schliessen

Dass wie in Norditalien Schulen geschlossen oder gar ganze Gemeinden abgeriegelt werden, ist denn auch mehr als unwahrscheinlich. «Laut dem nationalen Epidemiegesetz könnte die Kantone theoretisch alle Schulen schliessen», sagt Bettina Kunz. Dafür müsste aber die Verhältnismässigkeit gegeben sein. Sollte es in einzelnen Schulen zu einer Infektion kommen, würde der kantonsärztliche Dienst zusammen mit der betroffenen Schule und der Gemeinde das weitere Vorgehen besprechen. Grundsätzlich liegt die Autonomie, die Schule ausfallen zu lassen, auf Gemeindeebene. Davon machten einige Schulen in der Ostschweiz während des Sturms vor zwei Wochen Gebrauch.

Danuta Reinholz, Kantonsärztin St.Gallen

Danuta Reinholz, Kantonsärztin St.Gallen

PD

Deutliche Worte findet Danuta Reinholz, Kantonsärztin in St.Gallen:

«Bei einer Grippewelle schliessen wir auch keine Schulen.»

Sie ist Mitglied des kantonalen Führungsstab, der sich gestern zu einer Sitzung traf. Statt flächendeckender Massnahmen seien im Falle einer tatsächlichen Ansteckungsgefahr konzentrierte und fokussierte Massnahmen nötig. Erkrankte Personen würden isoliert und mögliche Kontaktpersonen identifiziert.

Sie spricht von einer Überreaktion in der Lombardei, wo wegen weniger hundert Erkrankter eine ganze Region mit zehn Million Einwohner lahmgelegt werde. Derartige symbolische Massnahmen wie im Zentralstaat Italien seien in einem föderalistischen Land nicht nötig oder förderlich. Denn: «Die Bevölkerung schätzt die Lage realistisch ein.»

Der Kanton Graubünden hat mit einer Erkrankung im Valdidentro, das ans Val Müstair angrenzt, einen bestätigten Erkrankungsfall just hinter der Grenze. Er beruft ebenfalls einen Krisenstab ein, wie er gestern meldete. Genauso die Vorarlberger Landesregierung, die gestern ebenfalls informierte.

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